Eine erste Anlaufstelle in der Fremde

Die Clearingstelle in Magdeburg ist die erste Anlaufstelle für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Sachsen-Anhalt. Sie wurde im April 1994 eröffnet, hat acht Plätze und wird von der katholischen Caritas-Trägergesellschaft St. Mauritius betrieben.

Die Kinder und Jugendlichen, die in ihrer Heimat Krieg, Vertreibung und Misshandlung erlebt haben, haben hier außerhalb großer Gemeinschaftsunterkünfte für Asylsuchende Zeit, anzukommen und sich in Deutschland zurechtzufinden. In Einzel- und Gruppengesprächen können sie über Erlebtes berichten und ihre Erfahrungen verarbeiten. Die fünf Mitarbeiter bemühen sich derweil im Clearing-Verfahren, Hintergründe und Umstände der Flucht zu klären und Kontakte zu Eltern oder Verwandten aufzunehmen, um gegebenenfalls eine Zusammenführung oder Rückreise zu organisieren. Die Jugendämter im Land suchen nach geeigneten Vormündern, Pflegern oder Unterbringungsmöglichkeiten.

Die Clearingstelle nahm Flüchtlinge auf:
2010: 21
2011: 23
2012: 29
2013: 14 (Stichtag 30.06.2013).

Derzeit leben 19 unbegleitete Flüchtlinge in Sachsen-Anhalt, elf davon in Magdeburg. (st)

Magdeburg l Die Haare stark vereist, das Gesicht gelb-bläulich angelaufen, Blut läuft aus der Nase. So saß nach den Beschreibungen von Augenzeugen die etwa 50 Jahre alte Frau am vergangenen Sonntagmittag bei klirrender Kälte mit minus 13 Grad Außentemperatur regungslos im Schneidersitz im eisig kalten Wasser des Flüsschens Klinke. Mit den Armen umschlang die Magdeburgerin ihre Handtasche. Vermutlich hatte sie schon mehrere Stunden so im Flussbett gekauert. Die Gegend ist abgelegen. Nur hin und wieder verirren sich Spaziergänger hierher.

"Hakim kam aufgeregt zu mir gerannt. Da, da - eine Frau, eine Frau." - Amin (17) wurde von einem jüngeren Mitbewohner der Flüchtlingswohnanlage zu Hilfe gerufen.

Der Kleinste entdeckte die eisige Tragödie zuerst. Der 13 Jahre alte Hakim sah durch Zufall am Sonntagmittag aus dem Fenster der angrenzenden Caritas-Wohnanlage für Flüchtlingskinder im Süden Magdeburgs. "Hakim kam aufgeregt zu mir gerannt: \'Da, da - eine Frau, eine Frau\'", erzählt der 17-Jährige Amin. Mit den anderen Jugendlichen stapfte Hakim durch den Schnee die Böschung herunter, hinein ins eiskalte Wasser, um die Frau hochzuheben. "Wir haben sie zusammen ins Haus getragen", erzählt Amin.

Britta Schmelzer war an diesem Tag als Betreuerin für die Jugendlichen in der Wohnanlage im Dienst. Sie berichtet: "Wir haben der Frau drinnen die nassen Sachen ausgezogen und sie in Decken gehüllt. Dann kam auch schon der Rettungsdienst, den ich in der Zwischenzeit gerufen hatte."

Die Caritas-Mitarbeiterin ist noch immer beeindruckt von "ihren" Jugendlichen. "Sie haben sich wirklich rührend um die Frau gekümmert."

Und nicht nur das: Hakim, Amin, Alwan, Fahim, Mojtaba, Morteza und Fatima, derzeit das einzige Mädchen in der Caritas-Wohngruppe, haben die Frau vor dem Erfrieren gerettet. Die "Frau aus dem Eis" wurde in die Uniklinik eingeliefert, wo sie derzeit noch in Behandlung ist.

Wenn der Körper auskühlt, fährt er alle Funktionen auf ein Minimum zurück, die Gefäße werden verengt, das warme Blut wird aus Armen und Beinen zurückgezogen. Es kann zu lebensbedrohlichen Herz-Rhythmus-Störungen, Bewusstlosigkeit und Atemstillstand kommen. Wie lange jemand bei klirrender Kälte im Wasser überleben kann, ist allgemein schwer zu sagen. Abhängig ist die Überlebensdauer nicht zuletzt von der körperlichen Verfassung, dem Alter und der Außentemperatur.

Der vermutlich erste Kältetote des Jahres wurde am vergangenen Sonnabend in Annaburg (Landkreis Wittenberg) an einer Bushaltestelle gefunden. Stark unterkühlt wurde der 57-Jährige ins Krankenhaus nach Wittenberg gebracht, wo er wenige Stunden später starb. Aber auch beim zu schnellen Aufwärmen können Unterkühlte sterben. Behutsamkeit ist dabei gefragt, warnen Mediziner.

Die von den Jugendlichen gerettete Magdeburgerin hat überlebt. Völlig unklar ist bisher aber, warum und wie die Frau in die Klinke geriet. Britta Schmelzer, die bei der Rettung mithalf, kann auch nur Mutmaßungen anstellen: "Vielleicht war sie verwirrt? Wir haben die Fußspuren verfolgt. Es sah so aus, als sei sie im Schnee weggerutscht. Für uns deutet das auf einen Unfall hin", sagt die Caritas-Mitarbeiterin. Anhaltspunkte für ein Gewaltverbrechen gibt es nicht. Die Polizei wurde vom Rettungsdienst nicht hinzugezogen, wie ein Polizeisprecher auf Nachfrage der Volksstimme bestätigte.

Wie Mitarbeiter der Wohnanlage berichten, werde die abgelegene Strecke an der Klinke hin und wieder als Spazierweg genutzt. Dort gibt es einen Zaun, der am Wochenende verschlossen ist. "Der Zaun endet auf der Böschung kurz vor dem Wasser. Manche versuchen, dort herumzulaufen, da ist die Rutschgefahr natürlich groß", erzählt Einrichtungsleiterin Barbara Schmidt. Womöglich verletzte sich die Frau dort bei einem Sturz und kam nicht mehr aus dem Wasser heraus.

"Wir haben die Fußspuren verfolgt. Es sah so aus, als sei sie im Schnee weggerutscht." - Britta Schmelzer, Mitarbeiterin der Caritas-Wohnanlage.

Die Wohnanlage der Caritas-Trägergesellschaft St. Mauritius gehört zur sogenannten Clearingstelle für minderjährige Flüchtlinge. "Wir betreuen vorübergehend Kinder und Jugendliche, die ohne Eltern oder andere Verwandte in Sachsen-Anhalt aufgegriffen werden", erklärt Barbara Schmidt.

Viele der Kinder, die hier Obdach finden, haben die Schrecken von Krieg und Gewalt erlebt. Sie wollen irgendwie überleben. In dieser Situation retteten sieben Jugendliche nun selbst der vereisten Frau aus der Klinke das Leben.

Bilder