Wo bisher im Oberharzort Tanne ein schwerer Bulle im Schaustall zu sehen und Fleisch zu kaufen war, entsteht ein neuartiger Bauernhof. Familie Thielecke verbindet Landwirtschaft, Tourismus und Pflege Harzer Kultur. Es ist ihr Traumprojekt, kostet rund 1,5 Millionen Euro und schafft insgesamt elf Arbeitsplätze.

Tanne l "Wenn nicht jetzt, wann dann?" haben sich Brockenbauer Uwe Thielecke und Ehefrau Susann gesagt und das Projekt ihres Lebens in Angriff genommen. Beide im 49. Lebensjahr, bauen sie ihren Hof im Ortsteil Tanne, Stadt Oberharz am Brocken, zum modernen bäuerlichen Komplex mit Schaustall, Bio-Fleischerei, Hofschlachtung, Bauernhof-Café und neuem Hofladen aus.

Wo einst marode Häuschen wild ineinander verschachtelt standen, nehmen unter ihrer Leitung neue, klar strukturierte Gebäude Gestalt an. Zusammen mit den Töchtern Sarah und Julia (beide 29) sowie Marvin Freystein investiert die Familie rund 1,5 Millionen Euro inklusive Fördergeld für ihren Traum. Er setzt eine Erfolgsgeschichte fort.

Seit Jahren schon züchtet Uwe Thielecke Rotes Höhenvieh vom Harzer Schlag, die sogenannten Harzkühe, und hilft so, die vom Aussterben bedrohte Rinderrasse durch kluge Vermarktung zu erhalten. Mit wenigen Rindern auf einem erst noch auszubauenden kleinen Hof haben Thieleckes vor Jahren ihr bäuerliches Unternehmen gestartet.

Heute weiden rund 150 Kühe und sechs Bullen für die natürliche Vermehrung auf den Wiesen der Region. Sie sorgen außer für die Fleischproduktion zugleich auch für eine natürliche Landschaftspflege. Die Rinder sind mittlerweile ein Tourismusmagnet geworden. Rotbraune Kühe, friedlich auf grünem Grund sind ein Markenzeichen von Tanne und der Oberharzstadt. Der Tourismusbetrieb kann damit werben. Thielecke selbst hatte schon oft Reisegruppen aus ganz Deutschland und dem Ausland in Tanne zu Gast, um ihnen Harzer Landwirtschaft zum Anfassen zu präsentieren und fachkundig zu erläutern.

Die Gäste, Jung und Alt, sind angetan und begeistert. Zumal neben der angestammten Rinderrasse auch solche heute selten gewordenen Rassen wie die Harzziege und der Harzer Fuchs, eine Schäferhundart, zu erleben sich.

"Selbst unsere Hühner werden nicht selten bestaunt, weil die Gäste oft nur noch Eier aus dem Supermarkt kennen", sagt Susann Thielecke. Mit dem neuen Projekt komme die Familie dem Bedarf nach mehr Fleischwaren vom Bio-Rind, aber auch nach mehr Erlebnis-Landwirtschaft entgegen. Deshalb auch die Idee mit dem Bauernhof-Café samt Blick auf Kühe und Weide. Das soll später auch der neue Schaubauernhof ermöglichen.

"Alles aus einer Hand, von der Weide bis auf den Teller" ist das Motto von Landwirt Thielecke. "Es geht um Bodenständigkeit, um beste Qualität, kurze Wege von der Fleischproduktion bis zum Verbraucher, und um das Vertrauen der Kunden", sagt der Bio-Bauer: "Nicht zuletzt geht es auch um den Erhalt der Harzer Hirtenkultur."

Fleiß, Ideen, Freude am Engagement und Kompetenz halfen der Familie, die Fläche des alten Hofes nach und nach zu erweitern, das neue Großprojekt zu erarbeiten, zu finanzieren, Fördertöpfe zu öffnen. Landkreis und Stadt Oberharz unterstützen das weit und breit mit größte Vorhaben.

"Eine tolle Sache, wo wir helfen können, helfen wir", sagt Oberharz-Stadtbürgermeister Frank Damsch (SPD). Das Wirtschaftsministerium von Sachsen-Anhalt fördert den Aufbau der Fleischerei, die von Tochter Julia (29) geleitet werden wird. Café, Schlachtung, und Hofladen finanziert die Familie eigenständig.

"Alles aus einer Hand - es geht um Bodenständigkeit, beste Qualität und das Vertrauen der Kunden."

Brockenbauer Uwe Thielecke (49)

Mit einem Achtstundentag ist es bei all den derzeit zu lösenden Aufgaben nicht getan. Viewirtschaft, Hof und Bau sowie der ganze Papierkram sind unter einen Hut zu bringen. Die Fleischwaren vom Harzer Naturrind gibt es derzeit nur aus einem mobilen Verkaufswagen. Die Kunden stört das nicht. Viele gratulieren zu dem Vorhaben, warten schon auf einen Platz im Café und auf den neuen Hofladen. Nur die Kühe muhen manchmal, weil sie um den wachsenden und so stets neu aussehenden Rohbau herumlaufen müssen, um in einen Schaustall zu kommen.

Im Mai 2015 soll erstmals auf dem neuen Hof geschlachtet werden, so der ehrgeizige Plan. Ein Fleischermeister steigt im Januar mit ein, ein Lehrling wird gesucht. Insgesamt sollen sechs neue Arbeitsplätze neben den fünf für die Familie entstehen. Vielleicht mehr, das werde sich zeigen, so Thielecke.

An eine bessere Präsentation des Hofes hat die Familie ebenfalls von Anfang an gedacht - praktisch, ländlich, schön und passend. "Ein bisschen Kitsch muss sein", weiß Uwe Thielecke aus Marketing-Erfahrung bei seinen Vorträgen. Zwei Designer aus Halle, Thomas Mayer und Andreas Kühne, erarbeiten die Fachwerk-Fassadengestaltung. Auf den Außenwänden entstehen landwirtschaftliche Bilder von Kühen, Hühnern und anderen Tieren sowie auch von fleißigen Menschen, denen der Gast auf dem künftigen Bauernhof dann leibhaftig begegnet.

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