Wernigerode/Goslar l An den 29. November 1989 erinnert sich Claus Christian Wenzel heute noch sehr gut. "Ich war auf dem Weg nach Goslar", sagt der damalige Wernigeröder Planungsamtsleiter. "Ich wollte zu meinen Fachkollegen im niedersächsischen Nachbarkreis fahren."

Der Architekt wird in den folgenden Wochen bei der Verwaltung in Goslar hospitieren und sich in für ihn neuartige Gesetze und Baunormen einarbeiten. "Ich durfte alle Planungen und Akten einsehen. Man war ungeheuer hilfsbereit", sagt er. So sei der ein Jahr später geschlossene Patenschaftsvertrag zwischen beiden Kommunen schon seit Dezember 1989 mit Leben erfüllt worden.

Am selben Tag, zur selben Zeit, fährt Ludwig Christian Bamberg nach Wernigerode. Der Baudezernent aus Goslar will die Verwaltung in Wernigerode besuchen. Es sei ein sonniger Novembertag gewesen. "Über Wernigerode lag eine dunkle Linse aus den Abgasen der Braunkohlefeuerung", erinnert er sich. Entsprechend habe es in der Stadt gerochen. Bamberg fährt zum Rat des Kreises in der Bahnhofstraße. "Es war keine Schwierigkeit, einen Parkplatz zu bekommen", so der Bauexperte. Er soll sich zunächst beim Pförtner ausweisen, dann heißt es: Warten. Nach vier Stunden wird er zum Vorsitzenden des Rates des Kreises vorgelassen.

"Alles in seinem Zimmer kam mir bekannt vor - aus einem Stalin-Film", sagt er. "Das Honecker-Bild im Zentrum der Stirnwand, darunter der Schreibtisch mit den zwei Telefonen. Davor der lange Tisch für die Berichterstatter und Befehlsempfänger, so wie man es heute noch bei Putin sieht."

Ihm wird ein Platz an dem großen Längstisch zugewiesen. "Mit dabei war der Stellvertreter für Inneres, ein junger Mann. Er schrieb jedes Wort mit", berichtet er. Am Vortag des 29. Novembers hatte Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) sein Zehn-Punkte-Programm im Bonner Bundestag vorgestellt. Bamberg ist damals den Ostdeutschen aufgeschlossen, bietet schon früh einen Patenschaftsvertrag an. "Schließlich war man mit meinem Wunsch einverstanden, meine Kollegen im Baufach aufzusuchen. Ich begegnete einem freundlichen Fachmann", sagt er. Es ist nicht Claus Christian Wenzel. "Dass mich an diesem Tag der Wernigeröder Kreisarchitekt in Goslar aufsuchen wollte, erfuhr ich erst am nächsten Morgen in meinem Vorzimmer", so Bamberg. "In Wernigerode wusste man von dieser Eigeninitiative offenbar nichts."

Claus Christian Wenzel erinnert sich gerne an den 29. November 1989 zurück. "Seit diesem Tag ohne sichtbare Begegnung hält eine ununterbrochene Fach-Freundschaft an", sagt er heute. Und Bamberg fügt hinzu: "Den großen Kommunikator des Landkreises Wernigerode auf dem Bau- und Planungssektor nannte meine Sekretärin schon bald den `Außenminister des Landeskreises Wernigerode`."

Der rege Austausch zwischen den Landkreisen ist damals notwendig. "Fortan trafen wir uns oft, dienstlich und privat, denn es mussten unter anderem die vierspurige B 6n und die neue Schienenverbindung Ilsenburg-Vienenburg geschaffen werden. Damit hatten beide Verwaltungen in glücklichem Zusammenwirken zu tun." Raumordnung und Planfeststellungsverfahren mussten abgestimmt werden. Seit 2001 ist Wernigerode über die neue, vierspurige B 6 mit Goslar und der Autobahn A 395 verbunden.

Initiiert haben Wenzel und Bamberg auch ein Denkmal, das an den Mauerfall erinnert. Die zehn Elemente aus 80Tonnen Stahl aus dem Walzwerk Ilsenburg stehen über drei Kilometer verteilt entlang der ehemaligen Grenze - unter anderem in Abbenrode. "Das wurde 1996 von vielen engagierten Beteiligten kosten- und selbstlos nach meinem Entwurf geschaffen, als die Züge wieder fahren konnten", sagt Wenzel. "Es war eine wunderbare konzertierte Aktion, die man heute so nicht mehr auf die Beine stellen könnte", ist Wenzel sicher.