Stendal. So könnte es in einigen Jahren sein : Stendaler, die am Kiebitzberg im Osten oder am Grothsweg ganz im Westen der Stadt leben, zahlen spürbar mehr fürs Trinkwasser als die Bewohner der Bahnhofsvorstadt. Am preiswertesten wird das Wasser im Kern der Stadt, in der Altstadt, zu haben sein.

Dirk Michaelis ist sich bewusst, dass dieses ein heikles Thema ist, das kontroverse Diskussionen hervorrufen wird. Als Leiter einer der vier Arbeitsgruppen zur Internationalen Bauausstellung IBA 2010, die sich mit der Sicherung der Leistungs- und Zukunftsfähigkeit von Infrastrukturen befasst, sieht er angesichts stetig schrumpfender Einwohnerzahlen jedoch kaum einen anderen Weg als die Einteilung der Stadt in verschiedene Tarifgebiete.

Die Arbeitsgruppe hat die Leitungsnetzlänge und die Kosten des Netzbetriebs für jeden Stadtteil ins Verhältnis zur Einwohnerzahl gesetzt – heute und in 15 Jahren. Ergebnis : " Der Bewohnerrückgang würde zu einem Verlust an Effizienz der Medien und zu einem Kostenanstieg um 26 Prozent führen ", sagte Michaelis gestern bei der Präsentation der Denkprodukte seiner Arbeitsgruppe im Rathaus. Gegenstrategien seien unbedingt notwendig.

Die empfohlene Abkehr von der Gleichbehandlung aller Bewohner der Stadt, ersetzt durch die Umlage der tatsächlichen Kosten am jeweiligen Wohnstandort, soll die für Stendal und die übrigen Städte der Altmark unumgängliche Schrumpfung von Außen nach Innen unterstützen. " Genial zentral " nennt man dieses Zukunftsszenario in Thüringen, " ab in die Mitte " in Sachsen. Dirk Michaelis, Bauordnungsamtsleiter beim Landkreis Stendal, hat für unsere Region den Begriff " kernige Altmark " geprägt. Das Ziel ist überall das gleiche : Die Städte müssen sich, um die Kosten für die Infrastruktur zu beherrschen, auf ihre Zentren konzentrieren. Der Umzug in innenstadtnahe Wohngebiete soll mit geringeren Gebühren belohnt werden. Hätte diese Politik Erfolg, könnte die kostenintensive Zersiedelung reduziert, könnten Straßen, Wasser- und Abwasserleitungen in Randbereichen zurückgebaut werden.

Das ist nur eine von vielen von der AG Infrastruktur erarbeiteten Zukunftsstrategien, mit denen sich Stendal an der IBA Sachsen-Anhalt beteiligt. Eine andere hat sich mit der medizinischen Versorgung im Jahr 2020 beschäftigt. Der Ärztemangel in den ländlichen Räumen der Altmark hat längst eingesetzt. " Wir haben Ideen entwickelt, wie die medizinische Versorgung in Zukunft zu halten sein könnte ", berichtete Marion Jantsch, in der Stadtverwaltung für die IBA zuständig. Etwa durch Gesundheitshäuser in zentralen und ambulanten Sprechstunden in entfernteren Orten. Die Kommunen müssten die Ansiedlung von Ärzten durch geeignete Immobilien wie leerstehende Schulen unterstützen. Ein Thema ist auch der Nahverkehr. Schon der im November in Kraft tretende neue Fahrplan soll die Buslinien besser mit dem Bahnverkehr verknüpfen.