Magdeburg l Geschätzte 50 Besucher finden am Montagnachmittag den Weg ins Zirkuszelt auf dem Messeplatz; auch am Wochenende waren es kaum mehr als zwei- oder dreihundert, dabei bietet das Zelt 1800 Zuschauern Platz. "Die Besucherzahlen sind seit vier, fünf Jahren rückläufig; 2014 verzeichnen wir einen Einbruch von 40 Prozent", erzählt Rüdiger Probst und nennt die Lage "katastrophal". Der 54-Jährige steht seit 45 Jahren in der Manege. 2005 übernahm er mit anderen Familienmitgliedern die Führung des vor 69 Jahren in Staßfurt vom Vater Rudolf Probst gegründeten Unternehmens. Generationen von Magdeburgern ist der Zirkus Probst durch seine jährlichen Gastspiele wohlbekannt. Rüdiger Probst steuert bis heute als in Fachkreisen hoch angesehener Tierlehrer mit seiner Tiger-Nummer einen der Höhepunkte bei. Bis Sonntag öffnet der Zirkus noch täglich in Magdeburg seine Pforten, bevor er über Calbe zurück ins Staßfurter Quartier reist. Was folgt ist Ungewissheit. Die Jubiläumstournee zum 70. Zirkus-Geburtstag ist abgesagt. Zirkus Probst, "Die Nr. 1 aus Ostdeutschland" und "Stätte guter Zirkuskunst" steht vor dem Aus.

Zur Einstellung des Tourneebetriebs hat sich die Zirkusfamilie erst vor Tagen entschieden. "Wir haben alles gegeben. Wir haben uns immer größte Mühe gegeben, das Publikum gut zu unterhalten. Wir haben privates Geld zugeschossen und auch die Eltern haben etwas beigesteuert. Aber wir können uns nicht vollends ruinieren, weil wir den Zirkus erhalten wollen." Probst funktioniert nicht länger als Zuschussgeschäft. "Wir sind im Moment noch wie vor den Kopf gestoßen", kann Probst die eigene Entscheidung selbst noch nicht fassen.

Gesprächsunterbrechung: Probst muss in die Manege. Er führt seine Dressuren mit Kamelen, Lamas, Antilopen, Rindern, Zebras und schließlich mit den Tigern auf - Anspannung, Trommelwirbel, Sprung, Fanfare, tosender Applaus. Probst lächelt breit. Das Publikum hat bezahlt. Der Profi liefert lachend, auch wenn ihm zum Heulen zumute ist. In der Manege zu bestehen, verlangt dem Mann und all seinen Kollegen aktuell das Äußerste ab. Wirtschaftlich liegen sie am Boden. Draußen treten die Tierschützer nach. Immerhin: Der Applaus des Publikums brandet herzlich auf. Viele der Gäste wissen um den Abgesang auf Probst und bedauern ihn zutiefst. In ihrem Applaus schwingen Bedauern und Respekt mit.

Ist der Zirkus tot oder wird er totgesagt? "Er wird von ein paar Vollidioten kaputtgeredet", sagt Probst und "von unseriöser Konkurrenz kaputtgespielt". "Es gibt heute mehr als 400 Zirkusse in Deutschland. Jeder kann sich so nennen. Unser Ruf ist ruiniert. Zu DDR-Zeiten war der Zirkus als eine Kunst so angesehen wie Theater oder Musik. Heute firmieren wir als Teil der Branche Nahrungs- und Genussmittel. Das sagt schon alles darüber, was man heute von uns hält." Probst beklagt bürokratische Hürden, steigende Kosten, das "wirre Geschwätz selbst ernannter Tierschützer" und nicht zuletzt die Erwartung, auch ein reisendes Unternehmen könne seinen 70 bis 100 Saisonangestellten den Mindestlohn bezahlen. "Es fallen noch dazu ständig steigende Sozialabgaben an und Zuschläge für Abendvorstellungen oder solche an Wochenenden und Feiertagen." Probst kann die Kosten nicht stemmen, vielleicht weil dem Unternehmen der eigene Anspruch auf die Füße fällt: Liveorchester, Gastartistik, große Tiernummern; am Programm wird nicht gespart. Auch nicht an der Tierhaltung. Das Magdeburger Gesundheits- und Veterinäramt ist voll des Lobes über den Umgang der Zirkusfamilie mit ihren beinahe einhundert Tieren. Amtsleiter Eike Hennig: "Probst gehört absolut zu den Guten. Wir haben die Einhaltung der Haltungsvorschriften bei jedem Gastspiel kontrolliert. Bei Probst werden sie vielfach weit übertroffen." Rüdiger Probst: "Dafür geht bei uns um 1 Uhr das Licht aus und erst früh um 7 Uhr wieder an. Wir sparen Strom."

Das wird am Ende nicht reichen. Eine Wiederbelebung des Tourneebetriebs kann sich Rüdiger Probst zum Zeitpunkt nicht vorstellen, allemal einen Erhalt des Namens Zirkus Probst bei Einzelaktionen wie dem fest geplanten Weihnachtszirkus 2015 in Magdeburg. Probst: "Das bin ich meinem Vater schuldig."

   

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