Die Altmärker werden älter und weniger. Bis zum Jahr 2050 könnte sich die Einwohnerzahl von 215 000 auf bis zu 160 000 verringern und sich das Durchschnittsalter auf um die 50 Jahre einpendeln. Eine große Herausforderung für die Altmark. Sie hat schon einmal bewiesen, dass sie Umbrüche bewältigen kann – nach der Wende 1990. Nur müssen die Altmärker wissen, wohin sie steuern wollen und ob sie auf Unterstützung durch die Politik hoffen können. Heute Teil VI der Volksstimme-Serie " Altmark 2050 " : medizinische Versorgung.

Stendal / Salzwedel. Einen respektablen vierten Platz bei der Zahl der Krankenhausbetten im Verhältnis zur Einwohnerzahl nahm der Bezirk Magdeburg, zu dem auch die acht altmärkischen Kreise Salzwedel, Gardelegen, Klötze, Kalbe / Milde, Stendal, Osterburg, Havelberg, Tangerhütte ( Stand 1987 ) gehörten, im Vergleich der 14 Bezirke ein. Nur Gera, Leipzig und Berlin hatten eine höhere Bettenzahl. Laut Statistischem Jahrbuch der DDR wies der Bezirk Magdeburg 1955 12, 4 Krankenhausbetten je 1000 Einwohner auf. 1988 waren es immer noch 10, 5 Betten. Im gleichen Zeitraum erhöhte sich im Bezirk die Zahl der Polikliniken, zuständig für die ambulante Behandlung, von 20 ( 1955 ) auf 50 im Jahr 1988. So erhielt Gardelegen 1975 den Neubau einer Kreis-Poliklinik. 1978 wurde die " KKW ( Kernkraftwerk ) -Poliklinik " im Stendaler Stadtviertel Stadtsee eröffnet.

Polikliniken nach 1989 aufgelöst

Zur politischen Wende 1989 gab es Krankenhäuser in Salzwedel, Gardelegen, Seehausen, Osterburg, Stendal, Havelberg und Uchtspringe ( Psychiatrie ). Nach 1990 gab es auch in der Altmark einen Wandel bei der medizinischen Versorgung. So sind die Polikliniken aufgelöst worden. Im besten Fall blieb die Struktur von mehreren Fachärzten unter einem Dach in Form eines Ärztehauses wie in Salzwedel erhalten. Die Fachabteilungen des Osterburger Krankenhauses wurden 1993 entsprechend einer Empfehlung aus DDR-Zeiten aufgelöst. Das auf zwei Standorte aufgeteilte Kreiskrankenhaus konzentrierte sich auf Seehausen. Bereits im März 1991 ist das Stendaler Krankenhaus, 1861 von den Johannitern eingeweiht, an den Johanniter-Orden rückübertragen worden.

Investitionswelle in den Krankenhäusern

In den 90 er Jahren setzte eine Investitionswelle in den Krankenhäusern ein, die bis heute nicht verebbt ist. Allein in den kreiseigenen Krankenhäusern Gardelegen und Salzwedel, die Anfang 2003 zum Altmark-Klinikum fusionierten, sind weit mehr als 90 Millionen Euro in den Bau neuer Bettenhäuser, OP-Säle, Funktionstrakte und Diagnose-Technik wie Computertomographen investiert worden. In das Stendaler Johanniter-Krankenhaus flossen mehr als 61 Millionen Euro, unter anderem in eine Tagesklinik für Geriatrie und zwei Pflegestationen mit insgesamt 72 Betten.

Laut Landes-Krankenhausplan weist die Altmark derzeit einschließlich Fachklinikum Uchtspringe 1400 Krankenhausbetten auf. Sie teilen sich im Einzelnen wie folgt auf : Altmark-Klinikum 418, Uchtspringe 304, Seehausen 140, Havelberg 80, Stendal 468. Der Altmarkkreis hat damit laut Statistischem Landesamt auf 1000 Einwohner 4,5 Betten. Der Landkreis Stendal kommt auf 7,5 Betten und liegt damit dank des Fachklinikums Uchtspringe über dem Landesdurchschnitt von 6,9 Betten.

Während der Bestand der Krankenhäuser in Stendal, Gardelegen und Salzwedel als Krankenhäuser der medizinischen Grundversorgung in der Politik unstrittig ist, gibt es in der östlichen Altmark Sorge um die Standorte Seehausen und Havelberg. Deshalb forderte der CDULandtagsabgeordnete Nico Schulz aus Osterburg ein Bekenntnis des Landes zu diesen beiden Krankenhäusern. Sein SPD-Amtskollege Ralf Bergmann fordert ebenfalls den langfristigen Erhalt des Diakonie-Krankenhauses in Seehausen.

Kooperationen zwischen den Krankenhäusern haben sich längst entwickelt. So arbeiten das Johanniter-Krankenhaus und das Altmark-Klinikum seit September 2004 mit dem " Brustzentrum Altmark " Hand in Hand. Mit dieser Kooperation soll sichergestellt werden, dass Frauen mit der Diagnose Brustkrebs die beste medizinische Betreuung erhalten.

Stipendien für Medizinstudenten

Ein Problem konnten die Krankenhäuser bis heute nicht lösen : Ärztemangel. Am Altmark-Klinikum sind über alle Fachbereiche hinweg 20 Prozent der Facharztstellen unbesetzt. Konkret heißt das, dass bis zu fünf Ärzte fehlen, obwohl längst auch Fachärzte aus dem osteuropäischen Raum eingestellt werden. Mit einem Stipendienprogramm will das Klinikum dem Mangel entgegenwirken. Aus der Altmark stammende Medizinstudenten können ab dem dritten Studienjahr bis zum Ablauf der Regel-Studienzeit monatlich 700 Euro erhalten, wenn sie sich verpflichten, anschließend im Altmark-Klinikum ihre Facharzt-Ausbildung zu absolvieren. Zwei aus dem Raum Gardelegen stammende Studentinnen haben einen solchen Vertrag bereits unterschrieben.

Hausärzte : Alt und immer seltener

Bei den niedergelassenen Fach- und Hausärzten ist die Situation viel dramatischer. Laut einer aktuellen Statistik der Kassenärztlichen Vereinigung ( KV ) Sachsen-Anhalts könnten in der Region sofort 21 Hausärzte eine Praxis eröffnen. So viele fehlen zu einer 100-prozentigen Versorgung entsprechend der Landesplanung. Arbeiteten im Landkreis Stendal im Jahr 1997 noch 93 Hausärzte, so sind es derzeit 81. Im Altmarkkreis Salzwedel verringerte sich im gleichen Zeitraum die Zahl der Hausärzte von 66 auf 52. Damit nicht genug. Das Durchschnittsalter der Hausärzte liegt in der östlichen Altmark bei 54, 6 Jahren, im Altmarkkreis bei 52,69 Jahren. 27,1 Prozent der Hausärzte im Landkreis Stendal sind 65 Jahre und älter. Sie werden in absehbarer Zeit ihre Praxis schließen – ohne dass ein Nachfolger in Sicht ist. Im Altmarkkreis sind 13,4 Prozent der Hausärzte älter als 65 Jahre.

Einzig bei den Fachärzten ist die Situation scheinbar entspannter. Der Landkreis Stendal hatte 1997 53 Fachärzte, derzeit sind es 64. Durchschnittsalter 53,4 Jahre. Im Altmarkkreis erhöhte sich die Zahl der Fachärzte von 40 ( 1997 ) auf 60. Durchschnittsalter 49,3 Jahre. Diese Zahlen sind trügerisch. So sucht die Kassenärztliche Vereinigung händeringend zwei Augenärzte für die Altmark. Betroffene wissen um das Problem, spätestens dann, wenn sie am Wochenende den Notdienst aufsuchen wollen. Da kann es passieren, dass dann ein Diesdorfer bis nach Havelberg fahren muss. Das sind 101 Kilometer, wenn die Fähre bei Werben genutzt wird.

Instrumentarien zum Gegensteuern

Die Kassenärztliche Vereinigung versucht gegenzusteuern. Die demographische Entwicklung hat sie fest im Blick, versichert KV-Landeschef Dr. Burkhard John. Denn eine älter werdende Bevölkerung erhöht die Fallzahlen in den Praxen und Kliniken. Stichwort Mehrfacherkrankungen. In Klötze ist bereits eine geriatrische Schwerpunktpraxis ( Geriatrie bedeutet soviel wie Altersheilkunde ) eingerichtet worden. An der Median-Klinik in Kalbe / Milde ist Anfang des Jahres das Projekt " AGERA " ( Ambulante Geriatrie und Rehabilitation in der Altmark ) gestartet.

Nicht die einzigen Modellprojekte in der Altmark. Für landesweite Schlagzeilen sorgten Ende 2007 die mobilen Praxisassistentinnen in Gardelegen, das Projekt " AGnES " : Arztentlastende, Gemeindenähe, EHealth ( Telemedizin ) -gestützte, Systematische Intervention. Zwei examinierte Schwestern einer Arztpraxis warten nicht auf ihre Patienten, sondern besuchen sie entsprechend ausgestattet zu Hause. Zudem können sie dank einer erweiterten Ausbildung ihren Arzt mehr als bislang zur Hand gehen. Mittlerweile nutzen in der westlichen Altmark vier Praxen mit sechs Praxisassistentinnen dieses Modell. " Wir werden es in diesem Jahr in der Altmark weiter ausbauen ", kündigte Dr. John an. Keine Utopie. An einem ersten landesweiten Qualifizierungslehrgang haben 290 Schwestern teilgenommen.

Fachmediziner unter einem Dach vereint

Neue Wege sind in Gardelegen auch mit dem medizinischen Versorgungszentrum eingeschlagen worden, das im Juni 2005 eröffnet wurde. Rund 600 000 Euro hat das Altmark-Klinikum dafür unmittelbar am Krankenhaus investiert. Von der Struktur her erinnert es an die DDRPoliklinik. Im Fachärztlichen Zentrum ( FAZ ) arbeiten Chirurgen, Kardiologen, Neurologen, Kinderarzt und andere Mediziner unter einem Dach. Das FAZ, eine hundertprozentige Tochter des Altmark-Klinikums, stellt dabei die notwendigen Räume, Praxisausstattung, Geräte, Personal und Software den Fachärzten zur Verfügung. Die Mediziner können zudem die moderne Diagnosetechnik des Krankenhauses auf kurzem Weg nutzen. Steigende Patientenzahlen, weit über 15 000 im Jahr, sprechen für den Erfolg des Modells, das von der KV unterstützt wurde.

Weniger erfolgreich ist die Kassenärztliche Vereinigung in der Altmark mit den geplanten " Filialpraxen ", die in diesem Jahr flächendeckend eingeführt werden sollen. In den " Filialpraxen " halten " reisende Mediziner " an einem oder mehreren Tagen in der Woche Sprechstunde in von Kommunen eingerichteten Arztstationen. Die Ärzte sollen dabei nicht wie bislang nach den Fallzahlen, sondern nach dem Zeitaufwand vergütet werden. " Mit einigen Gemeinden in Sachsen-Anhalt sind bereits Verträge geschlossen worden. Allerdings noch nicht mit Gemeinden aus der Altmark ", sagt KV-Landeschef Dr. John. Er arbeitet bereits an einem weiteren Projekt : die mobile Arztstation, zum Beispiel in einem entsprechend ausgestatteten Bus.

• Lesen Sie am Freitag, 30. April, Teil VII " Visionen " und erfahren Sie, wie die Zukunft der Altmark aussehen könnte.

• Teil I " Wirtschaft " ist am 10. April erschienen, Teil II " Bildung " am 13. April, Teil III " Infrastruktur " am 17. April, Teil IV " Behörden " am 20. April und Teil V " Kultur und Freizeit " am 24. April.