Mathias Weiß hat ein paar Tage Heimaturlaub, dann bricht er wieder auf nach Kailiningrad. Der gebürtige Emdener arbeitet im Generalkonsulat in der russischen Exklave. Gleichzeitig führt er die Chronik seines Heimatortes und organisiert Veranstaltungen.

Emden/Kaliningrad l Etwa zehn Stunden fährt Mathias Weiß mit dem Auto von Kaliningrad nach Emden. Er versucht, alle sechs Wochen nach Hause zu kommen. Die Heimat ist ihm wichtig. Vor ein paar Jahren hat er ein Haus in Emden gekauft, das Haus, in dem er selbst noch in den Kindergarten gegangen ist. Damit ist für ihn noch mehr festgeschrieben, wo er zu Hause ist.

"Ich würde ebenso gern wieder in meiner Heimat arbeiten."

"Ich mache meine Arbeit im Generalkonsulat sehr gern, würde aber ebenso gern wieder in meiner Heimat arbeiten", sagt der 34-Jährige. Die Arbeit im Ausland hat sich ergeben, als er eine berufliche Perspektive suchte. Nach dem Abitur 1998 am Gymnasium in Weferlingen absolvierte er eine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten beim Amt für Versorgung und Soziales in Magdeburg, ging dann für ein Jahr mit einem Stipendium des Bundestages nach Amerika, um dort an einem College zu arbeiten und zu lernen. Als er zurückkam, sah er sich nach Arbeit in der Heimatregion um und absolvierte ein sechsmonatiges Praktikum in der damaligen Verwaltungsgemeinschaft Beverspring. "Dieses halbe Jahr hat mich sehr geprägt", erinnert er sich, er erhielt einen guten Einblick in die Dörfer der Region und die Gemeindestrukturen. Aber es gab keine berufliche Perspektive. Die bot ihm allerdings das Auswärtige Amt. Dort ergatterte er einen der wenigen Plätze für einen dreijährigen Vorbereitungsdienst, der mit einem Studium einherging, das er als Diplom-Verwaltungswirt abschloss. Und er bekam seine erste Aufgabe im Ausland, im Generalkonsulat in Shanghai. Dort war er bis 2011 im Einsatz. "Alle drei bis vier Jahre wird der Dienstort gewechselt", erzählt Mathias Weiß. Ein Jahr vor der Umsetzung könne man Wünsche äußern, ob die berücksichtigt werden können, muss man sehen.

So hatte er sich für Kaliningrad beworben, "reizvoll wegen der Insellage und der Nähe zu den Masuren." 30 Mitarbeiter sind im Generalkonsulat tätig. 12 davon arbeiten im Rechts- und Konsularreferat unter der Leitung von Mathias Weiß. "Vorrangig werden Visa-Anträge bearbeitet", erzählt der Emdener. Als er dort angefangen habe, seien es rund 21000 Anträge im Jahr gewesen, in diesem Jahr rechnet er mit 40000. Und das bei fast gleicher personeller Besetzung.

Kaliningrad ist eine russische Exklave zwischen Polen und Litauen an der Ostsee. Die frühere deutsche Stadt Königsberg und der größte Teil des nördlichen Ostpreußens sind im Ergebnis des Zweiten Weltkriegs unter dem Namen Kaliningrad Teil der früheren Russischen Sowjetrepublik geworden. Seit 1991 ist Kaliningrad mit gut 430000 Einwohnern eine Exklave Russlands. Die Kaliningrader können ohne Visum nicht weiter als 60 Kilometer fahren, sagt Mathias Weiß, deshalb werden auch so viele Visa beantragt. Sein Referat hat ähnliche Aufgaben wie hier das Ordnungs- und Standesamt und es arbeitet auch mit deutschen Standesämtern zusammen. Neben den Visaangelegenheiten hilft sein Referat zum Beispiel Deutschen, wenn sie bei einem Aufenthalt in Kaliningrad krank werden, einen Autounfall haben, den Pass verlieren und ähnlichen Angelegenheiten.

Chinesisch und Russisch musste Mathias Weiß zu Französisch und Englisch für seinen Einsatz noch dazulernen. Bis zum nächsten Jahr bleibt er noch in Kaliningrad, für den nächsten Einsatz hat er schon eine Wunschliste mit neuen Einsatzorten geschrieben. Deutschland steht nicht darauf, wäre ihm aber das liebste.

Der Emdener freut sich, dass er in seinem Haus genug Platz für sein Archiv hat. Seit er 15 ist, beschäftigt er sich mit der Ortschronik. So richtig losgegangen sei es, als er 1995 seinen ersten Fotoapparat bekommen hat, erinnert er sich. Viele Ordner sind bereits gefüllt. "Ich plane ganz langfristig", blickt der Diplom-Verwaltungswirt voraus, "im Jahr 2022 wird Emden 1000 Jahre alt, und ich will nicht nur die Feier mit vorbereiten, ich will zu diesem Anlass auch eine Chronik von Emden herausgeben." Dabei sieht er sich in der Tradition des bekannten Heimatforschers Kantor Bock (1879-1951). 1904 bis 1945 hat Franz Bock als Lehrer in Emden gewirkt und ist als Kantor Bock geradezu legendär.

Die "Emmode", die Chronik von Kantor Bock über Emden, hält Mathias Weiß in Ehren. Nicht nur das, er will sie fortschreiben. Dazu verabredet er sich bei seinem Heimaturlaub meist mit älteren Emdenern und befragt sie zur Geschichte ihrer Häuser und des Dorfs. Aufgearbeitet werden die Interviews, wenn er wieder in Kaliningrad ist.