Mit "Der Held der westlichen Welt" hat am 19. Februar eine irische Tragikomödie in Stendal Premiere, die bei ihrer Uraufführung 1907 für einen Tumult sorgte. Volksstimme-Redakteurin Nora Knappe sprach mit dem Regisseur Hannes Hametner über entzauberte Helden, die Sinnlichkeit von Sprache und Hametners Hass auf Aldi-Tüten auf der Bühne.

Volksstimme: Herr Hametner, Sie haben in Leipzig, Salzburg, Moskau und Berlin inszeniert, um nur einige Stationen zu nennen. Seit letztem Jahr auch in Stendal. Nach "Warten auf Godot" und "Unkraut vergeht nicht" sind Sie wieder als Gastregisseur am TdA verpflichtet, was zieht Sie her?

Hannes Hametner: Ich sag immer, Stendal ist ein Vorort von Berlin (lacht). Es hat den Vorteil, dass es von Berlin aus, wo ich lebe, in 50 Minuten mit dem ICE erreichbar ist. Und hier wird hochdeutsch gesprochen mit leichtem Berliner Akzent, da fühle ich mich sofort zu Hause.

Volksstimme: Sicher liegt es nicht nur an der guten Zuganbindung ...

Hametner: Klar. Das Theater hier hat meine große Sympathie. Ich kenne die Leitung und die Schauspieler ja inzwischen, man fängt nicht bei Null an, hat schon eine Arbeitsbeziehung. Man kann etwas entwickeln, und das ist ja ganz wichtig beim Theater.

Volksstimme: Was hat Sie gereizt, den "Held der westlichen Welt" hier zu inszenieren?

Hametner: Das Schöne am TdA ist, dass wir versuchen, gemeinsam eine Sicht zu finden. Auslöser dafür, mal genauer auf diese Tragikomödie zu schauen, war in diesem Falle das Spielzeit-Thema "Land in Sicht". "Der Held der westlichen Welt" ist interessanterweise ein wenig bekanntes Stück, obwohl es eigentlich ein Klassiker ist. Die drei Akte spielen alle in einer Kneipe, ein Fremder kommt in eine eingeschworene Gemeinschaft von Dorfbewohnern, die ihre Wünsche und Träume auf diesen Fremden projizieren. Eine ganz klassische Dramaturgie. Die Frage ist, was mit und in den Dorfbewohnern nun passiert. Im Übrigen gibt es zwischen diesem Stück und "Warten auf Godot" auch interessante Verbindungen: Bei "Godot" warten sie auf den Schleuser, also gewissermaßen den Erlöser, in dem Stück jetzt wird ein Mensch zum Erlöser gemacht. Auch im Detail gibt es Parallelen, die zu entdecken mir persönlich Vergnügen bereitet.

Volksstimme: "Der Held der westlichen Welt" ist 104 Jahre alt, Sie übernehmen den etwas altertümlich wirkenden Text?

Hametner: Ja, ich halte mich bei der Inszenierung an die deutsche Übersetzung von Peter Hacks. Diese Sprache in ihrer Ursprünglichkeit finde ich gut. Hacks hat das im Auftrag von Brecht gemacht, der sich in seinen späten Jahren sehr für das Thema Naivität interessiert hat und der Überzeugung war: Man muss staunen über die Welt. Wir meinen, immer alles schon zu wissen, aber wir tun nur so und haben verlernt, zuzuhören, genau hinzuschauen und zu staunen. Die Figuren im "Helden" sind alle im besten Sinne naiv, so pur und direkt mit ihren Wünschen, Träumen und Ängsten. Ihr Kern ist liebevoll, und ich denke, jeder von uns hat solch einen Kern.

Volksstimme: Dem Text bleiben Sie treu, verändert sich das Stück in Ihren Händen trotzdem?

Hametner: Ihre Frage ist interessant, weil sie das Missverständnis, das aktuell zum Thema Regietheater viel diskutiert wird, benennt. Als sei der Regisseur derjenige, der das Stück "verändere" oder, was ja oft geschieht "aktualisieren" müsse. Ich sehe das so: Der Besucher, der ins Theater geht, kommt ja aus dem Hier und Jetzt, bringt es mit, da muss ich ein Stück nicht auch noch ins Jetzt werfen. Aktuell ist die Geschichte selbst, da braucht sie nicht die Gegenwart als Gewand. Es gibt ja diesen Trend, die soziale Realität um jeden Preis ins Theater zu holen, aber ich hasse Aldi-Tüten auf der Bühne! Dafür ist Theater nicht da, es muss sich nicht in alle Richtungen absichern, sondern soll Räume aufmachen, gedankliche und sinnliche. Insofern versuche ich "das Einfache, das schwer zu machen ist", wie Brecht sagte, nämlich eine Geschichte interessant und unterhaltsam zu erzählen.

"Ich hasse Aldi-Tüten auf der Bühne"

Volksstimme: Auch deswegen also das Festhalten an der alten Sprache?

Hametner: Unbedingt! Die muss man erstmal in den Mund kriegen. Sprache ist ein Reservoir von Gedanken und Bildern und Sinnlichkeit, mit dem man sich immer wieder beschäftigen und woran man sich bedienen muss. Ich glaube, dass auf diese Weise Genuss entsteht ..., wenn Sprache zu Musik wird. Würden wir die Sprache nur auf ihre inhaltliche Bedeutung reduzieren, wäre das eine große Missachtung. Sprache ist auch eine sinnliche Erfahrung, besonders im Theater.

Volksstimme: Bei der Uraufführung des "Helden der westlichen Welt" im Januar 1907 in Dublin soll es einen Tumult gegeben haben, das Publikum sah sich in seiner Ehre gekränkt. Passiert sowas heutzutage auch noch?

Hametner: Einen Skandal können Sie heute ganz schnell haben, da braucht man die Schauspieler nur alle nackt auftreten zu lassen oder in Springerstiefeln. Aber im Ernst: Wir müssen sehen, warum es damals Aufruhr gab: Weil die Leute auf der Bühne so redeten wie im richtigen Leben. Sie redeten eben wie irische Bauern. Noch dazu hat John Millington Synge die irischen Helden-Mythen persifliert und sie dem Lachen preisgegeben. Das ging natürlich gar nicht. Die Leute wollen ihren Helden, ihren Erlöser. Also haben die Zuschauer genau reagiert wie die Figuren im Stück, interessant, nicht?

Volksstimme: Entzauberte Helden sind das zentrale Thema des Stücks – das scheint mir sehr aktuell. Wollen oder müssen wir heutzutage nicht alle Helden sein, mehr scheinen und darstellen, als wir eigentlich können?

Hametner: Heldsein ist ein durch die Medien aufgeblasenes Thema. Dabei geht es um eine der wichtigsten Ressourcen des Menschen: die Aufmerksamkeit. Die Medien bieten Teil-Helden, die eben diese Aufmerksamkeit bekommen. Man weiß aber gar nicht mehr, was wirkliche Helden sind. Woran sollen sich junge Menschen orientieren? Heute erleben wir tagtäglich, wie Helden dekonstruiert werden. Sei es der Sportler, der des Dopings überführt wurde, oder der Politiker, der sich als moralische Instanz gebiert und dabei selbst nur Schmutz an den Fingern hat. Die Menschen an der Spitze der Gesellschaft sind häufig die mit der geringsten Moral, aber von uns wird sie erwartet. Das Stück zeigt, im Idealfall, die Mechanismen, wie so ein Held konstruiert wird.

Volksstimme: Es ist nicht leicht, ein Held zu sein. Haben Sie denn ein persönliches Vorbild?

Hametner: Ja, hab ich. (Er schweigt.)

Volksstimme: Wollen Sie das näher erklären?

Hametner: Es sind Menschen, die ich aus meinem persönlichen Umfeld kenne, die die Werte, die sie haben, auch leben. Davor habe ich große Achtung.

"Träume selbst in die Tat umsetzen"

Volksstimme: Vorbildsein hat demnach mit Authentizität zu tun?

Hametner: Ja. Und bei allem Aufschneiden und allen Projektionen ist doch auch der Protagonist im "Helden" sehr authentisch. Durch seine sympathisch naive Art. Aber um zum Wort Held zurückzukommen: Das Wort ist zu überladen, finde ich. Vorbild ist besser. Man darf die Figur, die Held oder eben Vorbild sein soll, nicht überfordern. Vielleicht sollte man ganz einfach selbst versuchen, seine Wünsche und Träume umzusetzen, statt darauf zu warten, dass es jemand anders tut. Da möchte ich sagen: Handle selbst, werde selbst zum Helden!

Volksstimme: Vielleicht ist es auch so schwer, Held zu sein, weil einem ein Scheitern nicht zugestanden wird?

Hametner: Das stimmt. Der Anspruch, unfehlbar zu sein, ist Blödsinn und selbst zum Scheitern verurteilt. Ein wirklicher Held ist jemand, der auch scheitern kann. Es gibt dieses Sprichwort von Samuel Beckett: "Versucht und gescheitert? Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." Ich finde, das trifft es.

Volksstimme: Eigentlich hätte der "Held der westlichen Welt" auch schon gut zur vorigen Spielzeit "Tatmenschen" gepasst...

Hametner: Ja, stimmt, mit dem Superman, der als gescheiterter Held auf dem Theatervorplatz gelandet ist. Vielleicht passt das Stück ja sogar auch zur nächsten Spielzeit, die soll das Motto "Angst" haben.

Volksstimme: Herr Hametner, Sie werden dieses Jahr 40 – mit Blick auf diese erste gute Hälfte Ihres Lebens, würden Sie sagen, Sie sind ein Vorbild?

Hametner: Ich hoffe, für meine Tochter und meinen Sohn. Kinder kann man nur erziehen, indem man ihnen Vorbild ist. Und wenn mir das gelingt, würde mich das freuen.