Das Christophorushaus auf dem Pfarrhof der Stadt ist 400 Jahre alt. Immer war es mit Leben erfüllt. Als Schule gebaut, für kirchliche Gemeindearbeit genutzt, diente es zuletzt paritätischen Zwecken. Jetzt hat die evangelische Gemeinde Pläne mit dem Objekt. Es soll zum Gemeindezentrum um- und ausgebaut, zwischen St. Stephanskirche und Pfarrhaus zum Treffpunkt werden.

Tangermünde. "Meine Zeit im Christophorushaus fing irgendwann im September 1967 an. ,Du gehst jetzt zur Christenlehre‘, hieß es. Also ging ich durch diese braune Tür, die damals irgendwie schon so aussah, wie jetzt auch noch, stieg die knarrenden Stufen empor. Alle Stufen knarrten, jede Stufe knarrte anders. Und ich stand dann vor einer windschiefen Tür mit dem schwarzen Plasteschild ,Christenlehre‘. Ich ahnte nicht, dass mir diese Räume im Obergeschoss des alten grauen Hauses einmal sehr lieb und vertraut werden würden." Mit diesen Sätzen beginnt Hans-Dieter Hüfken seine Erinnerungen an die Zeit der Christenlehre, Konfirmation, die Zeit im Tangermünder Christophorushaus aufzuschreiben. Hüfken ist einer von hunderten, die hier in den vergangenen Jahrzehnten mit den Grundlagen des Glaubens vertraut gemacht wurden. Und die, die das Wissen vermittelten, waren Wanda Boyman und Erna Dimitroff.

"Ich möchte, dass das Haus mit Leben erfüllt wird"

Erna Dimitroff – 40 Jahre lang als Kreiskatechetin bis Mitte der 1980er Jahre tätig – verstarb im vergangenen Jahr. Wanda Boyman hatte 34 Jahre mit ihr zusammengearbeitet, mit Kindern im Grundschulalter und später auch mit Jugendlichen Bibelzeiten verbracht. Jahre, an die sich Stadtkatechetin Wanda Boyman gern erinnert. Sie lebt noch heute in ihrer Geburtsstadt, registriert die Entwicklungen in der Gemeinde und hat einen Wunsch. "Ich möchte, dass die Gemeinde aufgebaut wird, dass die Kirchengemeinde St. Stephan einen Ort hat, wo sie sich treffen kann, auch im Winter. Ich möchte, dass das Christophorushaus mit Leben erfüllt wird", formuliert sie ihre Idee. Doch dabei möchte es die frühere Stadtkatchetin, die sich noch an viele Episoden genau erinnern kann, nicht belassen.

Wanda Boyman hat die Absicht, gemeinsam mit Pfarrer Jürgen Weinert eine Spendenaktion ins Leben zu rufen - eine Aktion, mit der sie vor allem ihre früheren Christenlehrekinder erreichen, mit der sie Freunde und Bekannte der Gemeinde aufrütteln möchte, sich gemeinsam für den Um- und Ausbau des alten Hauses auf dem Pfarrhof stark zu machen, zu spenden. Den Anfang hat Wanda Boyman selbst getan und 1000 Euro gegeben. "Auch würden wir uns freuen, wenn andere Einrichtungen, die in den vergangenen Jahrzehnten unter dem Dach des Christophorushauses eine Bleibe gefunden hatten, mithelfen würden, dass dieser Traum vom neuen Gemeindehaus Wirklichkeit wird", sagt Pfarrer Weinert.

So wie Hans-Dieter Hüfken sich an seine Christenlehrezeit erinnert, so hat auch Wanda Boyman noch klare Bilder von ihrer 34-jährigen Dienstzeit im Auftrag Gottes. "Ich habe meinen Beruf geliebt. Er war mein Leben", sagt sie. Und damit die Kinder auch nach der Christenlehrezeit und Konfirmation einen Ort für sich hatten, gründeten Stadt- und Kreiskatechetin zwei Gruppen. Die jüngere traf sich stets an einem Donnerstag. Die der Älteren kam immer freitags zusammen. "Wir haben nie auf die Uhr geschaut. Da wurde es schon mal 1 Uhr", weiß Wanda Boyman noch heute. Hüfken erinnert sich: "Diese Abende waren etwas Besonderes. Was wir damals im Christophorushaus lernten, war für mich ein Grundstock, von dem ich in vielen Konflikten meines Lebens gezehrt habe."

Heute, da das alte Haus, im Jahre 1609 als höhere Gelehrtenschule für Knaben eröffnet, leer steht, war und ist es Zeit für Pfarrer Weinert, darin aufzuräumen, es vorzubereiten für eine neue Aufgabe. Dabei hat er neben vielen anderen interessanten Dingen einen Karton voll mit Karteikarten gefunden, einen längst verloren geglaubten Schatz. Karten, auf denen Wanda Boymann und Erna Dimitroff im Laufe ihrer Dienstjahre für jedes Christenlehre- kind Notizen anfertigten, zum Beispiel wie oft die Kinder zur Christenlehre kamen, wann und warum ihre Eltern sie dort anmeldeten und wie sie sich in den Christenlehrestunden benahmen. Noch manch lebhafte Erinnerung hat die frühere Stadtkatechetin daran.

Ziel der St. Stephansgemeinde ist es, das 400 Jahre alte Haus (das älteste noch erhaltene Wohngebäude innerhalb der Stadtmauer) zum Gemeindezentrum, zum Erlebnishaus umzubauen. Zwei studentische Arbeiten liegen vor, geben Anregungen, wie es künftig genutzt werden könnte. Allerdings bedarf es zunächst einer Bauzustandsuntersuchung.

"Das Dachgeschoss könnte eine Etage für Pilger werden"

"Schön wäre es", sagte Pfarrer Weinert, "wenn das Dachgeschoss zu einer Etage für Pilger werden könnte. Es kommt immer öfter vor, dass viele Menschen nach einer geeigneten Pilgerherberge fragen. Auch das ist ein Dienst am Nächsten!" Wanda Boyman sagt: "Ich möchte für den Aufbau des Christophorushauses Gottes Beistand erbitten." Die beiden Hauptetagen sollen der Kirchengemeinde für Gottesdienste, Christenlehre, Konfirmandenunterricht, für Kinder- und Jugend-, Senioren-, Frauen-, Männer- und kirchenmusikalische Arbeit zur Verfügung stehen. Um dem Ziel näher zu kommen, wird die Kirchengemeinde ein Finanzierungspaket schnüren, bei dem auch Spenden eine große Rolle spielen werden. Deshalb sind alle ehemaligen Christenlehrekinder, Konfirmanden und Nutzer des Hauses sowie Freunde der Gemeinde aufgerufen, sich am Wiederaufbau des historischen Gebäudes zu beteiligen.

Spenden können unter der Angabe des Verwendungszwecks "Christophorushaus" auf folgendes Konto überwiesen werden: Kirchliches Verwaltungsamt Stendal, Bank für Kirche und Diakonie, Bankleitzahl 35 06 01 90, Konto 15 58 24 60 37. Spendenquittungen werden ausgestellt.

   

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