(H)ausgemachte Katastrophe

Größter anzunehmender Unfall - kurz GAU: Davon hatte Landrat Carsten Wulfänger in seiner erst kurzen Amtszeit so viele zu bewältigen, wie mancher seiner Kollegen in ihrer ganzen Karriere nicht erleben. Gleich in den ersten Amtstagen kamen die Verfehlungen bei Sparkassen-Bauprojekten und der überdimensionierte Fuhrpark des Ex-Vorstandschefs an den Tag. Wulfänger versprach konsequente Aufklärung. Nicht einmal 100 Tage im Amt, bekam er angesichts seines klaren Krisenmanagements während der Flut im Juni 2013 schon den Spitznamen Deichgraf.

Jetzt heißt es wieder "Land unter". Der Weggang von Sparkassen-Chefin Kerstin Jöntgen ist allerdings keine Katastrophe der Natur, sondern ein hausgemachtes Problem. Die Bankerin hat in ihrer kurzen Amtszeit aufgeräumt und das Kreditinstitut auf einen modernen Kurs gebracht. Sie hat sich damit in vielen Kreisen Respekt und Anerkennung erworben. Nur nicht bei Teilen des Verwaltungsrates und nicht bei Wulfänger.

Jöntgen hat daraus ihre Konsequenzen gezogen, obwohl sie wohl gerne geblieben wäre. Warum der Landrat ihr kein Signal fürs Weitermachen gegeben hat, wird ebenso zu klären sein wie die Gründe für sein offensichtlich gestörtes Verhältnis zu der Sparkassen-Managerin.

Wulfänger trifft der überraschende Abgang zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Eine qualifizierte Neubesetzung zu finden, dürfte nicht einfach sein. Wer wird sich das nach dieser Vorgeschichte antun? Und: Mitte April liegt der nächste Prüfbericht über Verfehlungen der Jahre 2007 bis 2009 vor. Damals war er bereits einmal Mitglied in dem Kontrollgremium, das doch so wenig von Dieter Burmeisters System mitbekommen haben will.

Den Landrat und einige Strippenzieher im Verwaltungsrat dürften jetzt wegen Jöntgens Demission eine Flut unangenehmer Fragen erwarten. Schließlich geht es auch hier um konsequente Aufklärung.

Stendal l Die Mitarbeiter sind "geschockt und überrascht", fasste eine Angestellte nach der Mittagspause die Stimmung zusammen: "Wir sind als Sparkasse mit Frau Jöntgen an der Spitze auf dem richtigen Weg und hofften, dass sie hier bleiben würde, wenn man sie lässt." Bei einigen keimt aber auch die Hoffnung auf, es werde wieder "wie früher". Andere fühlen sich im Stich gelassen.

Die Nachricht, die am Morgen exklusiv in der Volksstimme gestanden hatte, verbreitete sich jedenfalls in der Kreisstadt und im Landkreis wie ein Lauffeuer. Jöntgen schickte zu Dienstbeginn eine Mail an alle Mitarbeiter. "Mit Bedauern" und "schweren Herzens" erklärte sie ihnen ihren Schritt und bedankte sich für die Unterstützung, "wenn es darum ging, Altes hinter uns zu lassen und zu bewältigen und Neues im Interesse unserer Kunden aufzubauen".

"Nunmehr Blick nach vorne richten." - Landrat Carsten Wulfänger (CDU)

Wenige Minuten später ging die Pressemitteilung von Landrat Carsten Wulfänger (CDU) heraus. Als Vorsitzender des Verwaltungsrates informierte er über Jöntgens Kündigung zum 30. September. Bis dahin werde sie ihre Arbeit "so engagiert wie bisher fortsetzen". Wulfänger dankte ihr "für ihre bisherige Tätigkeit", schrieb aber auch: "Nunmehr gilt es, den Blick nach vorne zu richten." So wird der Verwaltungsrat am 16. April über die Ausschreibung der Stelle beraten.

Interessant an beiden Erklärungen ist, was nicht drin steht, wie einzelne Punkte erklärt werden und was man alles zwischen den Zeilen lesen kann. Wulfängers Text enthält einen Dank, vermeidet aber jegliches Bedauern. Auf Volksstimme-Nachfrage erklärte der Landrat jedoch: "Natürlich bedauere ich das."

Wulfänger vs. Jöntgen: Deutliches Zeichen für angespanntes Verhältnis

Jöntgen erwähnt Wulfänger und den Verwaltungsrat mit keiner Silbe. Sie betont indes, wie wichtig ein "enges und vertrauensvolles Miteinander" sei: "Dieses unabdingbare Vertrauen kann nach meiner festen Überzeugung mit einer neuen Führungspersönlichkeit am besten gewährleistet werden" - eine Chiffre für das angespannte Verhältnis.

Aus den Reihen der Stendaler Wirtschaft wird offen von einem Verlust gesprochen. "Davon wird sich die Sparkasse so schnell nicht erholen", fürchtet Unternehmer Bernd Zorn. Der Träger des Bundesverdienstkreuzes gilt als engagierter Befürworter von Jöntgens Kurs: "Ich ziehe meinen Hut vor der Frau. Was sie aushalten musste, davor hätten Männer eher kapituliert", sagt er auch mit Blick auf den Gegenwind durch den Verwaltungsrat, den Jöntgen aushalten musste: "Wenn die pfiffig wären, würden sie ihr noch ein ansprechendes Angebot machen."

"Rückschlag bei der Aufklärung." - Abgeordneter Tilman Tögel (SPD)

Der SPD-Landtagsabgeordnete Tilman Tögel gehörte zu den Politikern, die bei der Aussprache im Kreistag Anfang November deutliche Worte gegen das "System Burmeister" und den Verwaltungsrat gefunden hatten. Er sieht in der Kündigung einen "Rückschlag bei den Bemühungen, die Vergangenheit sauber aufzuklären".

Er habe aber "großes Vertrauen in die Justiz, dass die weitere strafrechtliche Aufarbeitung der dubiosen Vorgänge in der Kreissparkasse unabhängig erfolgt und unter dem Weggang von Frau Jöntgen nicht leiden wird". Tögel fordert, dass die nächsten Mitglieder des Verwaltungsrates "tatsächlich an der Aufarbeitung der Vergangenheit mitwirken".

Die Linke-Fraktion will das Thema auf die Tagesordnung des Kreistages am Donnerstag setzen. "Wir haben viele Fragen an den Landrat", kündigt ihre Abgeordnete Katrin Kunert an. Sollte Wulfänger sich nicht erklären, strebt die Linke eine Aktuelle Stunde oder eine Sondersitzung an.