Magdeburg l "Kommt ihr morgen wieder?" Der kleine Youssef ist begeistert vom Theater im Heim und von Anfang an dabei. Eben noch ist er durch heißen Sand gelaufen, hat mit dem Fernrohr vom Ausguck sein Schiff gesichert, vor feindlichen Angreifern verteidigt, gemeinsam mit der Crew gesiegt, böse Geister vertrieben und ist dann selig eingeschlafen - alles Spiel. Youssef ist traurig, dass es schon wieder zu Ende ist. Vier Magdeburgerinnen - Angela Mund (Regieassistentin), Bettina Becker (Theaterpädagogin), Ellen Hammer (Ärztin) und Andrea Neufeldt (Musiktherapeutin) - bereiten den Kindern eine großartige Bühne für ihre eigenen Gefühle.

Jeden zweiten Donnerstag laden sie im Flüchtlingsheim Grusonstraße zum Schreien, Flüstern, Toben, Schleichen, Kämpfen und Fallenlassen ein. Dass nicht alle Mitspieler Deutsch können, so wie Youssef, ist kein Problem. Alles wird in Bewegung vorgelebt. Dass Youssef und seine Freunde jetzt wieder zwei Wochen auf ein neues Spiel warten müssen, das bereitet den Frauen allerdings größte Sorgen. Weil sie, die Kinder aus der Fremde, daneben kaum Betreuung außerhalb ihrer teils traumatisierten Familien genießen.

"In meiner größten Wut und Bestürzung wende ich mich mit einer Bitte an diejenigen, die über ausreichend politische Handhabe verfügen, die verheerenden Bedingungen zu verändern, unter denen AsylbewerberInnen in der Stadt Magdeburg leben müssen." So beginnt Angela Mund, Regieassistentin im Schauspielhaus und Gründerin der Theaterinitiative im Flüchtlingsheim, einen offenen Brief an Stadtverwaltung, Stadtrat und an die Öffentlichkeit. Auslöser für ihren zugleich sorgenvollen und anklagenden Brief ist ein Abschied, der Abschied von zwei offenbar sehr engagierten Frauen, die - vormals arbeitslos - bis Ende Januar den Flüchtlingskindern im Heim Grusonstraße Angebote vom gemeinsamen Spiel bis zur Hausaufgabenhilfe machten. Jetzt sind ihre Stellen - finanziert vom Jobcenter - ausgelaufen. Mund und ihre ehrenamtlichen Theaterkolleginnen verlangen dringend Ersatz und Betreuungsangebote noch darüber hinaus. Sie wollen nicht glauben, dass den Flüchtlingskindern nicht mehr zugestanden werden soll, "als zwischen Betonplatten Runden zu laufen". Sie fordern pädagogisch und therapeutisch geschultes Personal, das ins Heim kommt; regelmäßig und nicht, weil sich zufällig ein paar Magdeburgerinnen im Ehrenamt dazu bereitfinden.

Als die Volksstimme die Theaterfrauen und "deren" Kinder in der Vorwoche besucht, setzt sich der Heimleiter dazu. Er will sich aber weder zur Sache äußern, noch seinen Namen in der Zeitung lesen; der junge Verwaltungsfachangestellte ist als Heimleiter noch in der Probezeit. Den Theaterfrauen ist er dankbar für das Angebot, das sie den Kindern unterbreiten. Von ihrem Protestbrief ist er aber weniger begeistert, denn der hat intern hohe Wellen geschlagen.

Der für die Heime zuständige Sozialbeigeordnete Hans-Werner Brüning (Linke) gibt auf Volksstimme-Nachfrage brüsk zu Protokoll: "Ich habe die Frauen eingeladen und werde ihnen zunächst einmal die Regeln erklären." Auf die Frage, gegen welche Regel die ehrenamtlich tätigen Frauen verstoßen hätten, sagt Brüning: "Vielleicht gegen keine auf dem Papier, aber gegen die der vertrauensvollen Zusammenarbeit. Wenn wir jemanden in unsere Häuser lassen, erwarten wir, dass er sich daran hält."

Im Weiteren bestätigt Brüning den Wegfall der beiden Stellen für die Kinderbetreuung im Heim: "Das vom Jobcenter geförderte Projekt ist ausgelaufen und eine lückenlose Fortsetzung nicht möglich." Die Stadt werde sich um Neuauflage bemühen, so Brüning, und sei überhaupt gerade dabei, ein Konzept zur Betreuung von Flüchtlingen zu erarbeiten. Schließlich werden es immer mehr. Kamen vor einem Jahrzehnt rund 50 Flüchtlinge pro Jahr in Magdeburg an, so werden 2014 mehr als 400 erwartet (Volksstimme berichtete).

Die Theaterfrauen haben über anderthalb Jahre eine Innenansicht vom Alltag vor allem der Kinder im Heim gewonnen. Sie loben die drei hauptamtlichen Betreuer als "großartig" und den Menschen zugewandt. Nur seien sie überfordert mit dem wachsenden Zustrom. Gelegentlich müssten Flüchtlinge übergangsweise Gemeinschaftsräume wie auch das Kinderspielzimmer bewohnen; selbst Mobiliar sei knapp. Oberbürgermeister Lutz Trümper hatte die äußerst angespannte Lage in den Flüchtlingsunterkünften kürzlich auf Volksstimme-Nachfrage bestätigt und die Zustände im Heim Grusonstraße als "schrecklich" bezeichnet. Das marode Heim war zur Schließung vorgesehen, platzt jetzt aber aus allen Nähten. Die Verwaltung will den Stadtrat mit dem Thema befassen. Der Aufschrei der Theaterfrauen im Dienst der Flüchtlingskinder kommt nicht zur Unzeit.

 

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