Nur vier Wochen lang ist Hermann Löns im Mai 1907 in Wernigerode gewesen. Die landschaftliche Vielfalt der Stadt und ihrer Umgebung inspirierte ihn zu seiner Beschreibung "bunte Stadt". Von diesem Beinamen profitiert Wernigerode bis heute. Vor 100 Jahren ist Löns gestorben.

Wernigerode l Ihm verdankt Wernigerode den Beinamen "die bunte Stadt": Heute vor 100Jahren ist der Journalist und Schriftsteller Hermann Löns im französischen Loivre während einer Schlacht im Ersten Weltkrieg gefallen.

Es ist das Jahr 1907, als Hermann Löns vier Wochen lang mit seiner Familie in Wernigerode weilt. Er ist damals 41Jahre alt und hegt ein unbändiges Interesse an der Natur in all ihren Facetten. In den Jahren zuvor hatte sich Löns beim Hannoverschen Anzeiger, einem Vorläufer der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, vom Freiberufler zum Chefredakteur hochgearbeitet. "Doch das hektische Großstadtleben hat ihm nicht sonderlich zugesagt", sagt der Blankenburger Schriftsteller Bernd Wolff im Gespräch mit der Volksstimme.

Löns bezieht in einer Pension am Kreuzberg Quartier. Der Schriftsteller streift während seines Urlaubs durch die Gassen Wernigerodes, lernt die Stadt und ihre Umgebung intensiv kennen. Gemeinsam mit dem jungen Lehrer Wilhelm Voigt - genannt "Zickenvoigt" - wandert er auch auf den Brocken. Die Eindrücke der wilden Harzlandschaft mit Wäldern, Seen und Mooren prägen Löns nachhaltig. "Die Touristenströme, die mit der Harzquerbahn auf den Brocken kamen, hinterließen überall ihre Spuren." In seiner Streitschrift "Mehr Schutz dem Brocken" plädiert er später für den Naturschutz. "In der kurzen Zeit, die er in Wernigerode verbracht hat, lernte er mehr Tier- und Pflanzenarten kennen als die meisten Einheimischen", so Wolff. Löns Interesse gilt allen Arten - Kriechtieren, Schnarren, Fischen und Vogelarten. Mit seinem Ausspruch "bunte Stadt" habe er die Vielfalt an Pflanzen und Lebewesen beschreiben wollen. So interpretiert es Bernd Wolff. "Er hat damals all diese Eindrücke in sich aufgesogen. Nicht die abgezirkelte Stadt Wernigerode war für ihn die `Bunte Stadt` - sondern Wernigerode und der Harz."

Hermann Löns sei rückblickend "eine ganz und gar widersprüchliche Persönlichkeit", sagt Wolff. Weil er sich in die 20 Jahre jüngere Cousine seiner Frau verliebt hatte, will sich Löns 1911 scheiden lassen. "Um die Alimente für seinen geistig und körperlich behinderten Sohn nicht zahlen zu müssen, hat er dann ständig seine Adressen gewechselt", so Wolff. Über ein Jahr irrt Löns durch Europa mit Stationen in Berlin, Davos, Innsbruck, Wien, Zürich, Wiesbaden.

Im Mai 1909 veröffentlicht Löns den Aufsatz "Die bunte Stadt am Harz" in einer Hannoverschen Zeitung. Das Wernigeröder Verkehrsamt erwirbt die Rechte und bringt im April 1911 ein gleichnamiges Heft heraus. Es soll der "Progapanda zur stärkeren Heranziehung von Kurgästen und Einwohnern" dienen. Seitdem wirbt Wernigerode mit dem Slogan "bunte Stadt".

Nach den vier Wochen im Harz ist Löns nie wieder in Wernigerode gewesen. Die Stadt profitiert bis heute von dem Beinamen. "Der Begriff ist eingeführt und etabliert", sagt Roman Müller von der Wernigerode Tourismus GmbH. "Auf allen unseren Publikationen steht `die bunte Stadt`. Es verdeutlicht, was Wernigerode ist - vielseitig und abwechslungsreich." Der Sachsen-Anhalt-Tag im Juli habe das beste Beispiel dafür geliefert. "Auch im Motto des Landesfestes fand sich der Beiname von Löns wieder - `Bunte Stadt, buntes Land`."

Die Wernigeröder Stadtverwaltung würdigt Löns anlässlich seines 100. Todestages mit einer Gedenktafel, die am heutigen Freitag um 14Uhr im "Wildpark Christianental" enthüllt wird. Auf der Tafel steht der Satz: "Alle Städte den Harz hinauf, den Harz hinab haben ihre Schätze und Kostbarkeiten; keine aber ist so reich und so bunt wie Wernigerode." In einer Ansprache wird Bernd Wolff an den Heimatdichter erinnern. Den Ort für den Gedenkstein hält er für passend - inmitten der Harzer Landschaft und Tierwelt. So hätte es sich Hermann Löns gewünscht.

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