Die Sonderausstellung "Heimat im Krieg 1914/18" des Museumsverbandes Sachsen-Anhalt wird am 17. Juli in Zerbst eröffnet. Museumsleiterin Agnes-Almuth Griesbach wird die Exposition um anhaltische Zeitzeugnisse erweitern.

Zerbst l Nach Stendal ab Februar und aktuell in Eisleben wird die vom Museumsverband Sachsen-Anhalt in Zusammenarbeit mit der Otto-von-Guericke-Universität gestaltete Ausstellung zum Ersten Weltkrieg am 17. Juli in Zerbst eröffnet. In elf Themenfeldern beschreibt die Ausstellung, was die Spurensuche in Sachsen-Anhalt über die Zeit unmittelbar vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg erbracht hat. Der verheerende Krieg brach im August 1914 aus, doch da waren die Gegner längst bis an die Zähne bewaffnet, insbesondere die Deutschen ideologisch verbrämt und bereit, für Kaiser und Vaterland zu sterben.

"Wir werden diese sehr aussagekräftige Ausstellung natürlich um den Zerbst-Anhalter Aspekt erweitern", erklärt Agnes-Almuth Griesbach. Zahlreiche Familien hatten die "alten Sachen" der Groß- oder Urgroßeltern, die teilweise noch heute in den privaten Wohnbereichen ihren Platz haben, zur Verfügung gestellt. Beispielsweise zur Gedenk-Kultur jener Kriegsjahre gibt es noch sehr aussagekräftige Zeitzeugnisse. Die hiesigen Kirchgemeinden stellen Tafeln mit Namen und Bildern der Gefallenen zur Verfügung. Ausgestellt wird auch das Nagelkreuz, wie es an der Empore der Kirche in Kermen noch heute befestigt ist.

"Der Krieg, damit unweigerlich auch der Tod der Ehemänner, Väter und Söhne, ging einher mit einer sehr patriotisch-emotionalen Malerei. Das wird beispielsweise an einem Gemälde, das Friedrich von Anhalt zeigt, wie er Gefallene ehrt, gut deutlich", so Griesbach. "Propaganda konnte zu jener Zeit nicht auf Radio oder Fernsehen zugreifen. Die Zeitung war ein Weg, viel mehr aber wurde der Krieg über Symbolik, über Alltagsgegenstände oder sehr stark über gemalte Karten gerechtfertigt", so Griesbach. Ein Beispiel ist eine Granate, die wohl schmückendes Accessoire im Wohnzimmerregal gewesen sein muss. Nicht nur der Tod selbst, sondern auch die Begleitumstände - das "heroische" Opfern der nächsten Angehörigen - wird farbenprächtig illustriert, wird als unverzichtbares Zugeständnis an den verfehlten Machtanspruch der Nation dargestellt und gerechtfertigt.

Situation in den Familien

Doch wie sah das aus in den Familien jener Zeit? Der Erste Weltkrieg begegnet der Zivilbevölkerung beispielsweise als Alltagsset aus Zucker-, Milch- und Butterdose, die mit Kriegssymbolen illustriert waren. Sogar ein Sabberlätzchen für Kleinkinder ist mit dem Motiv eines sturmhaubenbemützten Wachhundes bedruckt. Die Exponate aus hiesigen Familien, wie sie ab Juli in Zerbst neben der "Standard-Wanderausstellung" zu sehen sind, zeichnen ein eindrucksvolles Bild als Zeugnisse des Umgangs mit jener Zeit, als die militärischen Erfolge schwanden, als der Tod in den Familien einkehrte. "Kinder kannten ihre Eltern und Großeltern nicht. Dies erkannte die Propaganda und schuf eine Kultur des Ehrens, indem beispielsweise auf Ehren- und Erinnerungstafeln der gefallene Vater in Verbindung mit Feldherren, militärischen Vorgesetzten oder der adeligen Obrigkeit zusammen dargestellt war. Dies bekräftigte ein Gefühl der Richtigkeit und Sinnhaftigkeit seines Todes", versucht Agnes-Almuth Griesbach jene Propaganda zu beschreiben.

Dies wurde mit den vielen bunten Feldpostkarten-Motiven unterstützt. Bunt illustrierte Karten beschrieben einen überbordenden Patriotismus, brachten ganz subtil nationale Gefühle in Wallung. So schrieb beispielsweise ein Lehrer einzelnen Schülerinnen seiner Klasse während seines Kriegseinsatzes selbstgemalte Karten. Die Mädchen bekamen ein verzerrten Eindruck vom tatsächlichen Leben im Krieg, beim Militär, an der Front.

Die Ausstellung spart auch "Nebenkriegsschauplätze" aus der Region Zerbst nicht aus. So werden beispielsweise Flecht- und Bastelarbeiten ausgestellt, die zweifellos von russischen Kriegsgefangenen gefertigt wurden, die im Lager Zerbst (Mozartstraße) untergebracht waren. Hierbei handelt es sich um kunstvoll hergestellte Vasen. "Die haben wir von einem Nachkommen eines Wachmannes jenes Lagers zur Verfügung gestellt bekommen", so Frau Griesbach.

Kriegsgefangenen-Kunst

So bunt und überschwänglich die patriotischen Kriegsmotive vor und anfangs des Krieges waren, so verbissen, teils zynisch wurden die Motive mit schwindenden kriegerischen Erfolgen. Auch hierfür sind die Zerbst-anhaltischen "Beigaben" zur Ausstellung beredte Zeugnisse. "Das Jubelgefühl musste sehr schnell dem Elend weichen. Was auf den ersten Blick schwer zu begreifen ist, sind die Kriegstagebücher der Pfarrer. Sie mussten immerhin zu den Familien, mussten die traurige Nachricht vom Tod des einzigen Sohnes oder des Mannes in der Familie unterbreiten. Die Beschreibungen hierzu machen das Leid der Menschen, aber auch den Irrwitz der damaligen Propaganda deutlich. So bekommt man einen kleinen Einblick in damalige Umstände, begreift ein wenig, weshalb die Stimmung im Volk damals so positiv war, wie das Volk damals völlig bedenkenlos überzeugt war, alleinigen Anspruch auf die Wahrheit zu haben und auf die Weltherrschaft und deshalb freudig in den Krieg zog."

Die Ausstellung spannt einen Bogen vom "freudigen Verlangen", für "Kaiser, Volk und Vaterland" in den Krieg zu ziehen hin zur Niederlage, die teils völlig verzweifelte Familien zurückließ, die einfachste Zukunftsfragen unbeantwortet ließ und stattdessen Not herauf beschwor. "Gerade hier in unserem ländlichen, auch damals eher dünn besiedelten Gebiet gerieten die Familien in existenzielle Not, sobald auch nur ein Familienmitglied im Krieg geblieben war."

Sonderausstellung "Heimat im Krieg 1914/18": Eröffnung 17. Juli, 18 Uhr, Museum der Stadt Zerbst, Am Weinberg 1