Der Festsaal im "Schwarzen Adler" ist gut gefüllt, die Gäste der Abendveranstaltung fühlen sich bestens unterhalten. Und doch ist es erstaunlich still. Nur das Klappern von Besteck und zwischendurch immer mal wieder ein deutlich zu vernehmender kehliger Laut. Das ist die Geräuschkulisse des Gehörlosentags am Wochenende.

Von Nora Knappe

Stendal. Für Hörende ist es eine fast stumme Veranstaltung, selbst der Applaus für gelungene Gebärden-Redebeiträge und kulturelle Einlagen ist still: die Hände der Gäste recken sich in die Höhe und zappeln mit ausgestreckten Fingern in der Luft. Und was sonst oft das Interessanteste ist, bleibt denen, die die Gebärdensprache nicht beherrschen, an diesem Abend verborgen: das Getuschel mit dem Nachbarn, eine Zwischenbemerkung hier und ein Kommentar da.

20 Jahre Gehörlosenbewegung in Sachsen-Anhalt nach der Wende werden gewürdigt und zusammen mit dem 3. Kultur- und Kunsttag der Hörbehinderten in der Altmark gefeiert. Alles sehr still, aber auf leise Art spürbar feierlich.

Den Zuschauern ist anzumerken, dass sie sich amüsieren. Nachdem sie den bewegenden Film "Still-Leben" des gehörlosen Künstlers Manfred Merz über den sozialen Abstieg eines Gehörlosen gesehen haben, geht es nun auf der Bühne heiter zu. Der gebärdende Komiker und Magier Horst Bormann aus Leipzig holt gerade einige aus dem Publikum nach vorn, um ein pantomimisches Kammerorchester zusammenzustellen. Die Auserkorenen spielen wunderbar mit, witzeln lautlos mit dem Hauptakteur und sorgen für Glucksen und Händezappeln im Saal. Es herrscht gute Stimmung.

Die wird durch Steffen Klein weiter angeheizt, der auf Festen in Stendal schon mehrfach aufgetreten ist: Der junge Mann macht eine Art Playback-Show für Gehörlose, er übersetzt Pop- und Rocksongs in Gebärdensprache und schafft damit eine ganz eigene Kunstform, die auch den Hörenden aufmerksam zuschauen und so manche wunderbare Gebärde entdecken lässt, zum Beispiel die für den Perlentaucher im Rosenstolz-Song.

Die stummen Lacher auf ihrer Seite hat am späteren Abend die altmärkische Gehörlosen-Theatergruppe "Deaf Comedians". Alexander Adler und Thomas Niebylski amüsieren mit der Gebärdenvariante von "Dinner for One".

Beratung per Busmobil

Die Abendveranstaltung ist der krönende Abschluss eines Tages im "Schwarzen Adler", der ganz den Gehörlosen der Altmark und Gästen aus Sachsen-Anhalt gehörte. Eingeladen hatte die Gehörlosengemeinschaft Sachsen-Anhalt e.V., die im März 2005 als Nachfolger des Gehörlosenverbandes Sachsen-Anhalt (1991 bis 2005) gegründet wurde. Angegliedert sind neun Vereine mit fast 400 Mitgliedern, dem Altmärkischen Gehörlosenverein gehören an die 60 Mitglieder an.

Der Vorsitzende der Gemeinschaft Adolf Kuß gab am Nachmittag einen kurzen Überblick über die Geschichte der Gehörlosenbewegung in Sachsen-Anhalt nach der Wende und verwies mehrfach auf die große Unterstützung aus Niedersachsen, die die Anfänge hier um ein Vielfaches leichter gemacht hätten.

Von den anfänglichen Problemen der Gehörlosen in der Region berichtete auch ein Film mit Ausschnitten aus verschiedenen Fernsehsendungen, die unter anderem den Aufbau der Stendaler Beratungsstelle begleiteten. Bis dahin wurden die altmärkischen Gehörlosen nämlich über ein Beratungsmobil aus Magdeburg betreut.

Der Gang zu Ämtern wurde für Gehörlose deutlich erleichtert, als eine Vermittlungsstelle für Gebärdensprachdolmetscher eingerichtet wurde, gekrönt 1997 von der Gründung eines Studiengangs für Gebärdensprachdolmetscher an der Hochschule in Magdeburg. Spezielle Treffen für gehörlose Senioren und Frauen sind weitere Errungenschaften, die Adolf Kuß hervorhob.

Dennoch: Der Kampf der Gehörlosen für ihre Belange geht weiter. Auch wenn SMS und E-Mail große Erleichterung für die Kommunikation gebracht haben, stehen einige Dinge immer noch ganz oben auf der Agenda: Die Einrichtung einer Notruffaxnummer zum Beispiel, damit Gehörlose Polizei, Feuerwehr oder Notarzt rufen können. Auch die Untertitelung von zumindest Nachrichten- und wichtigen Sportsendungen im MDR ist immer wieder Thema. "Da ist Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern, wo fast alle Sendungen mit Untertiteln gezeigt werden, noch Entwicklungsland", sagte Adolf Kuß.

Wichtige Wegbereiter und Gestalter auf dem Weg der Gehörlosengemeinschaft sind neben Kuß selbst Gisela Neuling und Gudrun Scheller, die von der Gründung bis heute dabei sind. Alle drei wurden auf der Tagung am Sonnabend mit der Ehrennadel des Deutschen Gehörlosenbundes ausgezeichnet.

Immer weiterkämpfen

"Ihr habt Höhen und Tiefen miterlebt, habt beide eine große Klappe und habt beide gekämpft. Dafür gilt euch unser Dank", sagte Kuß humorvoll anerkennend. Der Dank ging ebenso an ihn – Uwe Kapper vom Wittenberger Gehörlosenverein zog nicht nur als Gebärde seinen Hut vor ihm: "Adolf Kuß hat nie geschlafen, hat immer wieder gekämpft und gekämpft für die Gehörlosengemeinschaft. Und das bis heute, mit seinen fast 70 Jahren." Der so Gelobte versprach denn auch: "Ich höre nicht auf. Ich mache weiter, solange ich kann."

Viele zappelnde Hände in der Luft zeigen, dass er damit genau das Richtige gesagt hat und wiederum viel Dank erntet. Stiller, begeisterter Applaus.

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