Blankenburg l "Ungefähr zehn Jahre ist ihr Ansehen gestiegen, zehn Jahre hat es abgenommen, und die letzten zehn Jahre hat sie im Elend verbracht", hat einst Conrad Ekhof (1720-1778), der schon zu Lebzeiten als "Vater der deutschen Schauspielkunst" galt, über das Leben der Neuberin geurteilt.

Im Großen Schloss Blankenburg war ihr nun eine szenische Lesung gewidmet. Die Inszenierung basiert auf einem Manuskript, das Gero Hammer über Leben und Leistung der Schauspielerin, Prinzipalin und Poetin Friederike Caroline Neuber (1697-1760) erarbeitet hat. Der vormalige Intendant des Hans-Otto-Theaters in Potsdam, Gründungsintendant des Nordharzer Städtebundtheaters und Vorsitzende des Kulturausschusses des Regionalverbandes Harz, ist bekannt für sein Händchen, wenn es um eine facettenreiche Schilderung von Persönlichkeiten und Zeitläuften geht. Und so stimmt bereits der Titel "Die Komödiantin zwischen Fürstengunst und Akademischem Anspruch - Zeugnisse und Selbstzeugnisse der Caroline Neuberin" das Publikum auf einen wohldosierten Mix aus korrekter historischer Berichterstattung, Nachdenklichkeit und einen Schuss Ironie ein.

Als roter Faden für die gut 60-minütige Lesung im Theatersaal dient die Biografie der Neuberin, die mehr als ausreichend Stoff für gute Bühnenunterhaltung bietet. In der Erarbeitung des Stückes stellt Hammer der Neuberin (Eva Weißenborn-Klebsch), ihrem zeitweiligen Verbündeten Johann Christoph Gottsched und ihrem ärgsten Gegenspieler - dem Hanswurst Joseph Ferdinand Müller (beide Gunther Schoß) - mit Valentin Jackisch, Jan Wilhelm, Annika Schüler und Antonia Weber von der Theater-AG des Gymnasiums "Am Thie" vier Sprecher zur Seite.

Durch ihre verbindenden Kommentare nimmt die Handlung Fahrt auf, es werden wechselnde gesellschaftliche Situationen beleuchtet und somit der Boden bereitet für die Szenen, in denen Weißenborn-Klebsch und Schoß im Monolog und Dialog die zentralen Anliegen der Wegbereiterin eines neuen Theaters thematisieren. Das Wichtigste: Verbannung des Hanswurst von den deutschsprachigen Bühnen, um die Qualität der deutschen Komödien zu verbessern. Doch damit nicht genug. Durch die Aufführung des Erstlingswerkes von Gotthold Ephraim Lessing (Der junge Gelehrte, 1748) verhilft sie dem Dichter zu frühem Ansehen.

Viel Applaus gibt es für die szenische Lesung, bei der mit sparsamer Gestik und Mimik, mit gutem stimmtechnischen Einsatz in einer "kammerspielartigen" Lesung die Innen- wie die Außenwelt der Neuberin vorgestellt wird. Zudem ein Spiel, das auch zunehmend das Publikum in seinen Bann zieht. Für Hilde Thoms vom Verein "Rettung Schloss Blankenburg" ist Eva Weißenborn-Klebsch die ideale Darstellerin der Neuberin. Schade nur, dass es die szenische Lesung in dieser Besetzung nur einmal zu sehen gibt. Sabine Probst, die Leiterin der Theatergruppe InTakt, hat bereits eine Wiederholung im Thie-Gymnasium angekündigt.

Die Aufführung vom Sonnabend ist mehr als nur eine Hommage an Friederike Caroline Neuber im Besondern und eine Würdigung des Welttheatertags im Allgemeinen - er wurde tags zuvor begangen. Auf lokaler Ebene wolle sie bewusst an die beachtlichen intellektuellen und künstlerischen Traditionen Blankenburgs erinnern, wie Evelin Wittich von der mitveranstaltenden Rosa-Luxemburg-Stiftung sagt.

Wer sich näher mit dem Wirken der Neuberin bekanntmachen möchte, dem sei die kleine Ausstellung im Großen Schloss empfohlen, die von Hilde Thoms aus Anlass des 255. Todesjahres der berühmten und für die deutsche Nationaltheaterentwicklung so bedeutsamen Komödiantin liebevoll zusammengetragen wurde. Und das kommt nicht von ungefähr, hatte sie doch mit ihren Gastspielen im Blankenburger Schloss ihren frühen Ruhm begründet. Für viele Zuschauer ein guter Grund, sie sich nach Ende der Aufführung in der erklärenden Begleitung von Hilde Thoms anzusehen.