Knapp 55.000 Ausländer in Sachsen-Anhalt

Per 31. Dezember 2013 lebten in Sachsen-Anhalt 54125 Ausländer, zum Halbjahr waren es noch 50.400. Die Tendenz ist weiter steigend.

Viele der Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien sind hochqualifiziert. Von den 1507 Rumänen im Land sind 151 Ärzte, von den 1458 Bulgaren üben 87 einen ärztlichen Beruf aus. Das heißt, dass nahezu zehn Prozent der Zuwanderer aus beiden EU-Ländern Mediziner sind.

Magdeburg l "Wie viele von deinen Leuten?" Diese Frage hört die Bulgarin Milena Konstantinowa seit Wochen. Sie macht sie fassungslos. Seit 24 Jahren lebt die Bulgarin in Deutschland - das hat sie noch nicht erlebt.

Die von der CSU losgetretene Debatte um angeblich massenhaften Zuzug von Bulgaren und Rumänen zeigt Wirkung. In Bayern, Sachsen-Anhalt und ganz Deutschland, wie Konstantinowa, Mitgründerin der Deutsch-Bulgarischen soziokulturellen Vereinigung in Sachsen-Anhalt, durch viele Kontakte zu den Organisationen ihrer Landsleute in der Bundesrepublik weiß. Man erwarte, dass Riesenfamilien der Roma hierherkommen - laut, arbeitsscheu und schmuddelig -, die gleich Geld wollten.

"Das ist doch totaler Quatsch", sagt die in Haldensleben wohnende Konstantinowa. "Außerdem weiß jeder, wie schwer es ist, hier die Anträge auf Sozialleistungen auszufüllen." Mangelnde Sprachkenntnisse seien ohnehin die entscheidende Hürde für Zuwanderer. "Die, die kommen wollen, kommen sowieso", ist Konstantinowa überzeugt.

Polen größte Zuwanderergruppe

Diesen Eindruck bestätigt Susi Möbbeck, Integrationsbeauftragte der Landesregierung. Bereits in den vergangenen Jahren seien mehr Menschen aus Rumänien und Bulgarien nach Sachsen-Anhalt gekommen als vor der EU-Mitgliedschaft: "Ich kann aber nicht erkennen, dass es mit der kompletten Freizügigkeit seit dem 1. Januar einen Ansturm gegeben hätte."

Die Zahl der Zuwanderer wachse insgesamt, aber langsamer als im Bundesgebiet, sagt die Integrationsbeauftragte. Am meisten wanderten Menschen aus Polen zu, die mit mehr als 5000 auch die größte Ausländergruppe im Lande ausmache. Dann folgten die südeuropäischen GIPS-Krisenländer der EU (Griechenland, Italien, Portugal und Spanien).

Von der Freizügigkeit auch für Rumänen und Bulgaren erhofft sich Möbbeck eher positive Effekte: Dass sich aus dem Niedriglohnsektor, der Scheinselbständigkeit oder der Schwarzarbeit die "Chance auf legale, sozialversicherungspflichtige Arbeit" eröffnet. Unter den Zuwanderern seien überdurchschnittlich viele Akademiker (siehe Kasten).

Standortnachteile mit Zuwanderung ausgleichen

Auch angesichts der Beschäftigungsquote von 60 Prozent unter Rumänen und Bulgaren, was über dem Durchschnitt der Deutschen liegt, sowie deren unterdurchschnittlichen Arbeitslosigkeit gegenüber allen Ausländern erklärt Möbbeck: "Es gibt keinen Anlass zu Panikmache."

Das entspricht dem, was Kay Senius, Chef der Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen der Bundesarbeitsagentur, betont: "Ausländer nehmen uns nichts weg. Wir brauchen sie für eine zukunftssichere Wirtschaft." Um die Standortnachteile etwa gegenüber Süddeutschland wettzumachen, "brauchen wir eine aufrichtige Willkommenskultur", betont Senius. Das Thema müsse mit den Herkunftsländern besprochen werden - und hiesige Firmen sollten an diesem Prozess teilhaben, meint Senius.

Mangel an mehrsprachigen Lehrern und Ärzten

Der Zuzug der Roma aus Südosteuropa indes konzentriert sich laut Integrationsbeauftragter Möbbeck auf einige westdeutsche Städte - darunter aber eben nicht München. Denn die Zuzügler, häufig Analphabeten, bevorzugten Städte mit Leerstand und billigem Wohnraum. In Sachsen-Anhalt lebende Roma wären zumeist Asylsuchende aus dem Kosovo oder aus Serbien. Inzwischen fallen diese Staaten, wie auch Mazedonien, in die Kategorie der sicheren Drittstaaten.

Ein Integrationsmanko war bisher, dass EU-Zuwanderer keinen Anspruch auf sprachfördernde Integrationskurse hatten. Das soll sich ändern. Möbbeck: "Die Teilnahme für EU-Bürger soll laut Koalitionsvertrag sichergestellt werden."

Wichtig sei die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse. Daran werde nach erfolgten bundesrechtlichen Regelungen in Sachsen-Anhalt gearbeitet, sagt Möbbeck. "Vorbehalte in der Bevölkerung lassen sich am besten im Alltag auflösen - durch gemeinsame Arbeit." Tätigkeitsfelder biete auch die Integration selbst: "Uns fehlen mehrsprachige Lehrer und Erzieher."