Eine Chorprobe ohne Gesang, so etwas konnte man am Wochenende in der Neuapostolischen Kirche in Magdeburg erleben. Dort bereitete sich der Gebärdenchor auf seinen Auftritt in Wolmirstedt vor. Kommenden Sonntag wird in der Friedensstraße ein Gottesdienst für hörgeschädigte Menschen angeboten.

Wolmirstedt. "Gott" ist leicht, es reichen drei erhobene Finger. Und für den "Dienst" macht man eine einladende Geste mit der nach oben gerichteten, ausgestreckten Hand. Aber Wolmirstedt? "Dafür gibt es keine Gebärde. In solchen Fällen zeigt man mit dem Finger auf den eigenen Mund. Das bedeutet, dass die Hörgeschädigten von den Lippen lesen müssen", erklärt Thomas Pietruck. Damit ist die Einladung komplett: "Gottesdienst in Wolmirstedt".

Zu dem lädt die Neuapostolische Gemeinde für kommenden Sonntag, den 3. April, in ihre Kirche in der Friedensstraße ein. Doch nicht nur Gläubige aus der eigenen und anderen Kirchengemeinden sind willkommen. Sondern auch und vor allem hörgeschädigte Menschen. Denn Andacht und Lieder werden an diesem Tag vom Gebärdenchor übersetzt.

Am Sonnabend trafen sich dessen Mitglieder zu einer letzten Probe in ihrer Kirche am Moritzplatz Magdeburg. Das Üben ist dabei ganz anders als bei "normalen" Chorproben. Keine Orgelklänge sind zu hören, ja, nicht einmal Musik von einer CD. Auch Gesang suchen die Ohren vergeblich. Einer, in diesem Fall Tobias Breitenstein, liest den Liedtext vor. Die Aussprache ist so deutlich, wie man es in und rund um Magdeburg im alltäglichen Erzählen fast nie hört. Der Rest der Gruppe formt mit den Händen die Gebärden, die Lippen bewegen sich dazu. Das Ziel ist – neben der korrekten Verwendung der Handzeichen – die maximale Synchronität.

Mitsingen würde das Mundbild stören

Zwei Jahre wurden die Männer und Frauen unter Anleitung von Friedhelm Skibba in ihrer Freizeit unterrichtet, bis sie die Grundlagen beherrschten, um damit aufzutreten. Denn keiner aus der Gruppe bräuchte die Gebärdensprache, alle können hören. Teils war es die Neugier auf das Unbekannte, teilweise waren sie schon mit Gehörlosen in Berührung gekommen. "Wir sind von unserem Glauben überzeugt und geben gern, wollen alle Mitglieder der Gemeinde einbeziehen, auch die Hörgeschädigten", nennt Thomas Pietruck das verbindende Anliegen des Gebärdenchores.

Dessen Mitglieder kommen aus allen Ecken des Landes. Magdeburger sind dabei, Harzer, Altmärker. Ähnlich weit verstreut sind auch die Auftrittsorte. Für 2011 stehen schon alle Termine fest. Am 3. April steht auch Wolmirstedt im Kalender.

Tobias Breitenstein ist Mitglied in der Neuapostolischen Gemeinde Wolmirstedts. Und hat mit Chorleiter Jan Petereit schon den Ablauf des Gottesdienstes besprochen. Denn während man eine Predigt simultan in lautsprachbegleitende Gebärden übersetzen könne, sei das bei Liedern etwas schwieriger. Da müsse man für manche Begriffe Umschreibungen finden – dabei aber natürlich den Sinn wahren.

"Eigentlich sind wir auch alle Chorsänger", erklärt Breitenstein eine zusätzliche Herausforderung. Wenn hinter ihnen die Männer und Frauen lautstark die Lieder singen, dürfen die Mitglieder des Gebärdenchores sich davon nicht beeinflussen lassen, müssen ihr Tempo halten und dabei keinesfalls mitsingen. "Das würde das Mundbild verändern", nennt Pietruck den Grund dafür.

Mit ihren Gottesdiensten für Gehörlose oder Hörgeschädigte wollen die Neuapostolischen Gemeinden bewusst nicht nur ihre Mitglieder ansprechen, sondern auch konfessionslose Menschen. Wie Jan Petereit erklärt, freuen sich auch die Mitglieder des Kinderchores auf diesen besonderen Tag. "Sie proben fleißig, um das Lied ¿Wir haben Freude zu verschenken" mit Gebärdensprache selbstständig vorzutragen", kündigt der Chorleiter an, der alle – auch hörenden – Interessierten für den 3. April um 10.30 Uhr herzlich einlädt.