" Historische Orte des Genusses " – das Motto des gestrigen Tages des offenen Denkmals bezog sich aufs Sehen und Hören und durchaus auch auf Gaumenfreuden. Landrat Jörg Hellmuth startete in der Dorfkirche von Jerchel mit Besuchern in den Denkmaltag, OB Klaus Schmotz eröffnete ihn für die Stadt Stendal auf dem Färberhof.

Stendal. Stendal muss im 19. Jahrhundert ein einziger Ort des Genusses gewesen sein. Ob " Zum Weißen Ross " im Birkenhagen oder " Wiener Café Kafka " am Sperlingsberg, ob " Stadt Magdeburg " oder " Rudolphis Hotel " in der Breiten Straße – wo sich heute Banken, Apotheken oder Drogeriemärkte eingerichtet haben, reihte sich früher Kneipe an Kneipe, Café an Restaurant.

Die beiden Stendaler Gustav Steinecke und Detlef Koch haben im Stadtarchiv eine Fülle von Informationen über 135 länger bestehende und 65 kurzzeitige Gastwirtschaften zusammengetragen, die vom 18. oder 19. Jahrhundert bis in die Nachkriegszeit existierten. Daraus ist das reich illustrierte Buch " In den Gasthäusern Alt-Stendals " entstanden, das sie gestern, am Tag des offenen Denkmals, im Stadtarchiv vorstellten. Im Buchhandel wird es, wie Gustav Steinecke der Volksstimme sagte, voraussichtlich ab Ende Oktober zu kaufen sein.

Wie im alten Rom

Genüsse, auch der kulinarischen Art, erwarteten gestern die Besucher an zahlreichen historischen Orten in der Altstadt. Im Färberhof an der Hohen Bude, erstmals 1567 im Schossregister, das die Steuerzahler der Stadt auflistete, erwähnt, heute Familienzentrum und Mehrgenerationenhaus, wurden Brote mit würzigen Aufstrichen nach uralten Rezepten serviert. In dem wieder mit quirligem Leben erfüllten historischen Fachwerkensemble eröffnete Oberbürgermeister Klaus Schmotz für Stendal den Denkmaltag. Gleich um die Ecke versüßten sich die Besucher einen Spaziergang durch die alten Gewölbe des Ratskellers mit frisch gebackenem Baumkuchen.

Zu einem altrömischen Schlemmergelage – natürlich im Liegen, wie es der Name vermuten lässt – luden Gudrun Walinda und Bärbel Müller im Winckelmann-Museum ein. Weintrauben und Quark, Pflaumen und Fladenbrot, Melonen, Nüsse und Rosinen haben den alten Römern schon genauso gemundet wie den heutigen Stendalern. Nachgeformtes römisches Geschirr und die typischen Trinkschalen ließen die vergangenen 2000 Jahre tatsächlich dahinschmelzen. Dazu lief ein überaus anschaulicher kleiner Film, in dem der Sklavenjunge Afro einen Tag lang durch seine Stadt Pompeji führt und angesichts der verlockenden Leckereien in der Küche seiner Herrschaft beklagt, dass er nur Bohnensuppe und Hirsebrei bekommt. Verzeihlicher Stilbruch beim römischen Festmahl : Nicht nur die Männer durften sich zum Genießen auf den Matten niederlassen.

Ein Ort des Genusses war auch das 1890 eröffnete Victoriabad an der Hohen Bude / Ecke Mittelstraße, das heute Wohnungen beherbergt. In Wasser-, Dampf- und Heilbäder tauchte man hier ab und ließ sich zwischendurch mit Würstchen und Getränken verwöhnen. Dass das Bad noch ganz andere Freuden bot, befürchtete seinerzeit das Bauamt, das beim Betreiber anfragte, ob das denn " ein Winkel der Unzucht " sei. Er soll guten Gewissens verneint haben, wusste gestern Thomas Richter-Mendau, Bauherr des Umbaus, zu berichten.