Halberstadt (dl/wb/sa/cbe) l Mit dem Einsetzen des Berufsverkehrs setzte am Donnerstag auch die Unfallserie ein. "Wir haben allein seit 5 Uhr 21 glättebedingte Unfälle registriert", zog Polizeisprecher Uwe Becker gegen 9 Uhr eine erste Bilanz. Zum Glück sei es meist glimpflich ausgegangen, so der Hauptkommissar. Selbst der 48 Jahre alte Mann aus Pansfelde (Stadt Falkenstein/Harz), der sich gegen 6.30 Uhr zwischen Pansfelde und Abberode mit seinem Mitsubishi überschlug, kletterte unverletzt aus dem Wrack.

Wie dem Pansfelder erging es laut Becker vielen Autofahrern, die von der Glätte überrascht wurden. In der Nacht hatte Nieselregen den gefrorenen Boden in gefährliche Rutschbahnen verwandelt. Wer das übersah, fiel hin oder verlor die Kontrolle über sein Fahrzeug.

Begonnen hatte die Unfallserie nach Beckers Worten bereits am Mittwochabend. Gegen 18.20 Uhr überschlug sich ein Mann zwischen Hoym und Ballenstedt. Betroffen war der gesamte Harzkreis. Auf der B 245 prallte ein Autofahrer zwischen Neuwegersleben und Schwanebeck gegen einen Baum. Zwischen Wegeleben und Ditfurt verunglückte eine 35-jährige Quedlinburgerin und kam verletzt ins Klinikum. Im Morgengrauen setzte sich die Serie - ebenso wie der tückische Nieselregen - fort: Zweimal waren auch Busse betroffen.

Trotz der eisglatten Straßen machten sich ganz Verwegene mit dem Rad auf den Weg. Am Dienstagabend stürzte ein 51-Jähriger Ballenstedter und musste ambulant behandelt werden. Am Mittwochmorgen endete der Versuch, trotz Glätte mit dem Fahrrad zum Ziel zu kommen, für eine 28-jährige Osterwieckerin im Krankenhaus.

"Solche Unvernunft habe ich auch beobachtet - auf der B 81 waren tatsächlich Motorradfahrer unterwegs", berichtete Polizeisprecher Becker. "Eigentlich sollte es zum Selbstverständnis gehören, bei diesen Witterungsverhältnissen auf Zweiräder zu verzichten."

Schlimmstenfalls endeten solche Touren in der Klinik. In den Notaufnahmen hatten die Mediziner Nonstop zu tun. Im Halberstädter Ameos-Klinikum waren überwiegend Menschen mit Sturzverletzungen und Knochenbrüchen zu behandeln. Vor allem ältere Menschen seien eingeliefert worden, berichtete Kliniksprecherin Katja Stützer am Donnerstagnachmittag. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Lage zwar leicht entspannt, Ärzte und Pflegepersonal waren aber immer noch vollauf mit den Patienten beschäftigt. Deshalb konnte die Sprecherin noch keine genauen Zahlen nennen.

Präziser war da das Harzklinikum: Im Krankenhaus Quedlinburg berichtete die diensthabende Schwester am Donnerstagabend "von einer deutlichen Zunahme gegenüber Tagen ohne solche Wetterkapriolen". Am Dienstag seien dort von 6 bis 22 Uhr 50 Patienten behandelt worden, einen Tag später bereits 65 und am Donnerstag bis 16 Uhr 38 Patienten. Auch hier dominierten Brüche.

Im Wernigeröder Klinikum werden "an normalen Tagen" fünf bis zehn Patienten in der Notaufnahme unfallchirurgisch behandelt. Am frühen Donnerstagnachmittag berichtete Stefan Kosin, Facharzt für Chirurgie, von bereits 27 Patienten an diesem Tag, die meist nach Stürzen eingeliefert wurden. "Sehr viele Stürze auf den Kopf haben zu Schädel-Hirn-Traumen, bei manchen auch zur Schädelfraktur geführt." Zusätzlich waren sehr viele Brüche zu versorgen. Stefan Kosin: "Wir haben als Unfallchirurgen an solchen Wintertagen das gesamte Programm abzuarbeiten, und noch ist kein Ende in Sicht."

Ins Rutschen kamen in den frühen Morgenstunden auch viele Zusteller der Volksstimme auf dem Weg zu den Abonnenten. "Ich habe von zig Stürzen gehört, fast jeder war betroffen. Ich bin froh, dass nichts Schlimmes passiert ist. Allerdings ist ein Mitarbeiter in Blankenburg mit dem Auto in den Graben gerutscht", sagte Mario Tacke, verantwortlicher Vertriebschef vor Ort. Er zollte den Zustellern Respekt und danke den Abonnenten für die Nachsicht bei verspäteten Zustellungen.

Spiegelglatte Gehwege machten auch in Halberstadt den Weg zur Schule oder zur Arbeit zur teilweise gefährlichen Rutschpartie. Während die Stadtstraßen für viele Autofahrer kein Problem darstellten, war es auf vielen Bürgersteigen noch bis in den Vormittag hinein glatt. Nicht alle Anlieger waren rechtzeitig auf den Beinen, um die Wege abzustumpfen.

Die 34 Mitarbeiter des Stadt- und Landschaftspflegebetriebes (Stala) waren zwar pünktlich um 3.45 Uhr zum Einsatz ausgerückt, doch sie konnten nicht überall gleichzeitig sein. Zumal drei der 23 Einsatzfahrzeuge am Morgen ihren Geist aufgaben, sodass manche Streutour erst verspätet abgearbeitet werden konnte, wie von Stadtsprecherin Ute Huch zu erfahren war. Die Stala-Mitarbeiter waren auch in der Nacht zum Freitag wieder in Bereitschaft.

Warum allerdings an einem sensiblen Punkt wie vor den beiden Schulen in der Wilhelm-Trautewein-Straße der Gehweg vor Schulbeginn nicht gestreut war, blieb bis Redaktionsschluss ungeklärt. Wie Dietmar Nelius am Lesertelefon berichtete, waren zahlreiche Kinder gestürzt, so auch sein Sohn. "Er erzählte mir, dass ihm ein Erwachsener geholfen hatte, wieder auf die Beine zu kommen." Er war heftig auf das Steißbein gefallen und musste von der Schule abgeholt werden.

Große Probleme gab es auch im Huy. Am Morgen stoppten dort Polizisten auf spiegelglatten Straßen vorsorglich Busse. Deshalb kamen zahlreiche Schüler verspätet oder gar nicht zum Unterricht nach Schwanebeck.

In weiten Teilen des Harzkreises war es um 8.51 Uhr zu einem kurzen Stromausfall gekommen. Wie Avacon-Sprecher Ralph Montag informierte, hatte sich am Umspannwerk Hüttenrode ein Eisbrocken von einer Stromleitung gelöst. Ein Seil schnellte deshalb nach oben und schlug gegen ein zweites. Für Sekundenbruchteile kam es zum Stromausfall.

Aber bei allem Ungemach - nicht alles war schlecht gestern. Denny Behrendt, der Gründer der "Blitzergruppe" lobte den Einsatz der Räum- und Streudienste. "Das ist gut gelaufen." Die Blitzergruppe hat auf Facebook rund 11 500 Mitglieder und ist die größte derartige Gemeinschaft im Harz. In einigen Regionen, etwa dem Huy, begann der Winterdienst zwar etwas spät, doch rund um Halberstadt sei es "erstaunlich gut" gelaufen.