Louis Braille, der Erfinder der Blindenschrift, wäre vor Kurzem 205 Jahre alt geworden. Seine Punktschrift hilft Blinden, sich im Alltag zu orientieren. Im Zerbster Stadtbild sucht man sie vergebens. Wie sich Christopher Handwerker trotzdem zurechtfindet.

Zerbst l Wer blind ist, in Zerbst lebt und etwas bei der Stadtverwaltung zu erledigen hat, ist auf fremde Hilfe angewiesen. Hinweisschilder in der Punktschrift von Louis Braille, wie sie in vielen Städten in öffentlichen Einrichtungen üblich sind, sucht man hier vergebens. Auch an der Tourist-Info oder an den Kirchen in der Innenstadt kann ein Blinder sich nicht erschließen, wo er sich gerade befindet.

"In Zerbst bin ich noch nie auf Blindenschrift gestoßen."

"Auf Blindenschrift bin ich hier eigentlich noch nie gestoßen", berichtet Christopher Handwerker. "Gut finde ich aber, dass in meiner Heimatstadt inzwischen viele Ampeln blindengerecht ausgestattet sind."

Seit dem Beginn seiner Ausbildung zum Kaufmann für Bürokommunikation lebt der gebürtige Zerbster in Chemnitz. Ist die Stadt blindengerechter als seine Heimatstadt? "Ich finde schon", sagt Christopher Handwerker. "Viele Sehenswürdigkeiten haben Erklärtafeln in Blindenschrift. In meinem Supermarkt haben sogar die Regale Hinweise in Punktschrift. Aber das liegt wahrscheinlich daran, dass sich der Markt genau gegenüber meiner Schule befindet, die auf Blinde und Sehbehinderte ausgerichtet ist."

Im Alter von drei Jahren ist der heute 19-Jährige erblindet. Grund dafür war ein Tumor. Den konnte man zwar operativ entfernen, er drückte jedoch den Sehnerv ein und führte so zur Blindheit. Der Blindenstock ist deshalb Christopher Handwerkers ständiger Begleiter, wenn er allein das Haus verlässt. Umrisse von Gebäuden kann er noch erkennen, hell und dunkel unterscheiden, das klappt auch. "Eingestuft bin ich aber als Blinder."

Und der junge Mann, der schon seit 16 Jahren keine Blume, keinen Vogel und kein Blatt mehr gesehen hat, kann sich noch an vieles erinnern, was er im Alter von ein bis drei Jahren noch sehen konnte.

"Ich habe durchaus eine Vorstellung davon, wie eine Landschaft aussieht, zum Beispiel ein Wald, wenn mir ein Sehender ein paar Anhaltspunkte darüber gibt", sagt er.

Auf den Wegen in der Innenstadt von Zerbst findet sich der Berufsschüler mit Hilfe seines Blindenstocks ganz gut zurecht, wie er meint. Feine Unterschiede sind es, die man als Sehender vermutlich gar nicht wahrnimmt, die Blinden wie ihm aber entscheidend helfen: "Die Fußwege und Radwege in der Stadt haben unterschiedliche Profile. Die einen sind eher grob, die anderen fein strukturiert."

Mit dem Blindenstock kann er deshalb "ertasten", welcher Weg der richtige für Fußgänger ist.

Was könnte man tun, um die Stadt und ihre Einrichtungen blindengerechter zu machen? "Mehr Erklärtafeln für Blinde wären sicher ein guter Anfang", findet Christopher Handwerker. "Öffentliche Ausstellungen sollten meiner Meinung nach Erklärtexte sowohl für Sehende als auch für Blinde haben. Das gibt es allerdings auch in Chemnitz noch eher selten."