Harmonien können von uns Menschen in vielen Lebensbereichen erfahren werden. Im Erleben von Harmonien liegt der Sinn des Lebens - eine These, über die nachzudenken lohnt. Harmonien können in der Familie, im Zusammensein mit Menschen, in der Beschäftigung mit zum Beispiel der Malerei im Speziellen, der Kunst im Allgemeinen oder im Hören von Musik, aber vor allen Dingen in dem unendlich großen Bereich der organischen Schöpfung, der Natur, erlebt werden. Voraussetzung ist, dass wir unsere Empfänglichkeit für Harmonien nicht verloren haben.

Dort, wo wir keine Harmonien erleben, sind die Bereiche, die uns täglich freiwillig oder unfreiwillig beschäftigen: Fernsehen, Talkshows, Autos, Handys, Computer, Konsum, Geldvermehrung etc. Aufgrund der totalen Dominanz des ökonomisch orientierten technokratisch-szientistischen Denkens und Handelns, welches nur das Mess- und Zählbare für wahr und wichtig hält, erscheint der Hinweis auf die große Bedeutung des subjektiven Empfindens von Harmonien als naiv-romantische Schwärmerei.

Intuition kann nicht durch Computer ersetzt werden

Ein Beispiel sollte uns aber nachdenklich machen: Der erfahrene, seinen Beruf noch als Berufung auffassende Arzt kann oft innerhalb weniger Sekunden erkennen, dass mit seinem Patienten etwas nicht stimmt, dass Körper und Seele aus dem Gleichgewicht geraten sind. Diese Fähigkeit wird "klinischer Blick" genannt. Es ist nichts anderes als das Bauchgefühl, welches einer liebevollen Mutter "mitteilt", dass ihr Kind nicht in Ordnung ist. Ein typischer fataler Irrtum unserer Zeit besteht darin zu glauben, diesen in Sekundenschnelle ablaufenden Erkenntnisvorgang durch Computer- berechnung ersetzen zu können.

In der organischen Schöpfung, mit ihrer uns unerklärlichen Ordnung, begegnet uns eine Vielzahl vielfältigster Harmonien. Wer bereit ist, diese auf sich einwirken zu lassen, erfährt nicht nur Momente der glücklichen Bescheidenheit, die die "Entleerung" seiner Seele verhindern, sondern entwickelt Ehrfurcht vor und Liebe zu allem Lebendigen.

Aus einer solchen Einstellung zum Leben erwächst Mitgefühl und Mitleid, Empathie und Verantwortung für alles, was da kreucht und fleucht. Derjenige, der Harmonie empfindet, erkennt Disharmonien und versucht, soweit es in seiner Macht steht, helfend einzugreifen, weil er nicht wegschauen kann, anders als viele andere.

Die von uns allen beklagte Dehumanisierung unserer Zeit ist Folge einer systematischen Verführung. So wird der Mensch permanent aufgefordert, Harmonien dort zu suchen wo keine sind, sodass er, wenn er diese Verleitung nicht erkennt, zu einer kalten, unglücklichen Roboter-Mensch-Chimäre zu verkommen droht.

Prof. Ulrich Nellessen ist Ärztlicher Direktor am Johanniter-Klinikum Genthin-Stendal