Ein mehrere Quadratmeter großes Wandgemälde zieht die Blicke am Moritzplatz seit kurzem auf sich. Politische Aktivisten erinnern damit an einen Gefangenenstreik in der Türkei im Jahr 2000.

NeueNeustadt l Bereits vor Weihnachten waren die ersten schwarz-weißen Bilder des an einen Comic-Strip erinnernden Werks an der Wand des KJH "Knast" zu erkennen. Doch erst jetzt ist die Geschichte im Ganzen zu sehen. Es sind drastische Bilder, Panzer, Flammenwerfer, ein Mann im Fadenkreuz eines Scharfschützen. Es geht um einen Streik türkischer Gefangener, der von der Regierung mit Gewalt beendet wurde. Doch wer steckt hinter dem politischen Wandgemälde?

Lisa K., ihren vollen Namen will sie nicht nennen, erklärt die Hintergründe. Das Bild ist demnach eine Aktion vom "Netzwerk Freiheit für alle politischen Gefangenen", einer linken Gruppierung. Die Wand erzählt von der Erstürmung von 20 Gefängnissen am 19. Dezember 2000. Über tausend, meist politische Häftlinge befanden sich bereits im wochenlangen Hungerstreik.Damit wollten sie verhindern, in andere Gefängnisse mit kleineren Zellen umverlegt zu werden, die damals neu eingeführt wurden.

Am frühen Morgen stürmten schwer bewaffnete Spezialeinheiten von Polizei und Militär die Haftanstalten, um den Streik zu beenden. Bulldozer rissen die Wände der Gefängnistrakte ein, in denen sich die Gefangenen befanden, die seit Wochen keine feste Nahrung mehr zu sich genommen hatten. 29 Gefangene und 2 Soldaten waren am Ende tot, Hunderte verletzt. Die türkische Regierung behauptete, dass viele Gefangene starben, weil sie sich selbst anzündeten.

"Das Bild veranlasst viele Menschen dazu, stehen zu bleiben, um es sich in Ruhe anzugucken. Es ist eine Bereicherung für den Stadtteil", erklärt Lisa K. Es soll gleichermaßen als Kritik und Erinnerung verstanden werden. "Zusätzlich soll es zum Nachdenken anregen, um sich mit der Situation von Gefangenen auseinanderzusetzen", sagt sie weiter. Der Platz ist auch nicht ohne Grund gewählt, schließlich ist es die Mauer der ehemaligen Staatssicherheits-Untersuchungshaftanstalt.

Laut der Sprecherin des Netzwerks sollte das Bild bereits zum Jahrestag der Erstürmung am 19. Dezember fertig sein. Die Stadtverwaltung erlegte den Künstlern jedoch einen Malstopp auf. In mehreren Gesprächen und angesichts der jahrelangen Nutzung der Wand durch Graffiti-Sprayer durften sie doch weitermalen.

Wirklich glücklich über die (links)politische Botschaft scheint man bei der Stadt aber nicht zu sein. "Die Gestaltung steht nicht im Zusammenhang mit dem Projekt ¿Graffiti legal\'", betont Rathaussprecher Michael Reif. Außerdem plane die Stadt als Eigentümerin, "künftig Kriterien der Gestaltung für diese Fläche vorzugeben".

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