Magdeburg l Ein Hauch von "Pfeffi" waberte durch den Raum, in dem in der Silvesternacht das "Menü für Margot" aufgetischt wurde. Als Adaption auf das berühmte "Dinner for One" hat Autor Dirk Heidicke eine ostdeutsche Bühnenfassung geschaffen, die mittags in der Feuerwache ihre Uraufführung und hernach fünf ausverkaufte Vorstellungen erlebte.

In den "Blauen Salon" war geladen, zur Blauen Eminenz, oder wie der Volksmund sie "liebevoll" nannte: zum Lila Drachen. Aus dieser Bezeichnung wird die Größe der Liebe ersichtlich und gleich zu Beginn der Aufführung deutlich: Hier findet keine Nostalgie- reise statt.

Zunächst wird der Zeit sogar vorgegriffen: Die Handlung spielt am 17. April 2015, dem 88. Geburtstag von Margot Honecker, in ihrem Exil in Santiago de Chile. Die Jubilarin jedoch ist verwirrt (wer ahnte das nicht schon lange?) und wähnt sich in ihrem Haus in Wandlitz 1971, zum 44. Geburtstag. An ihrer Tafel versammeln sich die Geister der Staatsmänner jener Zeit: Leonid Breschnew, Wojciech Jaruzelski, Deng Xiaoping und Fidel Castro (der aller drings noch lebt). Es erklingen fast vergessene Lieder wie "Unsere Heimat", und letztlich tanzt Margot euphorisch zu "Die Partei hat immer recht". Welch absurdes Szenario, das die Irrwitzigkeit der Situation gekonnt und ohne weitere Worte auf den Punkt bringt.

Besonders surreal wird die Szenerie durch Einspielungen originaler Tonbandmitschnitte, in denen sich das einstige DDR-Oberhaupt zu rechtfertigen versucht, bis zur Lächerlichkeit. Stimmig sind sie in die Szenen eingepasst und werden von der Bühnenhandlung ad absurdum geführt. Beispielsweise durch aufgetischte Bückware wie Aal oder Sekt, dessen Beschaffen einst Herausforderung war.

Soljanka, Goldbroiler und Eierlikör

Das Stück mutet wie ein Märchen an und hat doch so reale Bezüge, dass einem das Lachen vergehen könnte. Wenn es nicht Autor Dirk Heidicke verstanden hätte, jegliche Art von Verurteilung ebenso wie Geschichtsverklärung zu vermeiden. Eine meisterliche Kunst, die von den Darstellern urkomisch umgesetzt wird.

Susanne Bard gelingt als Margot eine wunderbar-stimmliche Imitation des typisch-honeckerschen Sprachgestus. Den übernimmt die Jubilarin bewusst in satirisch-böser Anspielung auf ihren Gatten und sorgt damit immer wieder für Erheiterung der Gäste.

Erich selbst ist nicht dabei, lediglich sein Foto und die Reste eines von ihm "weidmännisch erlegten" Keilers sind anwesend. Über Letzteren - wer hätte es gedacht - gerät der hauseigene Diener immer wieder ins Stolpern. Jener Lothar Herzog wird bei diesem Menü vom Honecker-Enkel Roberto ersetzt, dargestellt von Michael Günther. Herrlich, wie der im Prozedere in die verschiedenen Rollen der abwesenden Gäste schlüpft. Insbesondere sein Kniefall für Deng Xiaoping bringt das Publikum immer wieder zum Lachen.

Zwischenzeitlich kommt dann doch ein wenig Nostalgie auf - beim Menü und den passenden Getränken. Es gibt Soljanka, Goldbroiler und Mischobst, dazu Rotkäppchen-Sekt, Eierlikör im Schokobecher und den berühmten "Pfeffi"-Likör. Die Getränke übrigens nicht nur auf der Bühne, auch für die Zuschauer, die damit zu Feiergästen werden.

Einzig das Ende mag irritieren, wenn sich "Margot" mit "Lothar", der eigentlich ihr Enkel sein soll, in die Nacht verabschiedet. Doch darum schert sich das Publikum nicht mehr - zu gut ist die Stimmung, zu unterhaltsam war das Erlebte auf dieser Bühne. Eine grandiose Vorstellung, von der sich die Gäste stimmungsvoll verabschiedeten, nicht wenige in eigenen Erinnerungen schwelgend.

Das "Menü für Margot oder Der 88. Geburtstag der blauen Eminenz" wird - tagesgetreu - am 17. April 2015 in der Feuerwache erneut aufgeführt und auch zu Silvester 2015.