Zerbst (dap) l Der gestrige Gottesdienst in der gut besuchten Zerbster St. Trinitatis-Kirche drehte sich um einen der prägendsten Tage der deutschen Geschichte: um den 9. November, der historisch betrachtet zwiespältige Gefühle auslöst, wie Pfarrer Albrecht Lindemann in seiner Predigt wunderbar darlegte. Geprägt sei jenes Datum von "Sternstunden", aber auch "Momenten tiefster Finsternis". 1918 rief der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann die deutsche Republik aus, 1923 versuchte Hitler erstmals, an die Macht zu kommen. Als es ihm gelang, begann eine unrühmliche Epoche, in der am 9. November 1938 die Judenverfolgung in der Reichspogromnacht einen schrecklichen Höhepunkt erfuhr. Im Volk der Dichter und Denker zeigte sich damals die "Fratze von Hass und ungezügelter Gewalt", wie es Pfarrer Lindemann ausdrückte.

"Es gibt Augenblicke, in denen man etwas tut oder lässt. Mit den Folgen hat man ein Leben lang zu tun", konstatierte er. "Manchmal reagiert man richtig - bewusst oder reflexartig. Es gibt aber auch Situationen, in denen man das Falsche tut oder zumindest das Richtige unterlässt", mahnte er, wach zu sein für die Stimme des eigenen Gewissens. "Das gelingt uns nicht immer", gestand Lindemann.

"Leugnen belastet und verhindert Versöhnung", bezog er sich auf einen anderen entscheidenden Geschichtsmoment: den Untergang der DDR, eingeläutet mit dem Fall der Mauer am 9. November vor 25 Jahren. Nicht einmal ein Jahr dauerte es, dass dieser Staat verschwand, in dem so viele aufwuchsen. Wichtig sei, sich ohne ideologische Schablone an die eigene Biographie erinnern zu dürfen. "Die Kirche ist leider kein Vorbild im Umgang mit der Vergangenheit", rief er dazu auf, ehrlich den Blick nach hinten und nach vorn zu richten.