Altstadt l Der Zweite Weltkrieg hat seine Spuren am Dom hinterlassen. Bei den verheerenden Bombenangriffen gab es Einschläge, etwa über dem Hauptportal, auch ging sehr viel der kostbaren Ausstattung verloren. Aber der Dom blieb standhaft und vom Schicksal des Restes der Magdeburger Innenstadt verschont. Nur wenn man darauf aufmerksam gemacht wird, erkennt man heute die Kriegsspuren, wie etwa die vielen Einschusslöcher in der Fassade. Eine der größten "Narben" aber, die der Dom davongetragen hat, wird erst wieder sicht- und wahrnehmbar durch das Buch "Die verlorenen Glasmalereien des Doms zu Magdeburg", kürzlich herausgegeben von der Stiftung Dome und Schlösser Sachsen-Anhalt: die Fenster.

Michael Sußmann, zusammen mit Erhard Drachenberg Autor des Fachbuchs, steht an der Orgel-Brüstung und schaut ins Langschiff des Gotteshauses. "Der Dom hatte bis zum Zweiten Weltkrieg innen eine komplett andere Lichtgestaltung." Alle Fenster waren mit aufwendiger und künstlerisch hochwertiger Glasmalerei gestaltet. Die Lichtverhältnisse waren deutlich dunkler, sehr farbig. Die großen Fenster mit ihrer starken Aussage bestimmten den optischen Charakter des hohen gotischen Baus, sie wirkten sehr emotional auf den Betrachter. Die Druckwellen der Fliegerbomben haben dies zum Teil in wenigen Sekunden ausgelöscht. "Unwiederbringlich", wie Michael Sußmann sagt.

In dem Buch wird aufgelistet, was alles verloren gegangen ist. Insgesamt 89 Bleifensterverglasungen wurden zerstört. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde damit begonnen, für die Domfenster ein Konzept für die künstlerische Verglasung zu erstellen, nachdem während der napoleonischen Besatzung die ursprünglichen Fenster zerstört worden waren. Bis 1907 haben die sechs führenden Glasmalerei-Werkstätten Deutschlands an den Domfenstern gearbeitet. "Würde es die Fenster noch geben, hätten wir in Magdeburg die bedeutendste zusammenhängende Darstellung deutscher Glasmalerei des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts", sagt Michael Sußmann.

Er und Erhard Drachenberg haben in Archiven geforscht und nach Hinweisen und Spuren der Magdeburger Dom-Glasmalerei gesucht. Anschließend haben sie das gefundene Material übersichtlich aufgelistet und nach wissenschaftlichen Standards dargestellt. "Es war wichtig, dies genau jetzt zu veröffentlichen, denn sonst wäre das Wissen um diesen kulturellen Schatz wohl für immer verloren", sagt Michael Sußmann, der nicht daran glaubt, dass die Domfenster je wieder mit Glasmalerei gestaltet werden. Das wäre viel zu aufwendig und zu teuer.

Und: Die nach der Zerstörung eingebrachte Notverglasung hat fast 70 Jahre lang das Erscheinungsbild des Dom-Inneren geprägt. Das helle Licht sei aus der Not heraus mittlerweile zu einem festen Erscheinungsbild des Doms geworden. "Ob man das wieder ändern will, darüber werden die Meinungen mit Sicherheit auseinandergehen."

   

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