Zur Erinnerung an den 20. Jahrestag der Gründung des Neuen Forums in Wernigerode fand am Sonnabend im Luthersaal eine Gedenkveranstaltung statt. Thema : " Heilsame Unruhe – erfüllte und enttäuschte Hoffnungen ".

Wernigerode. Fast auf den Tag genau vor 20 Jahren wurde in Wernigerode das Neue Forum gegründet. Am 11. Oktober 1989 begaben sich 800 Wernigeröder auf den Weg vom Mühlental in die Neustadt – zur Johanniskirche. Der eigentliche Versammlungsort, das Seniorenheim " Harzfriede ", war viel zu klein für die Masse der Menschen, die den Mut zur Veränderung hatten. So suchte man kurzerhand in der Kirche Asyl. Dort unterschrieben schließlich 193 Wernigeröder und Gäste aus der Region die Liste zur Gründung des Neuen Forums.

Für die bunte Stadt ein besonderes Datum, markierte es doch den Zeitpunkt, an dem sich diese Wernigeröder öffentlich und mit gemeinsamer Stimme zu Wort meldeten, eine politische Plattform bildeten, um die Gesellschaft zu verändern – wie auch in vielen anderen Orten der ehemaligen DDR.

20 Jahre später – am vergangenen Sonnabend – luden der Ökumenische Arbeitskreis der Kirchen und das Bürgerbündnis Wernigerode für Weltoffenheit und Demokratie zu einer Gedenkveranstaltung ein. Im Luthersaal, nur wenige Meter vom Ort des damaligen Geschehens entfernt, fanden sich zahlreiche Interessierte ein, um den Worten der fünf Referenten zu folgen und um sich gemeinsam zu erinnern.

" Herzlich willkommen, liebe Staatsfeindinnen und Staatsfeinde ", begrüßte Peter Lehmann, damals Aktivist des Neuen Forums, die Gäste. " Vor 20 Jahren waren wir Staatsfeinde, und das Neue Forum war verboten. " Deshalb sei es damals für ihn um so erstaunlicher gewesen, dass 193 Bürger die Liste unterschrieben hatten. " Mit vollem Namen und Adresse – obwohl wir die Konsequenzen kannten ", so Lehmann.

" Heilsame Unruhe – erfüllte und enttäuschte Hoffnungen " war das Thema der Abendveranstaltung. " Nicht all unsere Hoffnungen haben sich heute erfüllt ", gab Ludwig Hoffmann, ehemals Mitbegründer der Umweltbibliothek in der " Kontaktlinse ", zu bedenken. " Damals forderten wir Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ", so der ehemalige Oberbürgermeister. Vieles habe sich verändert, aber absolute Gerechtigkeit und ewiger Friede seien nach wie vor unerreichte Ziele. " Deshalb bedarf der Prozess des Bemühens einer Fortsetzung. "

Liedermacher Ralf Mattern war 1989 mit einem Auftrittsverbot belegt worden. " Erst war ich für die Stasi ein von feindlichen Kräften und kirchlichen Kreisen Irregeleiteter ", berichtete er am Sonnabend. " Später wurde ich als ‚ Vorgang ‘ bearbeitet und massiv bespitzelt. " – " Wir können nicht drauf warten, bis der Wind sich dreht …"– sang Mattern schon 1987. Nach diesem Tonbeispiel erst andächtiges Schweigen, dann Applaus im Luthersaal.

Einige wenige seien es gewesen, die damals sagten und taten, was längst fällig war, erinnerte Gottfried Werther, Superintendent i. R. " Dass einige wenige Veränderungen anstoßen konnten, das gibt Mut. Und das dürfen wir nie vergessen. "

Sind 20 Jahre nicht zu früh für eine kritische Einschätzung jener Zeit, fragte Karl-Heinz Nickschick, damals Kreisjugendpfarrer in Wernigerode. " Wir sind keine Zeitzeugen, wir haben eine Aktie daran. " 40 Jahre habe es die DDR gegeben, so Nickschick. " So lange haben wir gebraucht, um unserem Willen nach Freiheit Ausdruck zu verleihen. Für unsere Kinder hoffe ich, dass sie nicht 40 Jahre brauchen, um die Zwillingsschwester der Freiheit – die Verantwortung – zu erkennen. "