Wer träumt nicht von großen Schiffen, die über ferne Meere fahren. Der 15-jährige Tom Joel Wernecke hat sich sein eigenes Kreuzfahrtschiff gebaut. Bei schönem Wetter fährt seine AIDA sol übern Jütrichauer Dorfteich.

Jütrichau l Es sind die Sommerferien, die der Junge da zu Wasser lässt. Sechs Wochen hat er an dem fast drei Meter langen Schiffsmodell gebaut. Ganz genau ist die originalgetreu nachgebaute AIDA sol 2,96 Meter lang, 60 Zentimeter hoch und 35 Zentimeter breit. Ein echtes Prachtexemplar ist das Kreuzfahrtschiff geworden.

Jedes Jahr, wenn die Familie im Sommerurlaub in Warnemünde war, faszinierten Tom Joel die großen Schiffe. Am Lächeln der AIDA fand er besonderen Gefallen. 2009 ging die ganze Familie selber an Bord der AIDA Luna nach Norwegen. Tom Joel erkundete das Schiff bis in die letzte Ecke. "Ich war überall, wo es zugänglich war", erzählte er. Von Bord ging er die ganze Reise kein einziges Mal.

Zurück zu Hause wuchs der Wunsch, solch ein Schiff zu bauen. Warum die AIDA sol? "Weil sie so einen schönen Namen hat", erklärte Tom Joel. Um endlich bauen zu können, waren umfangreiche Vorbereitungen nötig. Pläne aus dem Internet, Fotos, Bilder und jede Menge Material sammelte der Schüler.

In den letzten Sommerferien war kein Urlaub geplant, da konnte das Projekt umgesetzt werden. Alles spielte sich im Zimmer des 15-Jährigen ab, für das seine beiden acht und neun Jahre alten Schwestern absolutes Zutrittsverbot hatten. "Ich habe bis 10 Uhr geschlafen und bis 4 Uhr früh gebaut", so Tom. Die ganze Nacht! Seine Eltern hätten damit kein Problem gehabt, "solange sie von dem Lärm nicht aufwachen, ist alles in Ordnung." Schließlich sitzt Tom ja weder am Computer, noch spielt er Handy oder Tablet. "Damit habe ich nichts am Hut, ich baue eben", und dazu steht der Zehntklässler der Ciervisti-Schule in Zerbst.

Mit der Modelleisenbahn hat das Bauen angefangen. Flugzeuge kamen später dazu. Der Jütrichauer war sogar im Zerbster Flugmodellsport- und Freizeitclub organisiert. "Da war aber mehr Fliegen als Bauen", so dass er lieber seiner eigenen Wege ging. "Seitdem baue ich alles, was Spaß macht", erklärte er. Auch kleinere Schiffsmodelle warten einige in Toms Zimmer auf ihren Einsatz auf dem Wasser.

Doch an so ein Riesenteil wagte sich Tom zum ersten Mal. Als Material verwendete Tom Joel Styrodur und Wahlplakate. Letztere hat er seinem Vater zu verdanken, der für seine Partei die Wahlplakate aufhängte und auch wieder einsammelte. Die ausgedienten Exemplare fanden so noch eine sinnvolle Verwendung und landeten auf Toms Schiff.

Jedes einzelne Teil hat der Modellbaufan einzeln per Hand gefertigt. Im vorhandenen Bauplan musste er alle Maße für sich umrechnen. Cutter-Messer und Styroporschneider waren seine Werkzeuge. Der Rumpf ist geschraubt, alles andere mit Heißkleber geklebt. Die Frage, aus wie vielen Teilen sein Schiff besteht, kann Tom Joel nicht beantworten: "Ich habe nicht gezählt. Jede Kabine besteht alleine schon aus fünf Einzelteilen."

Mit dem Rumpf ging der Aufbau am Anfang recht gut voran. "Da hat man gesehen, wie es wächst", erinnerte sich der Baumeister. Der weitere Aufbau lässt vermuten, dass es recht fummelig und kleinteilig wurde. Die Bugkabine habe er sogar fünfmal neu gebaut, wegen der komplizierten Form. Die reinste Sisyphusarbeit dagegen die langen Reihen Balkone...

Das Pooldeck, Disco - alles, was die große AIDA sol hat, ist bei ihrer kleinen Schwester in Jütrichau auch zu finden. Wenn Tom doch einmal kurz vorm Verzweifeln war, motivierte er sich selbst, nicht aufzugeben. Am Ende bekam das Schiff noch seine Farbe. Doch nicht nur das - auch mit einer Komplettbeleuchtung - zirka 10000 Leuchten - ist das Modell, das wohl in der Miniaturwelt der größte existierende Nachbau sein dürfte, versehen. Im Dunkeln auf dem Jütrichauer Teich ist es ein ganz besonderes Highlight. Nicht zu vergessen sorgt Tom Joel auch noch mit Tablet und Lautsprecher an Bord für die passende Musik oder Geräuschkulisse.

Seine Jungfernfahrt hatte das Schiff am Abend vor dem Jütrichauer Oktoberfest. Da halfen auch die Kameraden der Jütrichauer Ortswehr mit, um das 15 Kilogramm schwere Modell zu Wasser zu lassen. Das sein Schiff schwimmt, daran hatte Tom Joel nie Zweifel. "Das kann gar nicht untergehen", ist er überzeugt. Sein letztes Taschengeld setzte er noch für fünf Motoren ein, die dafür sorgen, dass das Modell seine Bahnen ziehen kann.

Inzwischen hat das Schiff schon viele Male die Aufmerksamkeit am Jütrichauer Teich auf sich gezogen. Bei schönem Wetter kommt es in die selbstgebaute Transporthalterung auf dem Bollerwagen und ab geht`s, denn ins Auto passt die AIDA sol nicht. Beim nächsten Modell, das Tom Joel bauen möchte, könnte das noch schwieriger werden.

Die Allure of the Seas, das größte Kreuzfahrtschiff der Welt, will Tom als 4,50 Meter langes Modell nachbauen. Doch bis es soweit ist, bedarf es wieder einiger Vorbereitung. Bis dahin will der Zehntklässler, der einmal Modellbauer oder Tischler werden möchte, auch noch seine AIDA verfeinern. Schließlich fehlen zum Beispiel noch die Geländer vor den Balkonen, die Rettungsboote, und dann sollen auch noch etwa 300 zirka zwei Zentimeter große Menschlein an Bord kommen.

Vielleicht wird ja in der Zeit auch noch etwas aus einer weiteren AIDA-Reise mit der Familie. Tom wäre egal, wohin. Schön wäre allerdings, wenn es in Warnemünde losgeht, wegen der Begleitschiffe und -zeremonie.