Die Altmärker werden älter und weniger. Bis zum Jahr 2050 könnte sich die Einwohnerzahl von 215 000 auf bis zu 160 000 verringern und sich das Durchschnittsalter auf um die 50 Jahre einpendeln. Eine große Herausforderung für die Altmark. Sie hat schon einmal bewiesen, dass sie Umbrüche bewältigen kann – nach der Wende 1990. Nur müssen die Altmärker wissen, wohin sie steuern wollen und ob sie auf Unterstützung durch die Politik hoffen können. Heute Teil V der Volksstimme-Serie " Altmark 2050 " : Kultur und Freizeit.

Salzwedel / Stendal. Kultur im ländlichen Raum – in der Altmark kein Widerspruch. Die Region blickt auf ein reiches kulturelles Erbe zurück. Davon zeugen nicht nur die fast 400 romanischen Feldsteinkirchen. Tangermünde erhielt von Theodor Fontane ein literarisches Denkmal. Der französische Schriftsteller Marie-Henri Beyle nannte sich aus Begeisterung für den Stendaler Altertumsforscher Johann Joachim Winckelmann Stendhal.

Einen weit über die Region bekannten Namen in der alternativen DDR-Musikszene hatte der 1979 gegründete Jugendklub Hanseat in Salzwedel. Das Stendaler Theater wurde 1928 Landestheater. Es ist ebenso wie das " Soziokulturelle Zentrum Hanseat ", das 1911 gegründete Freilichtmuseum Diesdorf und das 1955 eröffnete Winckelmann-Museum in Stendal ein kulturelles Schwergewicht. Dazu gesellt sich auch das Musikforum Katharinenkirche in Stendal mit jährlich rund 100 Veranstaltungen. Mit dem Stipendiatenhaus in Salzwedel, in welchem seit 1997 Künstler aus der ganzen Welt arbeiten können, hat die Altmark zudem einen ganz besonderen kulturellen Leuchtturm. In den vergangenen 20 Jahren hat sich eine vielfältige Kulturlandschaft entwickelt.

Theater der Altmark :

Eine Burg der Kultur

Das 1946 gegründete Theater der Altmark ( TdA ) in Stendal startete nach der politischen Wende 1989 zunächst positiv in die neue Zeit. Zwischen 1992 und 1995 wurde es ausgebaut und modernisiert. Mehr als 32 Millionen Mark wurden investiert. 1995 kam der erste große Einbruch : Das Sinfonieorchester wurde aufgelöst. Seitdem sank die Zahl der Theatermitarbeiter-Stellen von 245 auf 91 im Jahr 2003 und nunmehr 71, 5. Um die 500 Vorstellungen werden jährlich gegeben. In der vergangenen Spielsaison zählte das TdA rund 59 000 Besucher. Seit 2005 gibt es in Arendsee wieder das Sommertheater.

Für rund neun Millionen Euro ist das Salzwedeler Kulturhaus zwischen August 2003 und September 2005 zu einer zweiten ordentlichen Spielstätte des TdA ausgebaut worden. Etwa zwei Millionen Euro Bundes- und Landesmittel flossen in das Projekt. Allerdings, die Freude des TdA-Ensembles auf beste Theaterbedingungen in Salzwedel ist bereits im Mai 2005 getrübt worden. Der Kreistag hatte beschlossen, aus der Theaterförderung auszusteigen. Bis dahin hatte die westliche Altmark 153 400 Euro beigesteuert. Drei Jahre später beschloss der Kreistag, mit 30 000 Euro indirekt das TdA zu unterstützen – für Theaterbesuche der Schüler und Auftritte des TdA in den Schulen. Zudem erhält der KulTour-Eigenbetrieb Salzwedel 20 000 Euro für Theateraufführungen.

Zum Vergleich : Der ebenfalls klamme Landkreis Stendal hat sich in dem im Dezember 2008 paraphierten Theatervertrag verpflichtet, bis 2012 jährlich 463 600 Euro zu zahlen. Das Land Sachsen-Anhalt erhöhte den Zuschuss von 1, 36 Millionen Euro auf 1, 48 Millionen Euro im Jahr, und die Stadt Stendal unterstützt das TdA jährlich mit fast einer Million Euro. Zuschüsse für ein Theater, das Ausstrahlung auf die gesamte Altmark haben soll, aber auf der Internetseite der Stadt Salzwedel nicht einmal einen eigenen Link hat.

Gladigauer Dorftheater und die " Kunstplatte "

Das Gladigauer Dorftheater – im März endete die achte Saison – ist ebenfalls eine feste Größe im hiesigen Theateralltag. 18 Aufführungen sind an vier Wochenenden in einem jedes Mal restlos ausverkauften Dorfkrug-Saal gegeben worden. Für Bereicherung sorgt auch die 1998 aus einem vierwöchigen Projekt entstandene " Kunstplatte " e. V. Das Kulturzentrum im Stendaler Stadtseeviertel ist ein wichtiger Partner des TdA. Die Arbeit des Vereins reicht von Ausstellungen über Workshops bis zu Musicals. So erlebten jüngst die Salzwedeler die ehrenamtlichen Künstler der " Kunstplatte " mit dem vielgelobten Musical " Über sieben Brücken ".

Gardelegen hatte mit der Musical Factory ein vergleichbares Projekt, das Kinder und Jugendliche auf die Bühne bringt. Von 2002 bis März 2010 gab es 16 Produktionen, die von mehr als 50 000 Zuschauern gesehen wurden. Das Projekt wird jetzt eingestellt. Macher und Regisseur Volker Winkel wirft das Handtuch. Er hat bislang ehrenamtlich die Musical Factory geleitet, kann davon aber nicht leben. Ein Vertrag mit der Stadt Gardelegen kam nicht zustande.

Chorleiter und Sänger

werden gesucht

Jeder sechste Chor in Sachsen-Anhalt kommt aus der Altmark. 21 Ensembles zählt der Chorverbandskreis Altmark unter Leitung von Heiko Klähn. Mehr als 500 Frauen und Männer singen gemeinsam. Doch der Chorverband segelt im stürmischen Gewässer. Erste Chöre wie der Gemischte Chor Jeetzetal haben sich aufgelöst. " Es fehlen Chorleiter und neue Mitglieder ", schätzt Klähn ein. Sein Wunsch für die Zukunft : eine Musiklehrerin, die einen Kinderchor leitet. " So könnten wir uns den Nachwuchs sichern ", sagt der Sänger aus Salzwedel. Unter anderem beim erfolgreichen Altmärkischen Musikfest und dem alle zwei Jahre stattfindenden Altmärkischen Heimatfest sind die Chöre zu hören.

Für einen besonderen Akzent sorgt das Musicalprojekt Altmark der beiden evangelischen Kirchenkreise. Mehr als hundert Kinder und Jugendliche studieren unter Leitung des Propsteikantors Friedemann Lessing seit 1997 jährlich neue Stücke ein.

Museen für

jeden Geschmack

Für eine Vielfalt ganz anderer Art sorgen mehr als 30 Museen, wobei die Museumsdichte mit 26 Einrichtungen im Landkreis Stendal besonders hoch ist. Das Angebot reicht vom " Turmuhren-Museum " in Seehausen über das " Muuhseum " rund um die Kuh in Wust bis zum Bismarckmuseum in Schönhausen. Schwergewichte sind das kreiseigene Prignitzmuseum in Havelberg ( 2009 mehr als 10 000 Besucher ), das Osterburger Kreismuseum ( 6000 Besucher ) und das 1888 gegründete Altmärkische Museum ( 7100 Besucher ). Das Winckelmann-Museum ( 12 000 Besucher ) hat mit dem Kindermuseum eine besondere Attraktion zu bieten.

In der westlichen Altmark sind vor allem das Salzwedeler Danneilmuseum ( 2009 : 3300 Besucher ) und das Diesdorfer Freilichtmuseum ( 18 600 Besucher ) Publikumsmagneten. Die erst 1990 entstandene Langobardenwerkstatt Zethlingen ist in Sachsen-Anhalt einmalig. Auf dem Mühlenberg hat experimentelle Archäologie einen festen Platz. Fast 5000 Gäste sind 2009 in Zethlingen in die Welt der Langobarden eingetaucht. Drei Kreis-Museen, zu denen sich das Heimatmuseum in Arendsee, die Heimatstube in Kalbe / Milde und das Grenzmuseum in Böckwitz gesellen. Auf einen Besuch des Heimatmuseums in Gardelegen werden die Gäste der Reutterstadt ab Sommer verzichten müssen. Im März hat der Stadtrat nach monatelangen Querelen mit dem Museumsleiter die Schließung beschlossen.

383 Sportvereine

in der Altmark

Der Kreissportbund ( KSB ) in der westlichen Altmark hat mit einem Organisationsgrad ( Zahl der Mitglieder im Verhältnis zur Einwohnerzahl ) von 17, 52 Prozent den höchsten in Sachsen-Anhalt. In 173 Sportvereinen trainieren 16 101 Mitglieder ( 2009 ). 554 Übungsleiter sind im Einsatz. Im Landkreis Stendal sind 18 682 Mitglieder in 210 Sportvereinen aktiv. Insgesamt 811 Übungsleiter arbeiten in den Sportvereinen. Der Organisationsgrad liegt bei 14, 89 Prozent.

" Wir haben keine Nachwuchsprobleme. Die Mitgliederzahlen sind stabil ", schätzt Geschäftsführer Siegfried Wille ein. So habe es im vergangenen Jahr in 67 Vereinen des KSB Stendal-Altmark einen Mitgliederzuwachs gegeben.

Jedoch mussten beide Sportbünde 2009 einen erheblichen Aderlass hinnehmen. Die fast 4000 organisierten Angler sind ausgetreten – einer Entscheidung ihres Landesverbandes folgend. Und : Mittlerweile signalisieren erste Sportvereine Probleme bei der Nachwuchsgewinnung. Doch weitaus gravierender für die Sportler sind die Kürzungen der Kreiszuschüsse. Der KSB Westliche Altmark muss die Rettungsleine ziehen und schließt seine Geschäftsstelle in Salzwedel zum 1. Mai – trotz der 32 Sportvereine in der Jeetzestadt. Künftig werden die Geschicke des Sportbundes nur noch von Klötze aus gelenkt.

Freiwillige Ausgaben

trotz klammer Kassen

Ohne die Förderung der öffentlichen Hand ließe sich die Kultur- und Freizeitlandschaft kaum finanzieren. Der Kreis Salzwedel stellt trotz eines unausgeglichenen Haushaltes rund 2, 3 Millionen Euro brutto für die Kultur bereit. Das sind 2, 4 Prozent des Verwaltungshaushaltes. Der Landkreis Stendal, in einer noch schlechteren finanziellen Situation, wendet rund 2, 6 Millionen Euro für die sogenannten freiwilligen Ausgaben wie Theater-, Bibliotheks- und Vereinsförderung auf. Das sind bis zu 1, 8 Prozent seines Haushaltes. Auch die Gemeinden wissen um den Wert der Kultur. Tangermünde bezuschusst sie einschließlich Vereine jährlich mit 300 000 Euro bei einem Jahresbudget von zehn Millionen Euro. Leistungen, die bei den Haushaltsgenehmigungen immer wieder auf den Prüfstand kommen. So hatte das Landesverwaltungsamt Anfang 2010 dem Altmarkkreis empfohlen, die freiwilligen Zuschüsse für Kultur und Sport komplett auf Null zu setzen. Das hätte für viele Vereine das Aus bedeutet. Ohne die ehrenamtliche Arbeit vieler Altmärker und die Zuschüsse würde die Kulturlandschaft Altmark veröden.