22 Täfelchen aus Messing erinnern seit gestern an jüdische Mitbürger in der bunten Stadt am Harz und ihr unter dem Joch der Nationalsozialisten erlittenes Leid. Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegte sie als Auftakt für die Aktion " Stolpersteine " in Wernigerode vor sieben Grundstücken.

Wernigerode. Die ersten beiden " Stolpersteine " wurden vor der " Villa Russo " in der Feldstraße 7 im Asphalt versenkt. Der Kölner Künstler Gunter Demnig war dazu persönlich in die bunte Stadt am Harz gereist. Die zehn mal zehn Zentimeter großen mit Messingplatten versehenen Betonquader erinnern an Clara Russo und ihren Mann Benno. Die 1876 geborene bekannte Opernsängerin wurde 1942 deportiert und am 18. April 1943 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Ihr als Fabrikant erfolgreicher, fünf Jahre älterer Gatte starb am 18. April 1943 in Theresienstadt eines gewaltsamen Todes.

Diese Daten sind jetzt nachzulesen. Wie auch jene steckbriefartigen Schicksale, die 20 andere jüdische Bewohner der bunten Stadt am Harz ereilten. Sie wohnten in der Georgiistraße 31, der Großen Bergstraße 1, Burgstraße 9, Breite Straße 7 und 11 sowie in der Lindenbergstraße 19. Bekannte Namen, wie die der Familien Reichenbach, Rosenthal, Löwenstein und Salomon, finden sich darunter.

Peter Gaffert wählte bei seiner Begrüßung vor der " Villa Russo " sehr eindringliche, mahnende Worte. Der Oberbürgermeister dankte ausdrücklich SPD-Stadtrat Robert Marhold, der die Idee für die Aktion " Stolpersteine " in Wernigerode hatte. Ebenso Anerkennung zollte Gaffert dessen Parteifreunden Heinrich Hamel als Vorsitzendem des Kulturausschusses und Fraktionschef Rainer Schulze. Beide hatten das Projekt begleitet. Ebenso wie eine überparteiliche Arbeitsgruppe, von der der im Juli 2007 gefasste Stadtratsbeschluss vorbereitet wurde.

438 europäische Städte haben sich bis heute an der Initiative beteiligt, die 1995 in Köln gestartet worden war. Fast 19 000 " Stolpersteine " hat der Bildhauer Gunter Demnig bisher verlegt. Etwa 95 Prozent davon selbst, würdigte der Rathauschef dessen Engagement. Er nannte sie und die 22 weiteren hier verlegten Quader " Kunstobjekte gegen das Vergessen ". Die Stadt reihe sich damit ein in ein " dezentrales Denkmal ". Er freue sich sehr darüber, dass Demnig sich für Wernigerode entschieden habe.

Der Künstler selbst zeigte sich ebenfalls angetan. Vor allem auch von der Tatsache, dass die 1993 geborene Idee von den Bürgern getragen werde und immer wieder gerade auch Jugendliche dafür Interesse zeigten. Für sie, so der Kölner, " ist das handfester Geschichtsunterricht ".

Im übrigen sei ihm von vornherein klar gewesen, " dass die Steine nicht jedem gefallen werden ". Die bisherigen drei Morddrohungen gegen ihn hielten sich aber in Grenzen, zeigte sich Gunter Demnig demonstrativ gelassen. Ebenso wies er Vorwürfe zurück, er trampele auf den Juden herum wie einst die Nazis. Dies lasse sich in keinster Weise miteinander vergleichen.

Am Abend hielt der Künstler in der Remise des Kunst- und Kulturvereins noch einen Vortrag über seine Aktion.

Die Wernigeröder Initiatoren sehen den gestrigen Tag als einen Auftakt. Auf dem Spendenkonto der Stadt wurden dafür bisher 2313, 90 Euro eingezahlt, informierte Rainer Schulze. Weitere Zuwendungen sind gern willkommen unter dem Kennwort " Stolpersteine ", Kontonummer 1 00 00 08 86, Bankleitzahl 81 05 20 00, bei der Harzsparkasse. Der Stückpreis beläuft sich übrigens auf 95 Euro für Planung, Fertigung und Verlegung. Das dürfte wohl eher winzig sein in Anbetracht des unermesslichen Leids, das der Holocaust über die meisten der jüdischen Wernigeröder gebracht hat.