Groß Rosenburg l Karl Reiser und Ehefrau Ruth sitzen wie jeden Morgen gemütlich beim Frühstück. Der Kaffee dampft auf dem Tisch, frische Bäckerbrötchen duften. Karl schmiert sich eine Stulle mit Presskopfwurst. Draußen ist ein schöner Wintertag. Die Reisers haben den Deichbruch überstanden, das Haus ist wieder saniert. Was soll sie jetzt noch erschüttern ...

Doch plötzlich knackt es in Karl Reisers Mund. "Knorpel", denkt der ehemalige Schlosser der Rosenburger LPG und beißt ein bisschen fester drauf. Doch der Widerstand verstärkt sich. Als der 74-Jährige nachguckt, was ihn da so hartnäckig an der Nahrungsaufnahme hindert, bekommt er große Augen: Aus seinem Mund pult er einen Zahn.

Keinen eigenen, sondern einen fremden. Er steckte im Presskopf und ist ziemlich groß. Ein Zahn in der Wurst - da will Karl Reiser nicht so einfach zur Tagesordnung übergehen.

Ermittlung um einen Zahn

Er recherchiert die Telefonnummer der Verbraucherzentrale. Dort teilt man ihm nach mehreren Telefonaten mit, für Fremdkörper in Lebensmitteln nicht zuständig zu sein. Nach weiteren erfolglosen Telefonaten wählt er die Nummer der Volksstimme.

Wir bitten Tierarzt Dr. Dietrich Horrmann aus dem benachbarten Calbe um Hilfe. "Sieht aus, als würde er von einem Fleischfresser stammen", sagt der auf den ersten Blick.

Fleischfresser???

Der Veterinär bietet an, das Corpus Delicti zum Landesamt für Verbraucherschutz, Fachbereich Veterinärmedizin, nach Stendal zu schicken. Von Berufs wegen hat er oft mit dieser Behörde zu tun.

Gen-Test am Zahn

Die Presskopfwurst hatten die Reisers im Edeka-Supermarkt in Calbe gekauft. Der Kassenzettel ist noch da. "Presskopf, 0053, 1,97 A" weist die Position aus.

Am Fleischregal bestätigt Marktleiterin Ulrich, dass es sich um ein Erzeugnis der Firma "Köthener Fleisch- und Wurstwaren GmbH" handelt.

Es dauert einige Tage, bis Dietrich Horrmann anruft. Der Zahn sei jetzt auf dem Weg nach Halle, die Veterinärmedizin Stendal sei nicht für Fremdkörper in Lebensmitteln zuständig. In Halle soll eine Gen-Analyse eindeutig die Tierart bestimmen.

"Gen-Test? Donnerwetter", wundert sich Karl Reiser, "das wird ja spannend."

"Wie oft hat man schon von Gammelfleisch gehört"

Wieder wenige Tage später übermittelt Dietrich Horrmann das Ergebnis der Gen-Analyse: "Es handelt sich eindeutig um einen Schweinezahn." Offensichtlich ist es ein Milchzahn - das Schwein muss jünger als ein Jahr gewesen sein. "Das kann beim Schlachten vorkommen", sagt Dietrich Horrmann. Umso eher, da Presskopfwurst ja aus Kopffleisch gewonnen wird.

So sieht es auch Kathrin Wilkendorf von den Köthener Fleisch- und Wurstwaren. "Das tut uns leid", versichert sie, "unsere Mitarbeiter werden ständig geschult und zur Sorgfalt angehalten." Es sei bedauerlich, könne aber vorkommen, dass ein Zahn sich bei der Schweinekopfverwertung löst und ins Fleisch gelangt. "Es geschieht vielleicht einmal pro Jahr, dass wir eine Reklamation bekommen", gesteht Kathrin Wilkendorf.

Den Reisers wird zwar kein Ersatz für die vermaledeite Ware angeboten, sie sind über die Aufklärung aber erleichtert. "Man muss heutzutage schließlich aufpassen", verteidigt der Rentner seinen Hilferuf in der Öffentlichkeit, "wie oft hat man schon von Gammelfleisch gehört."

Wobei er einen Satz anfügt, der die ganze Zahngeschichte relativiert: "Da haben wir gesehen, es ist was in der Wurst, was nicht hineingehört. Aber Antibiotika und das ganze andere Zeug sind unsichtbar ..."

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