Stendal. "Ganz locker, wie in einer Familie." Netter hätte eine Einladung zur Diskussion nicht sein können. Reiko Lühe vom Altmärkischen Gehörlosenverein ermunterte damit am Mittwochabend vier Landtagskandidaten zu ehrlichen, offenen Antworten auf die Fragen der rund 30 Gäste.

Bis auf Adolf Gröger von den Grünen, der sich entschuldigen ließ, hatten Mario Blasche (Linke), Hardy Güssau (CDU), Tilman Tögel (SPD) und Marcus Faber (FDP) auf dem Podium Platz genommen. Abgesehen vom allgemein bewegenden A-14-Ausbau, hatten sie Gelegenheit, sich zu Themen zu äußern, die speziell die Hörbehinderten betreffen. Sehr lebenspraktische Fragen, die die Politiker zu Teilen auch in ihrer Tätigkeit auf Stadt- oder Kreisebene einbringen können.

So treibt die Altmärkischen Gehörlosen die Sorge um die Zukunft der Beratungsstelle in Stendal um. "Sie muss bleiben, nur so kann die Gehörlosenbetreuung hier weiter funktionieren", betonte Adolf Kuß. Mehr als zu versprechen, sich dafür einzusetzen, konnten die Kandidaten nicht, versicherten aber, dass ihnen keine Schließungspläne bekannt seien. Bernd Zürcher vom Paritätischen gab als Hintergrundinformation, dass neben der Förderung vom Land auch der Landkreis finanziell beteiligt ist und sich dessen Zuschuss für Miete und Betriebskosten sogar erhöht habe.

Die Ausbildungs- und Arbeitsmarktchancen für Gehörlose sind ein Thema, das den Gastgebern besonders Sorgen bereitet. Ob die Bildungszentren für Hörgeschädigte in Halle und Halberstadt bestehen bleiben würden, wurde gefragt. Es gebe Befürchtungen, dass diese Schulen auf Integrationsschulen verteilt werden sollen. Solcherlei Pläne seien ihnen nicht bekannt, antworteten die vier Kandidaten einhellig und machten einen thematischen Schlenker zur Förderschul- und Bildungspolitik im Allgemeinen.

Nach der Schule gebe es für Hörbehinderte einen großen Bruch, sagte ein Gast, Arbeitslosigkeit sei ein großes Problem. "Arbeitgeber müssen da, vor allem auch angesichts des Fachkräftemangels, in der Tat umdenken", stellte Hardy Güssau fest, und Mario Blasche sagte: "Auch der öffentliche Dienst und die Kommunen müssen sich hier stärker ihrer Verantwortung stellen."

Teilhabe am öffentlichen Leben passiert auch für Hörbehinderte viel über Medien. Nur dass sie auf Untertitelung oder Gebärdendolmetscher angewiesen sind. "Wenn man alle Sendungen untertiteln wollte, wäre das finanziell schwierig", sagte Tilman Tögel, "aber wir drängen den MDR, dass die Quote weiter gesteigert wird."

Unzufrieden zeigen sich die Stendaler Hörbehinderten auch mit dem öffentlichen Nahverkehr. Rufbusse kämen für sie gar nicht in Frage, weil sie eben nicht telefonieren könnten. Marcus Faber berichtete in diesem Zusammenhang von einem System in Australien: "Dort ist es gang und gäbe, dass Rufbusse nur über SMS bestellt werden."