15 Jahre sind seit der Reinigung und Schutzverglasung der 22 farbigen Domfenster vergangen. Seit gestern sind sie wieder in Behandlung – in Nachbehandlung. Die Bundesanstalt für Materialforschung und - prüfung und die Deutsche Bundesstiftung Umwelt schauen sich den Effekt des damaligen Millionenprojekts an.

Stendal. Wie geht es den Glasmalereien im Stendal Dom, seitdem sie ab 1994 für 2, 6 Millionen D-Mark außen mit einer neuartigen Verglasung gegen aggressive Umwelteinflüsse versehen wurden ? Ist dem Patienten die damalige Behandlung bekommen ? Der Patient – das ist der größte Schatz von St. Nikolaus. Das sind 22 spätgotische Fenster in Chor, Querschiff und südlichem Seitenschiff, deren vollständig erhaltener farbiger Glasbestand zum größten Teil aus der Erbauungszeit des Doms in der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts stammt. Seit gestern untersuchen Fachleute von Auftrag- und Geldgebern, ob die Therapie Erfolg hatte.

Für die Diagnose muss das sogenannte Typologische Fenster in der südlichen Chorwand herhalten, das Motive des Alten und des Neuen Testaments gegenüberstellt. Die Bellinger Glaswerkstatt Wilde, die ab 1994 neben einer Berliner Firma an der Entwicklung und am Einbau der Schutzverglasung beteiligt war, nahm gestern zwei Fensterfelder heraus. Die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung in Berlin wird deren Gesundheitszustand elektronenmikroskopisch untersuchen.

Zugleich wurden zwischen der Glasmalerei und der Schutzverglasung Messgeräte installiert. " Wir messen ein Jahr lang im Minutentakt Temperatur, Feuchte und Strömungsgeschwindigkeit der Luft sowie die Staubkonzentration ", sagte gestern Dr. Wolfgang Müller, der als Fachgutachter für die Bundesanstalt tätig ist. Dr. Manfred Torge und Dr. Michael Bücker, beide in der Arbeitsgruppe Umwelteinflüsse der Bundesanstalt tätig, waren gestern ebenfalls am Start des Diagnoseverfahrens beteiligt.

Dieses wurde von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück ( DBU ) verordnet, die von 1994 bis 2006 zu den großen Geldgebern bei der Sanierung und Sicherung historischer Glasmalereien in den Neuen Bundesländern gehörte. 38 Kirchen und andere historische Bauten, darunter die Dome in Erfurt, Halberstadt, Havelberg, Meißen, Schwerin und Stendal, erhielten in diesen Jahren Schutzverglasungen. " Wir waren bemüht, ortsansässige Handwerksbetriebe für diese Aufgabe zu qualifizieren, wirksame Verfahren zur Schutzverglasung und geeignete Halterungen zu entwickeln ", blickte Koordinator und Gutachter Dr. Erhard Drachenberg zurück. Der Stendaler Dom war eines der ersten und umfangreichsten unter diesen 38 Projekten. Jetzt sei es an der Zeit, sich allerorten die Resultate anzuschauen. Drachenberg : " Hat sich das Verfahren bewährt oder muss es verändert werden ? Ist es auch an anderen Orten mit ähnlichen Klimabedingungen nutzbar ? Darum geht es bei dieser Evaluierung. " Am Ende der auf 18 Monate angelegten Bestandsaufnahme werden die Resultate auf einem großen deutschlandweiten Kolloquium dargelegt und diskutiert.

Ist der Patient Glasmalerei noch zu retten ? Die Experten sind da völlig illusionsfrei. Wolfgang Müller : " Mittelalterliches Glas ist aufgrund seiner Zusammensetzung sehr viel korrosionsempfi ndlicher als neuzeitliches. " Das Nachdunkeln habe sofort nach der Herstellung begonnen. Allerdings sei bis zum Jahr 1900 kaum Korrosion aufgetreten. Der große Zerfall habe erst mit dem Industriezeitalter im 20. Jahrhundert eingesetzt. Zurzeit schreite er jedoch langsamer voran. Mit der neuen Schutzverglasung, so hofft er, könnten die Fenster noch etwa 150 Jahre überleben. Und Erhard Drachenberg sagt : " Wir müssen mit der vollständigen Zerstörung rechnen, können den Verfallsprozess aber verlangsamen. "