Wernigerode. Im Kreise der Harzer Sozialdemokraten gibt sich Stephan Dorgerloh nicht wahl-kämpferisch, sondern als ob er noch immer den Bildungskonvent moderiere: Schrille Töne oder gar Angriffe auf Erziehungs-Politiker anderer Parteien? Fehlanzeige!

Dorgerloh-Kritik an Kultusministerin Wolff

Donnerstagabend spricht der 44-Jährige vor 25 Besuchern. Eine eher intime Runde, zudem ohne kontroverse Diskussion. Dorgerloh, von dem der SPD-Ministerpräsidenten-Kandidat Jens Bullerjahn sagt, er soll Sachsen-Anhalts neuer Kultusminister werden, kann sich der aktuellen Debatte um seine Person und seine Positionen dennoch nicht völlig entziehen: Dass Kultusministerin Birgitta Wolff (CDU) die "Durchlässigkeit" des Schulsystems im Lande lobe, hält er für falsch. "Es gibt gerade mal 200 Aufstufungen, also Schüler aus Sekundarschulen, die die Hochschulreife erlangen. Dem stehen pro Schuljahr allerdings 2000 Abstufungen gegenüber, unter einem durchlässigen Schulsystem verstehe ich etwas anderes." An einer Stelle spricht dann doch der Bildungs-Politiker: "Die Linke will Veränderungen per Zwang erreichen, die CDU alles beim Alten belassen, und wir setzten auf Freiwilligkeit vor Ort."

Dorgerlohs Vortrag ist eine Mischung aus Statistiken, dem wissenschaftlichen Blick auf Schulmodelle in anderen Bundesländern und in Europa, gewürzt mit seinen Erfahrungen aus der dreijährigen Konventarbeit. Der SPD-Mann betont, ja er wolle die Gemeinschaftsschule, allerdings nicht per Gesetz: "Es wird hier keine Hamburger Verhältnisse geben." Freiwilligkeit ist das oberste Ziel: Eltern, Lehrer und Schulträger vor Ort sollen selbst entscheiden können, ob eine Gemeinschaftsschule ihnen eine Perspektive bietet. Angesichts ab 2020 deutlich sinkender Schülerzahlen, der bekannten Finanzsorgen der Kommunen und der ländlichen Struktur in weiten Teilen Sachsen-Anhalts sieht Dorgerloh in der Gemeinschaftsschule ein Modell dafür, ein Schulnetz erhalten zu können, das diesen Namen überhaupt noch verdiene.

Natürlich spricht der Experte in diesem Zusammenhang von der "Inselschule" auf Fehmarn. Keine Bildungsdebatte zu diesem Schultyp, in der nicht auf die besondere Situation auf der Ostseeinsel und den Erfolg der Gemeinschaftsschule dort verwiesen wird.

Dorgerloh: "Das Gemeinschaftsschul-Modell im CDU-regierten Schleswig-Holstein funktioniert wirklich toll." Er verweist auf ostdeutsche Nachbarländer – ebenfalls Unionsregiert: in Thüringen können Gemeinschaftsschulen freiwillig eingeführt werden, in Sachsen gibt es erste Modelle.

Dass die Landes-SPD aus gutem Grund das Thema Bildung an erster Stelle in ihr Wahlprogramm geschrieben habe, diesen Hinweis liefert Siegfried Siegel. Der Wernigeröder Landtags-Direktkandidat nutzt den Abend, um angesichts von Schulneugründungen zu erklären: "Es ist vieles bei diesem Thema in Bewegung, und das ist gut so." Bildung, so Siegel, schütze auch die Demokratie

Warum aber sollen Schüler mit unterschiedlichen Fähigkeiten länger gemeinsam lernen? Dorgerloh findet: Der Blick in skandinavische Länder beweise, dieser Ansatz verspreche einen deutlich größeren Bildungserfolg. Im Norden gäbe es deutlich besser ausgebildete Pädagogen in den Kindertagesstätten (frühkindliche Bildung) und an den Schulen, auch darum müsse die Lehrerausbildung im Land praxisorientierter werden. Dorgerloh: "Wenn in Skandinavien gewählt wird, ändert sich die Politik völlig, aber in der Bildung nichts. In Deutschland ist das leider umgekehrt"

Mehr Bildungserfolge in Skandinavien

Eine Lehrerin kritisiert die ungenügende Vorbereitung für die sogenannte integrative Beschulung, ihr stimmt der Experte zu. Ebenso beim Unverständnis einer anderen Pädagogin darüber, dass Sachsen-Anhalt seine Lehrer zum 1. September einstelle, obwohl das Schuljahr bereits einen Monat zuvor beginne. Dorgerloh: "Das ist für mich auch ein Ausdruck mangelnder Wertschätzung."