In diesem Jahr stellt sich die Stadt Stendal mit ihrem 850-Jahre-Fest selbst in den Mittelpunkt. Doch wo liegt eigentlich der Mittelpunkt der Stadt? Eben nicht auf dem Marktplatz, sondern in Stendal-Stadtsee.

Stendal l Man muss natürlich nicht mit dem Maßband losziehen, um rauszufinden, wo Stendals geografischer Mittelpunkt liegt. Das erledigen auf Nachfrage die Mitarbeiter im Bauamt der Stadt. Und deren Fadenkreuz liegt schließlich auf einer ziemlich unscheinbaren Stelle auf Asphalt. Ein bisschen im Nirgendwo der Dr.-Gustav-Nachtigal-Straße in Stendal-Stadtsee, nahe des Bordsteins vor dem Garagenkomplex an der Ecke zur Straße Am Mühlenhof, die schon den Übergang ins Villenviertel andeutet.

Eine Stelle auf geteerter Straße also markiert Stendals Mitte. Na, immerhin kein Gully... "Leider kein geschichtsträchtiger Ort", kommentiert der Pressesprecher der Stadt, Klaus Ortmann, die auf den ersten Blick unspektakuläre Lage dieses Mittelpunkts. Und doch lässt sich ein bisschen was erzählen über ihn.

Gerade Hausnummern gibt es nicht - und keine Nr. 7

Denn der Punkt liegt ganz in der Nähe einer ehemaligen Grenze inmitten der Stadt: der sogenannten Russenmauer. Die verlief nach der Stationierung der sowjetischen Soldaten in Stendal 1945 bis Anfang der 1990er Jahre direkt durch die Straße Am Mühlenhof. Ohne privates Gelände betreten zu müssen, kann man ein Stück dieser Mauer in der Straße Am Mühlenhof sogar noch besichtigen.

Aber nicht nur das: Stendals Mittelpunkt - der eben nicht im vermeintlichen Stadtzentrum, also auf dem Marktplatz, liegt - befindet sich heute an einer Stelle, die bis Mitte vorigen Jahrhunderts noch ziemlich unbelebt, oder besser gesagt: unbebaut war. Auf alten Ansichten und Plänen zeigt sich das Gelände, das heute als Stendal-Stadtsee zum Stadtgebiet gehört und keineswegs Randlage ist, noch recht ländlich. Außerhalb des Walls ragten lediglich die Kasernengebäude als Silhouette heraus. Das änderte sich vehement, als Anfang der 1970er Jahre die Fünfgeschosser in der Dr.-Gustav-Nachtigal-Straße hochgezogen wurden. Die heutigen Hausnummern 9 bis 21 (nur die ungeraden) gibt es seit 1972. Der Elfgeschosser mit den Hausnummern 1, 3 und 5 entstand 1981.

Gerade Hausnummern gibt es nicht, und auch keine Nummer 7. "Nach dem neuen Hausnummernsystem liegen die geraden auf der rechten Straßenseite, die ungeraden auf der linken", erklärt Stadtsprecher Klaus Ortmann. Und auf der rechten Straßenseite befinden sich nunmal ein größerer Parkplatz sowie der Garagenkomplex. Und was ist mit der Nummer 7? Die läge theoretisch an der Einmündung der Lorenz-Kokenbecker-Straße. "Da ist noch eine freie Fläche, das Grundstück bleibt aber frei."

Nah am Zentrum, tolle Aussicht auf die Stadt

Dennoch: Die zehn Aufgänge, die es hier gibt, beherbergen 367 Bewohner. Und neben dem ein oder andern Selbständigen, der hier sein Domizil hat - wie zum Beispiel eine Schneiderin und ein freischaffender Maler und Grafiker -, findet sich zum Beispiel in der Dr.-Gustav-Nachtigal-Straße 5 die Frühförderstelle der Lebenshilfe Osterburg, und die Stendaler Rheumaliga hat in derselben Hausnummer ihr Büro.

Wer die Wohnblöcke in Plattenbauweise von außen nicht sonderlich hübsch findet, könnte zumindest mit einem tollen Ausblick Glück haben. Denn schaut man auf der Ostseite der Fünf- oder Elfgeschosser aus dem Fenster, dann hat man beste Aussicht auf die Stadt mit ihren Kirchtürmen. Und ganz nah dran am Zentrum ist man auch, wenn man hier - in Stendals geografischer Mitte - wohnt. Ruckzuck ist man über den Mönchskirchhof in der Bibliothek und gleich in der Altstadt, oder man macht einen Schlenker zum Uenglinger Tor oder Richtung Petrikirche. Und zur Erholung ist der Stadtsee auch nicht weit.

Die Anwohner jedenfalls sehen in der Lage ihres Viertels ziemlich viele Vorteile, schätzen das freundliche Miteinander und die Ruhe (siehe grüner Kasten rechts).

Berechnet wurde Stendals Mittelpunkt übrigens bezogen auf das Gebiet der Stadt Stendal - inklusive der alten Ortsteile Röxe, Wahrburg und Borstel. Und daraus ergibt sich dann, dass er auf dem Längengrad mit der Koordinate 11.848366 liegt - so wie etwa auch Travemünde, Quedlinburg und die Zugspitze. Und den Breitengrad 52.604887 teilt er sich - so ungefähr jedenfalls - mit Den Haag, Hameln, Warschau und dem Baikalsee. Er braucht sich also gar nicht zu verstecken, der Kleine.

   

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