Politiker sind auch nur Menschen - mit allen Stärken und Schwächen. Die Volksstimme traf sich mit den Kandidaten für das Amt des Oberbürgermeisters an ihrem Lieblingsplatz in der Stadt und sprach mit ihnen über alles - außer Politik.

Wernigerode l Worüber spricht man mit Sabine Wetzel, wenn Politik eigentlich tabu ist? Um es gleich vorweg zu sagen: Es geht nicht wirklich. Zu lange und mit zu viel Leidenschaft ist die Bündnisgrüne in der Politik unterwegs, als dass sie ein langes Gespräch führen könnte, ohne dieses Thema zu streifen. Ihre Familie weiß das, ihre Freunde wissen das und ihre Kollegen im Stadtrat ohnehin. Nur die Stadtfeld-Grundschule, wo die 50-Jährige seit der Wende als Lehrerin arbeitet, ist für sie politikfreier Raum. Und das bedauert sie nicht einmal. "In der Schule habe ich keine Zeit, an meine aktuellen politischen Aktivitäten zu denken, da bin ich durch die Kinder gefordert. "

Dieser Forderung kommt Sabine Wetzel, selbst dreifache Mutter, gerne nach. Schließlich ist Lehrerin ihr Traumberuf, schon in der ersten Klasse stand das für sie fest. Der Grund: ihre Klassenlehrerin. "Sie war mit Leib und Seele und aus vollem Herzen Lehrerin." Diesem Vorbild folgt Sabine Wetzel. Aus vollem Herzen ist sie vieles: Lehrerin, Kommunalpolitikerin, Umweltschützerin. Und wenn das Herz voll ist, dann kochen mitunter die Emotionen über. In der Kommunalpolitik, Sabine Wetzel sitzt seit Jahren im Wernigeröder Stadtrat, geschieht das aber eher aus Frust denn aus überschäumender Freude. Ihre politischen Gegner wissen ein Lied davon zu singen, und Wetzel weiß, dass sie ihr Temperament manchmal etwas herunterkühlen müsste. Oft geschieht trotzdem, was sie selbstkritisch anmerkt: "Ja, manchmal platzt mir im Ausschuss der Kragen. Wenn ich hinter einer Sache stehe, geht es bei mir immer auch um Emotionen und deutliche Worte. Da bin ich ganz Frau."

Aber wie könnte sie ohne Emotionen agieren, wenn, wie im Fall Schierke, urgrüne Themen wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit berührt werden? Oder, wie die OB-Kandidatin überzeugt ist, gefährdet sind. Sabine Wetzel ist zur Wendezeit über den Unabhängigen Frauenverband in die Politik gekommen, aber landete dann schnell bei Bündnis 90 und den Grünen. Eine andere Partei kam für sie nie in Frage. Die Grünen sind heute zwar thematisch breiter aufgestellt, doch der grüne Markenkern, Schutz und Bewahrung der Natur für künftige Generationen und nachhaltiger Umgang mit Ressourcen, ist und bleibt das Anliegen von Sabine Wetzel: "Ich mag gradlinige Menschen und solche habe ich hier in Wernigerode zunächst bei der Bürgerrechtsbewegung und später in ganz Deutschland bei Bündnis 90 / Die Grünen gefunden."

Bewussten Umgang mit Natur und Umwelt will die Kandidatin aber nicht nur in der Politik verwirklicht sehen. Für sie fängt das schon bei den Jüngsten an, ihren Schülern. Schließlich will sie ihnen nicht nur Lehrplanwissen vermitteln, sondern sie versucht, "ihnen auch etwas für das Leben, schlicht Werte, mitzugeben". Mit ihnen diskutiert sie über Umwelt, sie packen gemeinsam beim Frühjahrsputz an, praktizieren Mülltrennung und reden übers Energiesparen. Die Kinder sind mit Begeisterung dabei, das freut auch die Lehrerin: "Ich gebe gern Impulse und dafür ist Schule ein guter Ort." Und was ist schön an der Arbeit mit Kindern? Die Antwort kommt schnell: ihr Lachen, ihr Spaß, ihre Kuscheleinheiten. Zumindest auf das Kuscheln müsste sie verzichten, wenn ihr Berufsziel Oberstufenlehrerin Realität geworden wäre.

Sabine Wetzel wollte Französisch-Lehrerin werden. Das ging nicht, und die Alternative, Russisch-Lehrerin, wollte sie nicht. Also schwenkte sie um, wechselte in die Grundschule. Ein Bruch im Leben, den sie nicht bedauert. "Es ist gut, dass ich damals gewechselt bin und die Herausforderung, mit Kleien zu arbeiten, nicht gescheut habe." Brüche im Leben müssten nämlich nichts Schlimmes sein, wenn sie auf eine freie Entscheidung zurückgingen, ist sie überzeugt. Sie habe sich in ihre neuen Rollen im Leben immer gut hineingefunden. So wäre auch der nächste Bruch für Sabine Wetzel kein Problem: Wernigerodes erste Oberbürgermeisterin zu werden.