Der Naturschutzbund (NABU) warnt vor massiven Einschnitten durch den Schierker Ski-Zirkus. Berechtigte Kritik oder Stimmungsmache? Die Harzer Volksstimme hat Wernigeröder Politiker gefragt, wie ernst sie die Vorwürfe nehmen.

Wernigerode/Schierke l Die Stellungnahme des Harzer Naturschutzbundes (NABU) zum Masterplan "Natürlich. Schierke" sei im Wernigeröder Rathaus "nicht bekannt", hat Oberbürgermeister Peter Gaffert (parteilos) am Mittwoch auf Volksstimme-Nachfrage mitgeteilt.

So wie bei bisherigen Planungen von Bauvorhaben sei auch der Masterplan für Schierke langfristig im Voraus mit den Naturschutzverbänden abgestimmt worden. Vertreter seien am Entstehen der Studie beteiligt. Gaffert: "Dass es dabei gegensätzliche Interessen und Meinungsbilder gibt, ist der Thematik immanent und wird sich nie ausschließen lassen." Für den Oberbürgermeister gelte nun, "die Anregungen im weiteren Planungsverfahren aufzunehmen und in einen konstruktiven Dialog mit den Verbänden zu treten". Mit Entsetzen" hat Schierkes Ortsbürgermeisterin Christiane Hopstock die Kritik des NABU vernommen. "Ich bin sauer und wundere mich sehr über die Aussagen von Gunter Karste", sagt sie auf Volksstimme-Nachfrage. "Wenn man bedenkt, in welch` vernachlässigtem Zustand sich der Nationalpark befindet, sollte Herr Karste nicht so groß tönen, sondern lieber erst einmal vor seiner eigenen Haustür kehren."

Gunter Karste - Nationalpark-Mitarbeiter und Vorsitzender des Harzer Kreisverbandes des NABU Deutschland - hatte am Dienstag den "massiven Eingriff in den Naturhaushalt" angeprangert, der in Schierke für den künstlich beschneiten Winterberg-Hang in Kauf genommen werde. Das Ortsentwicklungskonzept mit dem Titel "Natürlich. Schierke" sei für ihn schlicht "Etikettenschwindel".

"Wir haben von Beginn an gemeinsam mit den Naturschutzverbänden und Herrn Karste nach gemeinsamen Wegen gesucht und diese immer gefunden", so Christiane Hopstock. "Uns jetzt Vorwürfe zu machen, halte ich nicht für sinnvoll." Sie weist im Gespräch mit der Volksstimme ausdrücklich darauf hin, als Ortsbürgermeisterin und Schierker Bürgerin zu sprechen - nicht als Mitglied der CDU-Fraktion im Stadtrat.

Grünen-Stadträtin Sabine Wetzel hält die Kritik des NABU dagegen für "absolut berechtigt". So erinnert die Lehrerin daran, dass in den ersten Entwürfen für das Erlebnisgebiet von 20 Hektar gerodetem Wald die Rede gewesen sei. "Inzwischen sind wir bei 46 Hektar angekommen", so Sabine Wetzel. Sie rechnet damit, dass es letztlich rund 60 Hektar sein werden.

Bei diesen gerodeteten Flächen handele es sich keinesfalls nur um Wiesen, die für einen Skihang am Kleinen Winterberg geschaffen werden. "Es geht um Betonflächen. So braucht der Seilbahnbetreiber noch mehr Platz für Funktionsgebäude. Außerdem ist momentan ein weiterer Parkplatz im Gespräch, da das Parkhaus am Winterberg nur für Fahrzeuge bis zwei Meter Höhe ausgelegt wurde." Busse, Geländewagen und Autos mit Dachbox müssten deshalb auf andere Stellflächen im Ort ausweichen. Vorgesehen war von Seiten der Wernigeröder Stadtverwaltung, dass diese Fahrzeuge am bestehenden Parkplatz "Am Thälchen" abgestellt werden. "Doch das `Thälchen` wird nicht ausreichen", sagt Sabine Wetzel. "Leider hat unser Oberbürgermeister anscheinend sein ehemals grünes Herz an die Wirtschaft verloren." Naturschutz, Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit würden keine Rolle mehr spielen.

"Die Einzelheiten zum Ganzjahreserlebnisgebiet sind bisher noch nicht im Stadtrat besprochen worden. Die Diskussion beginnt jetzt erst richtig", sagt Thomas Schatz. Der Linke-Fraktionsvorsitzende geht davon aus, dass der Plan, das größte Skigebiet nördlich der Alpen zu errichten, nicht nur positive Impulse für die Wirtschaft hat - "sondern auch einen öffentlichen Effekt in Hinblick auf die Umweltzerstörung."

So habe er in den vergangenen Monaten E-Mails erhalten, in denen er als Wernigeröder Stadtratsmitglied "mit durchaus kritischem Tenor" auf das Schierke-Konzept angesprochen wurde. "Das Konzept wird weit über die Grenzen von Wernigerode hinaus zur Kenntnis genommen und hinterfragt - auch, inwieweit die Investition in ein Skigebiet in Zeiten von Klimawandel und Erderwärmung nachhaltig ist." Er regt an, sich zu besinnen, dass der Brocken das wesentliche Alleinstellungsmerkmal für Schierke ist. "Der Brocken wird auch in Zukunft viele Besucher mehr haben, als ein Skigebiet, das wir mit vielen Millionen Euro schaffen."

Ob die Kritik des Naturschutzbundes berechtigt ist, kann SPD-Fraktionschef Rainer Schulze noch nicht beurteilen. "Wir werden in der nächsten Woche in der Fraktion darüber reden, ob und inwieweit der Naturschutzbund Recht zur Kritik hat", so Schulze. "Die Stadtratsdebatte wird sich nach objektiven Kriterien richten und nicht nach Stimmungsmache." Ob der NABU diese Absicht verfolge, lasse sich bisher schwer beurteilen.

Michael Wiecker hält die Kritik des NABU für Polemik gegen die Schierker Ortsentwicklung. "Es gibt immer Einschnitte in die Natur, wenn Freizeitanlagen und Infrastruktur gebaut werden", sagt der CDU-Stadtrat gegenüber der Volksstimme. "Aber diese Einschnitte geschehen mit Augenmaß." Mit dem Projekt werde die Harzer Natur erst "erlebbar gemacht", ist Wiecker überzeugt.

   

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