Etwa 80 000 Menschen sind hierzulande gehörlos. Susanne Müller lebt seit ihrem dritten Lebensjahr in Folge einer Gehirnhautentzündung in der Stille. Den Alltag meistert die heute zweifache Mutter aus Wolmirstedt ebenso wie jede hörende Frau. Wieder einen passenden Arbeitsplatz zu fnden, ist der größte Wunsch der Technischen Zeichnerin. Im Berufsförderungswerk Staßfurt ( Bfw ) bot sich für sie eine zweite Chance.

Staßfurt / Wolmirstedt. Dass die Chancen am Arbeitsmarkt entscheidend von der Qualifikation jedes Einzelnen bestimmt werden, weiß Susanne Müller genau. Für die Wolmirstedterin zieht sich das Thema " lebenslanges Lernen " wie ein roter Faden durch ihren Lebenslauf : Nach der Lehre zur Technischen Zeichnerin bildete sie sich zur Teilkonstrukteurin weiter. Und auch im kaufmännischen Bereich verfügt die 43-Jährige über einen Abschluss.

Hinzu kamen Qualifizierungen im rechnergestützten Zeichnen. Ihre bisherigen Arbeitgeber schätzten an Susanne Müller vor allem das konzentrierte und genaue Arbeiten. Die letzte Tätigkeit als Teilkonstrukteurin endete leider mit der Insolvenz des Magdeburger Unternehmens. " Das war eine wirklich tolle Arbeit ", erinnert sich die Fachfrau.

Nach einem Ein-Euro-Job in der Beratungsstelle für Hörgeschädigte in Magdeburg folgte 2006 die Arbeitslosigkeit. Im Rahmen der Bewerbungsaktivitäten hat Susanne Müller schnell gemerkt, dass heute Kenntnisse im rechnergestützten Drei-D-Zeichnen vorausgesetzt werden.

Ein erstes Angebot ihrer Reha-Beraterin der Deutschen Rentenversicherung Bund, Sybille Stranz, für eine Anpassungsqualifizierung in einer Schweriner Spezialeinrichtung für Hörgeschädigte konnte die allein erziehende Mutter nicht wahrnehmen. Denn die jüngste Tochter besuchte zu diesem Zeitpunkt die zweite Klasse, ein Schulwechsel war daher nicht möglich.

Im Berufsförderungswerk ( Bfw ) Sachsen-Anhalt in Staßfurt bot sich eine zweite Chance, die Susanne Müller sofort nutzte. Hier absolvierte die Fachfrau in Sachen Zeichentechnik von September 2008 bis Januar 2009 einen CAD-Lehrgang – und dies individuell, wohnortnah und in Teilzeit. An drei Tagen pro Woche eignete sie sich aktuelles Knowhow in den Programmen Drei-D-Inventor-Professional 9 und AutoCAD 2005 gemeinsam mit den technischen Produktdesignern des Bfw an.

" Dank des Dolmetschers konnte ich dem Unterricht ganz normal folgen "

Eine für alle Beteiligten neue aber auch wertvolle Erfahrung. " Die anfängliche Unsicherheit verging schnell ", berichtet Susanne Müller, die als einzige Kursteilnehmerin gehörlos war. Möglich wurde die Qualifizierung durch Frank Haufe – einen Gebärdendolmetscher aus Magdeburg, der die Inhalte für sie verständlich machte. Er hat Susanne Müller während der gesamten Weiterbildung begleitet, den Austausch mit den Ausbildern und Teilnehmern ermöglicht und sich um organisatorische Dinge gekümmert. " Dank des Dolmetschers konnte ich dem Unterricht ganz normal folgen ", erzählt sie weiter. " Inventor war neu für mich und schwer dazu. Aber die Weiterbildung war sehr gut und die Bfw-Fachleute haben mich intensiv unterstützt ", fasst Susanne Müller ihre Erfahrungen zusammen.

Parallel zur Qualifizierung absolvierte die gehörlose Frau im Dezember 2008 ein Praktikum bei einer Tangermünder Firma. " Die Arbeit hat mir großen Spaß gemacht. Aber eine Chance auf Übernahme bestand aufgrund der wirtschaftlichen Situation nicht ", berichtet die im Gehörlosenverein Magdeburg engagierte Frau. Bei der Jobsuche ist die Kommunikationsbarriere das größte Problem für gehörlose Menschen. " Erschwerend kommt derzeit die gesamtwirtschaftliche Entwicklung hinzu ", so die Erfahrungen von Brigitte Kilian, Integrationsberaterin im Bfw Sachsen-Anhalt. Sie steht Susanne Müller auch nach der Weiterbildung bei der Arbeitsplatzsuche zur Seite.

Da Gehörlosigkeit als Schwerbehinderung gilt, unterstützen Reha-Träger oder das Integrationsamt einstellungswillige Arbeitgeber – sei es bei der Einrichtung des Arbeitsplatzes, in Form einer Arbeitsassistenz in der Einarbeitungszeit oder durch Eingliederungszuschüsse. Immer wenn Bedarf besteht, haben gehörlose Menschen das Recht auf einen Dolmetscher. Damit verringert sich das Risiko für einstellende Unternehmen.

Und auch Befürchtungen, dass Hörgeschädigte weniger leistungs- und belastungsfähig als gut Hörende sind, gelten als widerlegt. Im Gegenteil : Hörgeschädigte sind vielfach sehr motiviert, ihr Können unter Beweis zu stellen und eher bereit, mehr zu leisten. So auch Susanne Müller, die unbedingt wieder arbeiten möchte.