Der Kreistag hatte es mehrheitlich abgelehnt, sich ohne vorherige Diskussion in den Kreistagsausschüssen zum eventuellen Bau eines Steinkohlekraftwerks bei Arneburg zu positionieren. Eine erste solche, sehr offene Diskussionsrunde fand am Mittwochabend im Sozial- und im Schulausschuss statt. Und zwar gemeinsam mit Ärzten und Mitgliedern der Bürgerinitiative ( BI ) gegen den Kraftwerksbau.

Stendal. Der erste, dem die beiden Ausschussvorsitzenden Dr. Helga Paschke ( Linke ) und Edith Braun ( SPD ) das Wort erteilten, war Prof. Dr. Ulrich Ewers. Er leitet die Abteilung Umweltmedizin und Umwelttoxikologie im Hygiene-Institut des Ruhrgebiets. Der auch als Sachverständiger tätige Mediziner war gebeten worden, sein Urteil zu der zu erwartenden lufthygienischen Situation in und um Arneburg abzugeben, sollte dort ein Steinkohlekraftwerk gebaut werden. Prof. Ewers bezog sich mit seinen Prognosen auf aktuelle Schadstoffbelastungen in der Luft der Stendaler Region, rechnete diese auf der Grundlage

von Werten anderer Steinkohlekraftwerkstandorte in Deutschland für den Fall hoch, dass bei Arneburg ein solches Kraftwerk gebaut werden würde. Sein Fazit : " Es würde zu einer Zusatzbelastung kommen, die aber sehr klein und kaum messbar sein wird ... Das heißt, es werden keine Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen zu erwarten sein. " Allerdings betonte der Sachverständige auch, dass es nicht Gegenstand seiner Betrachtung sei, die Frage zu beantworten, ob es zu verantworten sei, ein solches Kraftwerk " in einem solchen naturschutzwürdigen Gebiet zu bauen ".

Der zweite Mediziner, um dessen Meinung die Ausschussmitglieder baten, war Dr. Eberhard Puls, ehemaliger Chefarzt des im Januar 2005 geschlossenen Tangermünder Krankenhauses, der die durch einen Kraftwerksbau zu erwartende Feinstaubsituation beleuchtete. " Ich muss ihnen, Herr Professor, in einigen Punkten deutlich widersprechen. " Gefährlich seien vor allem die ultrafeinen Feinstaubteilchen, die sich aus den Kraftwerksabgasen heraus in der Atmosphäre in " sehr lebhaften und dynamischen Prozessen " bilden. Größere Partikel könnten sich in den Bronchien ablagern und zu chronischen oder akuten Bronchialerkrankungen führen. Die noch kleineren Partikel lagern sich in den Lungenbläschen ab oder dringen ins Gewebe und ins Blut ein. " Es gibt keine Schwellenwerte, die Wirkungen auf den menschlichen Körper ausschließen. Feinstaub ist in jeder Konzentration gefährlich. Auch eine sehr niedrige Feinstaubbelastung schließt eine Erkrankung nicht aus. " Deutschlandweit würden dadurch jährlich 65 000 Menschen vorzeitig sterben, vor allem ältere Menschen.

Das war einer der Fakten, die Dr. Puls bei einer Entscheidung für oder gegen den Kraftwerksbau zu bedenken gab. Aus seiner Sicht wäre ein solcher Bau unverantwortlich.

Das war auch der Tenor des dritten an diesem Abend gehörten Mediziners : Dr. Hans-Jürgen Nisch, Allgemein- und Arbeitsmediziner im Ruhestand aus Havelberg. Sicher sei so ein modernes Steinkohlekraftwerk vom Schadstoffausstoß her nicht mehr mit einem solchen Kraftwerk vergleichbar, das vor Jahren oder Jahrzehnten gebaut wurde. Das mache diese neuen Kraftwerke offenbar auch für viele akzeptabel, aber : " Für mich als Mediziner ist die Summation der chemischen Substanzen, die hier ausgestoßen werden, problematisch. Durch diese Summation wird die Wirkung der Substanzen verstärkt ", führte er seinen Vortrag ein und ging dann detailliert auf die Schwermetalle ein, die bei Verbrennungsprozessen von Steinkohle, besonders in Verbindung mit der Verbrennung von Petrolkoks frei werden. Er gab zu bedenken, dass die Menschen am Ende der Nahrungskette auch zum Endspeicher und Endreservoire der in die Umwelt abgegebenen und von Pflanzen und Tieren aufgenommen Schadstoffe werden. " Der Mensch kann dadurch vom ungeborenen Entwicklungsstadium bis ins hohe Alter Schäden davontragen ", so Dr. Nisch.

Der Havelberger machte darüber hinaus auf die aus seiner Sicht zu befürchtenden Folgen für den Tourismus aufmerksam. Zwei 160 Meter hohe Kühltürme unmittelbar an der Elbe würden zum Beispiel Fahrradtouristen abschrecken, auf dem daran vorbeiführenden, beliebtesten Radweg Deutschlands durch die Region zu radeln. Sein abschließender Appell an die Kreistagsmitglieder : Bei ihrer Entscheidung die an diesem Abend vorgetragenen Bedenken und Sorgen um die Region ernst zu nehmen. " Ich bin sicher, dass sie ihre Entscheidung nicht leichtfertig treffen werden. "