Die archäologischen Grabungen an der Stadtbibliothek haben viel Licht in die fast 800-jährige bewegte Geschichte des ehemaligen Franziskanerklosters am Mönchskirchhof gebracht. Mehr als 100 Stendaler lauschten am Mittwochabend voller Spannung den Berichten des Archäologenteams im Rathaus.

Stendal. Mit " Von Mönchen, Kranken, Armen und Bibliothekaren " hatten Grabungsleiter Uwe Weiß und sein Kollege Reinhard Heller den Bericht über ihre Funde und Schlussfolgerungen überschrieben. Damit lässt sich die fast 800-jährige Geschichte des Ortes vom Franziskanerkloster über Armenhaus und Lazarett bis zur heutigen Stadtbibliothek zusammenfassen.

Dass das zweistöckige Refektorium, jener zierlich-schöne Rest des einstigen Klosterkomplexes, ab etwa 1230 / 1250 in zwei Bauphasen entstand, konnten die Archäologen bei ihren Grabungen an der Ostwand eindeutig nachweisen. " Dazwischen liegt eine Brandschicht aus der Mitte des 13. Jahrhunderts ", lautete eine weitere Erkenntnis von Uwe Weiß. Doch diese Spur müsse noch von Bauforschern konkret eingeordnet werden.

Möglicherweise war bald nach Klostergründung in dem Neubau ein Brand ausgebrochen. Im 15. Jahrhundert wurde das Kloster dann vergrößert und aufgestockt. 1528, soviel ist sicher, brannte es nieder, und rund 20 Jahre später wurde der kirchliche Besitz säkularisiert, also verweltlicht. Seitdem gehört das Kloster-Areal der Stadt. " Wohl deshalb ist die Aktenlage im Stadtarchiv seit der Mitte des 16. Jahrhunderts besonders gut ", berichtete Reinhard Heller, der die archäologischen Funde mit den belegbaren Fakten aus dem Archiv verglich. Am Ende der öffentlichen Präsentation im Rathausfestsaal übergab er dem Stadtarchiv eine umfangreiche Dokumentation der Grabungsergebnisse.

Unter den Funden, die die Grabungen von Mitte September 2009 bis Mitte Januar dieses Jahres zutage förderten, nehmen die aus der Klosterzeit des Komplexes einen besonderen Stellenwert ein. Da sind die zwei Gräben, zwei und fünf Meter breit, der breitere mit Sicherheit schiffbar, die in der Zeit der Stadtgründung im 12. Jahrhundert entstanden und bis ins 15. Jahrhundert hinein offen lagen. In einem von ihnen fanden sich Fragmente eines Holzfasses, das möglicherweise Wein enthielt. Drei gut erhaltene Noppenkannen – laut Weiß finde man sie " selten so vollständig " –, Reste von Buchschließen aus der Klosterbibliothek, eine Ringschnalle aus dem 13. Jahrhundert, das Fragment einer Grabplatte, wohl 15. Jahrhundert, und mehrere Formsteine ehemaliger Klostergebäude bezeugen das mönchische Leben im mittelalterlichen Stendal.

Danach war es mit der Beschaulichkeit am Mönchskirchhof vorbei. Nach Brand und Säkularisierung zog die raue Realität mit Armut und Krankheit auf das Klostergelände, speziell ins Refektorium. Das belegen Skelettfunde aus dem 18. Jahrhundert mit ausgerenkten Schultergelenken und deformierten Wirkbelsäulen. Doch zunächst diente es wahrscheinlich als Lehrerwohnung für die städtische Lateinschule, die, schon 1338 gegründet, auf dem teilweise zerstörten Areal angesiedelt wurde.

" Im 19. Jahrhundert spielte das Refektorium eine zentrale Rolle in der Armen- und Krankenbetreuung in der Stadt ", hatte Reinhard Heller weiter recherchiert. Der weit verbreiteten Armut, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Stendal herrschte, versuchte die napoleonische Besatzung ab 1806 mit einer Neuordnung des Armenwesens zu begegnen. Das Refektorium war zu dieser Zeit Lazarett für Militärangehörige, ein ziviles Krankenhaus gab es in der Stadt nicht. Nach 1810 wurde es in ein städtisches Krankenhaus umgewandelt. 1880 wurde es dann ein Armen- und Arbeitshaus für körperlich und geistig Behinderte, die für die Stadt Straßen und Latrinen reinigten, den Friedhof in Ordnung hielten und Holz hackten. Der Hausvater und seine Frau wohnten im Kastallanhaus, einem Anbau des Refektoriums, der 1939 beim Umbau zur Stadtbibliothek abgerissen wurde. Damals wurde das Treppenhaus angefügt.

Die Fundamente dieses Kastellanhauses legten die Archäologen neben den Grundmauern anderer Nebengebäude des Klosters frei.