Die Ohre liegt den Wolmirstedtern einerseits sehr am Herzen, andererseits läuft sie den Anliegern derzeit geradewegs in die Häuser hinein. So war das große Interesse an Jörg Brämers Vortrag nicht verwunderlich. Etwa 80 Besucher kamen ins Bildungs- und Freizeitzentrum und folgten dem Barleber NABU-Chef auf einer virtuellen Ohre-Reise.

Wolmirstedt. "Sie werden sehen, dass wir die Ohre nicht zum Überlaufen bringen", sagte Jörg Brämer gleich am Anfang seiner informativen Bilderreise. Die Fotos zeigten vor allem die 13 NABU-Projekte zur Renaturierung des Flusses, Projekte, die dem Gewässer, Pflanzen und Tieren ausreichend Lebensraum geben. Am Ende kochten die Emotionen vieler Besucher trotzdem hoch, denn zurzeit mögen sich vor allem die Anwohner der Ohre mit keiner Renaturierung befassen. Schließlich ufert der Fluss seit über einem Jahr maßlos aus.

"Wir haben seit Wochen 25 Zentimeter Wasser im Haus", sagt Sabine Prilloff, die am Küchenhorn wohnt. Auch ihr Nachbar Jürgen Bednorz suchte einen Ansprechpartner für seine Probleme mit dem unfreiwilligen "Wassergrundstück" und übergab Brämer ein Diagramm mit den aktuellen Wasserständen. Sabine Prilloff fragte, ob es denn keine Möglichkeiten gäbe, ihre Häuser zu schützen, so wie in anderen Bundesländern auch. Die Straße Am Küchenhorn verläuft zwischen Ohre und Deich, "aber man kann uns doch keinen Vorwurf machen, dass wir dort wohnen", findet Sabine Prilloff.

Die Hochwasserproblematik war allerdings nicht Thema des Abends, und so sah sich Jörg Brämer auch nicht in der Lage, als Vorsitzender der NABU-Ortsgruppe Rede und Antwort zu stehen. "Darüber möchte ich mit Ihnen reden, wenn alle Verantwortlichen gemeinsam mit mir hier vorne stehen", sagte er und empfahl den Bürgern außerdem, sich bei den zweimal jährlich stattfindenden Deichschauen zu Wort zu melden. "Dort sind alle Verantwortlichen des Hochwasserschutzes beisammen."

Immer wieder tauchte auch die Frage nach dem Ausbaggern der Ohre auf, was bis zur Wende regelmäßig betrieben wurde. "Das bringt an den meisten Stellen gar nichts", versicherte Jörg Brämer, "außer vielleicht dort, wo alte Fahrräder auf dem Grund liegen, an denen sich Äste und Sedimente verfangen." Ansonsten sei es das Ziel des NABU, die Ohre zu einem naturnahen Fluss zu entwickeln. Dazu gehört auch das Schilf, das im Stadtbereich in die Ohre hinein wächst. Bremer sieht keinen Grund, dieses Schilf zu entfernen. "Bei Hochwasser wird es überspült und spielt keine Rolle", erklärt er. "Bei Niedrigwasser jedoch verengt es den Fluss. So kann das Wasser schneller abfließen und trägt den Sand mit sich. Das Schilf wirkt also der Verlandung entgegen."

Zu den 13 NABU-Projekten an der Ohre gehört unter anderem die kaum wahrnehmbare Flussschleife bei Jersleben. "Sie soll wieder für Fische zugänglich gemacht werden", erklärte Brämer. Nicht nur die Fische sollen mehr Lebensraum erhalten, sondern auch der Fluss selbst. An unbebauten Abschnitten darf sich der Flusslauf auch verändern. "Der NABU hat die Flächen gekauft. Wir wollen die Eigendynamik des Flusses gestatten, haben auch nichts dagegen, wenn mal eine Steilwand abbricht, damit der Eisvogel einen Brutplatz findet."

Ein anderes Foto zeigte den Abriss des Melassekessels der alten Zuckerfabrik in der Fabrikstraße. Der NABU hat auch die Reste der Zuckerfabrik gegekauft, will sie zur Renaturierung nutzen. Teile der alten Luftschutzräume in der Fabrikstraße könnten Fledermausbehausungen werden.

Aktiven Spaziergängern fallen die Kopfweiden an der Amtsbrücke auf. "Die müssen wir regelmäßig pflegen, ebenso wie den Zufluss der alten Elbe in die Ohre. Schließlich müssen die Zu- und Abflüsse frei sein." Überhaupt spielt die Baumpflege beim NABU eine große Rolle, "sonst legt der Biber selbst alte Eichen um."

Brämer warb für die Liebe zur Ohre, bietet schon länger Kanutouren an, die gerne genutzt werden. "Um Verständnis zu wecken, müssen wir die Ohre erlebbar machen.