Magdeburg l Das Verkehrsministerium in Sachsen-Anhalt zeichnet das düstere Bild selbst. Durch den Bevölkerungsrückgang wird es auf dem Land weniger Schüler und weniger Erwerbstätige geben, heißt es in einer Stellungnahme. Gleichzeitig verändere sich die Infrastruktur: Durch die Schließung von Schulen, Arztpraxen und Einkaufsmöglichkeiten in den besonders dünn besiedelten Gebieten würden die Wege immer länger. Und die Bedeutung des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) immer größer.

Den Nahverkehr in Sachsen-Anhalt stellt das schon heute vor die Frage, wie die Wege der Zukunft zu organisieren sind. "Wir entwickeln seit Jahren Konzepte", erklärt Wolfgang Ball vom Nahverkehrsservice Sachsen-Anhalt. Kern der Arbeit ist die Anpassung des ÖPNV an die veränderte Nachfrage: Weniger Berufspendler, dafür mehr Einkaufs- und Freizeitverkehr.

Gerd-Axel Ahrens, Verkehrswissenschaftler der TU Dresden, berät unter anderem Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) und sitzt im wissenschaftlichen Beirat des Verkehrsentwicklungsplans Magdeburg. Er rechnet vor: Berufstätigte legen pro Tag im Schnitt etwa 50 Kilometer und vier Wege zurück. Senioren zwischen 65 und 74 Jahren aber nur noch 25 Kilometer und 2,8 Wege pro Tag. 2025 wird sich die Statistik verschoben haben. "Auf dem Land dünnt die Infrastruktur aus. Die ältere Bevölkerung wird länger unterwegs sein", erklärt Ahrens. Und weil Autofahren für viele keine Option ist, nimmt die Bedeutung des ÖPNV zu.

Sachsen-Anhalts Nahverkehr probt 2025 schon heute. In den Landkreisen Anhalt-Bitterfeld, Wittenberg und im nördlichen Saalekreis können die Bewohner einen Anrufbus bestellen. Der kommt, wenn kein Linienangebot vorhanden ist. In Roßlau, Hettstedt und Mansfeld wird ein Servicebus bereitgestellt, der Senioren vom Dorf in die Stadt fährt. Im Altmarkkreis Salzwedel verbindet ein Buskonzept bestehend aus Linien- und Rufbussen die Städte und Dörfer.

Der Trend geht zum Bus. Auf die Schiene sollte, so Verkehrswissenschaftler Ahrens, künftig nur noch bei den Hauptverbindungen, etwa zwischen Halle, Magdeburg und Stendal, zurückgegriffen werden. Er sieht den Bus als Nahverkehrsmittel der Zukunft. "Erst ab etwa 2000 Fahrgästen pro Tag lohnt sich eine Zugstrecke für den Anbieter. Das erreichen viele Verbindungen nicht", so Ahrens. Auch wenn der Zug von vielen Regionen als Statussymol angesehen werde, seien Busse häufig sinnvoller, könnten sie doch öfter pro Stunde fahren. Ahrens geht in seinen Vorschlägen noch weiter. In dünn besiedelten Regionen müsse künftig darüber nachgedacht werden, Gebiete aufzugeben. "Den Menschen müssen Umzugshilfen gewährt werden. Das ist finanziell sinnvoller, als ein ÖPNV-Netz am Leben zu erhalten, das kaum genutzt wird", sagt der 65-Jährige.

Der Professor ist mit diesem Vorschlag vermutlich 50 Jahre vor seiner Zeit. Sachsen-Anhalt konzentriert sich zunächst darauf, die Landkreise bei den Veränderungen im ÖPNV zu unterstützen. Dafür sind bereits Fördermittel bewilligt worden, mit denen die Planung von neuen Konzepten finanziert werden kann.