Andreas Geiger - zur Person

Der Wissenschaftler:
Als Gründungsdekan des Fachbereichs Sozial- und Gesundheitswesen kam der aus Niedersachsen stammende Professor 1992 an die damalige Fachhochschule Magdeburg.

Hochschul-Manager: Seit 1998 leitet er die Hochschule als Rektor. 2010 habe er Zweifel gehabt, ob er erneut antreten und somit eine Amtszeit von 16 Jahren anstreben solle, gesteht er heute. Nach dem Rat von Freunden und Kollegen kandidierte er und wurde zum vierten Mal gewählt. Seit 2004 ist Geiger Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz. Weiteres Engagement hat er in den Aufbau der Deutsch-Jordanischen Universität in Amman gesteckt - diese Aufgabe will er weiterführen.

Der Magdeburger:
1999 folgte ihm auch seine Familie nach Magdeburg. Zwei erwachsene Söhne haben das Haus bereits verlassen, ein dreieinhalbjähriger Cocker-Spaniel ist jetzt der Jüngste. Sein Name ist eine Referenz an die Stadt: Er heißt Otto.

Die Amtsübergabe: Am kommenden Montag endet Geigers Amtszeit als Rektor. Die Hochschule verabschiedet ihn am morgigen Donnerstag mit einem Festakt im Audimax. Ministerpräsident Reiner Haseloff ließ extra die Tagesordnung des Landtags anpassen, damit er persönliche Worte zum Abschied sprechen kann. Geigers Nachfolgerin ist die Kommunikations-Professorin Anne Lequy.

Magdeburg l Die Zukunft der Hochschulen war im vergangenen Jahr das brisanteste Thema der Landespolitik. Einer, der den Kampf gegen die Sparpläne mit angeführt hat, verlässt nun den Posten: Andreas Geiger, Rektor der Hochschule Magdeburg-Stendal. Um deren Zukunft macht er sich dennoch keine Sorgen, sagt Geiger im Gespräch mit Hagen Eichler und Michael Bock.

Volksstimme: Herr Professor Geiger, Sie scheiden aus dem Amt in einer Zeit, in der nicht klar ist, wie es mit Sachsen-Anhalts Hochschulen weitergeht. Fällt es schwer, jetzt loszulassen?

Andreas Geiger: Vor einem halben Jahr wäre es ein ungünstiger Zeitpunkt gewesen. Seit dem sogenannten Bernburger Frieden sind aber die finanziellen Rahmenbedingungen klar, und auch die Eckpfeiler für das Hochschulkonzept stehen fest. Unsere Hochschule ist im Bestand nicht gefährdet. Das war so nicht abzusehen, ein Papier aus dem Wissenschaftsministeriums hatte ja die Schließung des Standortes Magdeburg vorgeschlagen.

Volksstimme: Wie haben Sie damals diese Nachricht aufgenommen?

Geiger:
Das war ausgerechnet am Tag unseres Betriebsausflugs, wir waren gerade in der Kantine des MDR. Die Nachricht war natürlich ein Schreck, aber ich hatte in dem Moment eine Aufgabe: Um mich herum waren knapp 100 Leute aus der Belegschaft, die ich beruhigen musste. Mir wurde auch noch jeden Moment ein Mikrofon unter die Nase gehalten, das war schon eine groteske Situation.

"Ich frage mich: War das sinnvoll für das Image des Landes?"

Volksstimme: Sie haben monatelang mit dem Wissenschaftsministerium über das Hochschulkonzept verhandelt. Welche Änderungen für Ihre Hochschule stehen schon fest?

Geiger: Wir werden an der einen oder anderen Stelle kleine Einschnitte machen und vier Fachbereiche zu zweien zusammenlegen, weil die sonst allein zu klein wären. Auf die Studierenden wird das keine Auswirkungen haben. Sie werden von den Synergien profitieren, zum Beispiel, indem wir und die Otto-von-Guericke-Universität unsere Bibliotheken mittelfristig zusammenlegen. Das bringt längere Öffnungszeiten, auch am Wochenende.

Volksstimme: Vor einem halben Jahr fürchteten Sie ums Überleben, jetzt klingt es, als könnte die Hochschule nach dem Reformkonzept des Landes besser sein als vorher.

Geiger: Tja. Wenn ich das letzte Jahr Revue passieren lasse, frage ich mich manchmal, warum es diese Form der Auseinandersetzung gebraucht hat. War das sinnvoll für das Image des Landes? Sicher ist: Wenn das ursprüngliche Sparziel von 50 Millionen Euro so umgesetzt worden wäre, hätte das die Hochschullandschaft von Sachsen-Anhalt kaputtgemacht. Wir haben schon jetzt eine dramatische strukturelle Unterfinanzierung im Vergleich zu anderen Ländern. Die Hochschule Emden-Leer zum Beispiel hat exakt die gleiche Landeszuweisung wie wir, aber ein Drittel weniger Studierende. Trotzdem bin ich zuversichtlich, dass wir vor dem Hintergrund der internen Strukturmaßnahmen und vor allem der engeren Kooperation mit der Universität im Endeffekt besser werden.

Volksstimme: Zu Demonstrationen gegen die Kürzungen sind bis zu 10000 Menschen gekommen. Haben die Studenten ihre Hochschule gerettet?

Geiger: Das war eindrucksvoll, aber da kommen einige Dinge zusammen. Ich bin sicher, dass das Kabinett bei seinem 50-Millionen-Sparbeschluss nicht wusste, was das wirklich für Konsequenzen hat.

Volksstimme: Auch nicht der Finanzminister?

Geiger: Ich glaube nicht. Deshalb war es sogar hilfreich, als das Wissenschaftsministerium vorgerechnet hat, dass 10000 Studienplätze wegfallen würden. Bei der Überlast, die wir haben, hätten wir dann 18000 Studenten weniger gehabt. Als das deutlich wurde, gab es den Aufschrei in der Bevölkerung. Ich habe nie zuvor erlebt, dass bei Rewe an der Kasse Unterschriftenlisten ausliegen und ich angesprochen werde, ob ich das nicht unterstützen will. Das ist ziemlich einmalig.

Volksstimme: Wie erklären Sie sich denn das damalige Vorgehen der Regierung? War das schlicht Unprofessionalität?

Geiger: Die Regierung hat sich auf falsche Prognosen zu den Studierendenzahlen gestützt. Hinzu kam Naivität. Sie dachte, man könne überall ein wenig abschmelzen und war sich nicht im Klaren darüber, dass das ganz konkret Schließungen und ein Drittel weniger Studienplätze bedeutet hätte. Ich hoffe, dass sich die Landesregierung dessen bewusst ist: So wahnsinnig viele Ressourcen haben wir nicht im Land. Die Zukunftsfähigkeit des Landes hängt von qualifizierten Arbeitskräften ab. Wir müssen darauf setzen, möglichst viele Menschen ins Land zu holen und hier zu halten.

Volksstimme: Für Sie gehen 16 Jahre an der Spitze der Hochschule zu Ende. Was waren die drei wichtigsten Entscheidungen?

Geiger: Emotional belastet hat mich die Entscheidung, den Standort Stendal zu integrieren. Aus der Altmark gab es dagegen Widerstand. Aber der Wissenschaftsrat hatte sich gegen die Eigenständigkeit ausgesprochen und deshalb hätte es keine Bundesmittel zum Hochschulbau gegeben. Ohne die Integration hätte die Gefahr bestanden, dass der Standort geschlossen wird.

Heute hat er sich gut entwickelt, er strahlt in die Region und hat trotzdem den Vorteil, Teil einer größeren Einrichtung zu sein. Das zweite war die radikale Umstellung auf die Abschlüsse Bachelor und Master zum Wintersemester 2004/2005, alle Studiengänge zugleich. Die Entscheidung des Senats war mutig, aber absolut richtig. Stolz bin ich auch darauf, dass wir entgegen allen Prognosen die Zahl der Studienanfänger und der Studierenden konstant hoch halten konnten.

"Ich war nicht weit davon entfernt, die Brocken hinzuwerfen."

Volksstimme: War das vergangene Jahr das anstrengendste als Rektor?

Geiger: Viel härter war die Strukturreform vor zehn Jahren, die uns arg bedrohte. Hinzu kam damals, dass ich schwer erkrankt war. Bei der Operation ist einiges schiefgegangen und ich bin ziemlich angeschlagen an die Hochschule zurückgekommen. Wir mussten schwerwiegende Beschlüsse zur Abwicklung oder Verlagerung von wichtigen Studiengängen fassen. Einmal war die Situation im Senat so aufgeheizt, da hätte meine Zeit als Rektor schon 2004 enden können.

Volksstimme: Sie wären zurückgetreten, wenn der Senat einen Beschluss verweigert hätte?

Geiger: Ja, ich war nicht weit davon entfernt, die Brocken hinzuwerfen.

Volksstimme: Welchen Rat geben Sie Ihrer Nachfolgerin?

Geiger: Ich werde ihr keine Tipps geben. Aber ich kann sagen, was die kommenden Herausforderungen der nächsten Jahre sind: Wir müssen die Folgen der demografischen Entwicklung in den Griff kriegen. Es wird weniger Studienbewerber geben. Woher sollen sie denn kommen, wenn wir nur noch etwas mehr als 4000 Abiturienten in Sachsen-Anhalt haben? Dann müssen wir halt Menschen aus anderen Bundesländern oder dem Ausland anziehen. Wir müssen künftig auch noch weiter auf Berufstätige zugehen. Das Abitur als klassische Zugangsvoraussetzung wird an Bedeutung verlieren. Wir müssen für diese Zielgruppen neue Studienformate entwickeln. Und auch die Weiterbildung wird an Bedeutung gewinnen.

Volksstimme: Sie haben auf Ihrem Campus gleich zwei Kanzler begrüßt: Gerhard Schröder und Angela Merkel. Was haben die bei Ihnen gelernt?

Geiger: Man tritt beiden sicher nicht zu nahe, wenn man sagt: Sie sind nicht gekommen, um wissenschaftlichen Rat einzuholen. Aber es war sehr spannend. Schröder war hier kurz nach dem Beginn des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan. Vier Studenten sind im Audimax aufgestanden und haben protestiert. Schröder hat dann erläutert, warum er sich dafür entschieden hat, obwohl er früher antimilitaristisch eingestellt war. Das hat ihm viel Beifall gebracht. Angela Merkel habe ich in Stendal unsere Kinder-Uni vorgestellt. Da ist sie unglaublich engagiert drauf eingegangen. Ich habe vorgeschlagen, sie könnte ja ihre eigenen Enkelkinder mal herschicken, aber sie sagte, sie wollte am liebsten selbst kommen.

"Minister? Das hätte mich gereizt. Aber ich habe Nein gesagt."

Volksstimme: Sie sind Mitglied der SPD und waren 2006 im Gespräch für einen Ministerposten. Hat Sie das Amt nicht gejuckt?

Geiger: Die Volksstimme hat mich damals beobachtet, als ich von Jens Bullerjahn kam, durch den Hinterausgang ... Ja, es hätte mich gereizt. Aber ich habe bewusst Nein gesagt, weil es um das Kultusministerium ging. Um mich in den völlig neuen Bereich Schule einzuarbeiten, fühlte ich mich zu alt. Beim Hochschulbereich alleine wäre die Entscheidung vielleicht anders ausgefallen. Aber es gibt jetzt nichts, was ich bedaure. Ich habe mich stattdessen als Vizepräsident und Sprecher der Fachhochschulen in der Hochschulrektorenkonferenz hochschulpolitisch engagiert.

Volksstimme: Für welche Dinge werden Sie ab sofort mehr Zeit haben?

Geiger: Für Otto, unseren Spaniel. Aber meine künftige Tagesgestaltung wird sich nicht darauf beschränken, mit Otto spazieren zu gehen. Der frühere CDU-Vorsitzende Karl-Heinz Daehre hat mir und meiner Frau ein paar Tipps gegeben, welche Reibungsverluste man zu Hause vermeiden kann. Spaß beiseite: Ich werde mich unter anderem auch künftig um die Deutsch-Jordanische Universität kümmern, das größte Bildungs-Exportprojekt der Bundesrepublik. Mir wird nicht langweilig werden.

   

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