Dank des strengen Winters und des eingesetzten Tauwetters sind Wernigerodes Fließgewässer derzeit um etliche Liter Wasser reicher. Hochwassergefahr bestehe noch nicht, meinen die Experten. Doch wie gelangt das Schmelzwasser eigentlich in die Bäche, und welche Probleme sind damit verbunden ?

Wernigerode / Silstedt. Acht Wochen lang lag Wernigerode unter einer dicken Schneedecke. Mit dem herannahenden Frühling und den steigenden Temperaturen weicht auch die weiße Pracht – löst sich buchstäblich in Luft und Wasser auf. Und das nicht immer ohne Probleme. Aber wohin verschwindet das Tauwasser eigentlich, wenn es nicht verdunstet oder im Boden versickert ? Harzer Volksstimme hakte nach.

Geschmolzener Schnee auf versiegelten Flächen, das heißt z. B. auf gepflasterten oder asphaltierten Flächen, läuft in die Straßenabflüsse oder in die Niederschlagswasserkanäle. Von dort aus gelangt das Tauwasser durch ein zumeist unterirdisches Kanalsystem in die nächstgelegene sogenannte Vorflut – das sind in Wernigerode Fließgewässer wie die Holtemme, der Zillierbach und der Barrenbach. Im Idealfall.

" Wie war es denn wirklich in diesem Winter ?", fragt Nikolai Witte, der als Chef des Abwasserverbands Holtemme auch für das abfließende Schmelzwasser zuständig ist. Die Räumfahrzeuge haben den Schnee an den Straßenrand geschoben – " was bei den Schneemassen unvermeidlich war ". Und wo Abflüsse sind, haben sich Schneeberge getürmt. Im ungünstigsten Fall fließt das Wasser nun in die Schmutzwasserkanäle des Abwasserverbandes und landet schließlich in der Kläranlage in Silstedt.

" Seit es angefangen hat zu tauen, haben wir in unserer Anlage schon 30 Prozent mehr Wasser ", so Witte. " Und das wollen wir hier nicht haben. " Das Wasser sei in der Regel unverschmutzt, müsse also gar nicht geklärt werden. Zudem würde der geschmolzene Schnee die Temperatur in der Kläranlage senken. " Mit einem merkwürdigen Effekt. Unsere Bakterien arbeiten bei 12 Grad optimal. Ist das Wasser kälter, werden sie träge. " Nur durch Zufuhr von Luft und damit höheren Stromkosten können die Bakterien wieder zum Arbeiten angeregt werden.

Ganz andere Sorgen hat da Ulrich Eichler. Der Umweltbeauftragte der Stadtverwaltung engagiert sich nicht nur im Wildfisch- und Gewässerschutzverein. Er ist als ehrenamtlicher Vorsteher des Unterhaltungsverbandes Ilse / Holtemme auch für Fließgewässer zweiter Ordnung – also kleinere Bäche – zuständig. Das sind fast 1000 Gewässerkilometer in der Region. " Wenn zum Beispiel ein Baum in den Barrenbach fällt, müssen wir ihn beseitigen, damit sich das Wasser nicht staut. " In der Tauperiode sei dies besonders wichtig. Bedenklich findet Naturfreund Eichler, dass mit dem Tauwasser auch Salz und Splitt in die Bäche gelangen. Das sei sehr ungünstig. " Ohne Frage, schon allein für die Verkehrssicherheit ist es unumgänglich, die Straßen abzustumpfen. Aber das geht eben auf Kosten der Natur. " Und könnte das Streusalz Auswirkungen auf den pHWert des Wassers und damit auch auf Fische und Pflanzen haben ? " Das kommt auf die Konzentration an ", so Eichler. " Bei genügend Schmelzwasser ist die Verdünnung ausreichend. Aber gut ist es auf keinen Fall. "

Holtemme, Zillierbach – alles im grünen Bereich

Inzwischen ist der Schnee im Stadtgebiet so gut wie weggetaut. In den Höhenlagen im Harz und damit im Einzugsgebiet von Holtemme und Zillierbach liegt die weiße Pracht noch und wird wohl auch noch eine Weile liegenbleiben. Setzt dort das große Tauwetter ein, ist Hochwasser möglich. " Derzeit ist aber alles im grünen Bereich ", beruhigt Uwe Fricke vom Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft ( LHW ) in Magdeburg. Der Pegelstand der Holtemme werde kontinuierlich beobachtet. " Alle 15 Minuten erhalten wir aktuelle Pegeldaten. " Derzeit beträgt die Wassertiefe an der Messstelle Steinerne Renne ca. 38 cm. " Das ist für einen Winter völlig normal ". Alarmierend wird es bei über 70 cm ( Warnstufe 2 ), richtig brenzlich erst bei 110 cm ( Warnstufe 4 ).

Der Wasserstand des Zillierbachs wird durch die Talsperre ( bei Elbingerode ) geregelt. Das Staubecken ist aktuell mit 2, 2 Millionen m Wasser gefüllt, informiert Joachim Schimrosczik, vom Talsperrenbetrieb Sachsen-Anhalt in Blankenburg auf Volksstimme-Nachfrage. " Eine ganz normale Winterstaumenge, für zufließendes Schmelzwasser bleiben noch 400 000 m Raum. " Also kein Grund zur Besorgnis ? " Warmen Regen und damit ein schnelles Abtauen kann niemand vorhersagen. Aber bisher hat unser Stauraum fast immer gereicht. "