Magdeburg l Ob in Kalbe, Stendal, Gardelegen oder Haldensleben - vielerorts beschweren sich Anwohner bei Behörden über die schwarzen, krächzenden Vögel, die sich in städtischen Gebieten mittlerweile viel wohler fühlen als auf dem Land.

"Wir haben in den letzten Jahren deutlich mehr Krähen-Paare im Stadtgebiet gezählt", berichtet Klaus Ortmann, Sprecher der Stadt Stendal. Gegen Belästigungen könne die Stadt aber nur bedingt vorgehen. "Die Tiere sind geschützt - Verschmutzungen allein reichen rechtlich nicht aus, um sie zu vertreiben oder ihre Nester zu räumen." Lediglich in Einzelfällen habe die Stadt Krähen verjagt. "Nur wenn Verschmutzungen überhand nehmen und die Gesundheit der Anwohner gefährden, dürfen wir handeln."

Nahrungsangebot für Krähen wird knapp

Im Landkreis Börde beobachtet Kreisjägermeister Heinrich Schulze schon seit Jahren eine "enorme" Vermehrung von Kolkraben. "1991 brütete ein Paar in Haldensleben - mittlerweile gibt es 91", berichtet Schulze. Schon häufiger hätten sich bei ihm Gartenbesitzer gemeldet. "Sie beklagen sich, dass die Räuber die Nester von Singvögeln plündern." Der Kreisjägermeister plädiert dafür, die Vögel künftig wieder stärker zu bejagen. "In Ortsnähe ist das zwar verboten, aber in den Feld- und Waldbereichen wäre das in der vorgeschriebenen Jagdzeit sinnvoll."

Stefan Fischer von der staatlichen Vogelschutzwarte Steckby hält das für keine gute Idee. "Krähen sind schlaue Vögel, sie ziehen vermehrt in besiedelte Gebiete, eben weil sie auf dem Land bejagt werden." Grund für die regelrechte Landflucht, die vielerorts beobachtet werden könne, sei auch das knappe Nahrungsangebot. "Landwirte pflanzen Getreide und Mais heute so dicht, dass die Vögel keine Nahrung mehr finden", erklärt Fischer. "Eine Krähe braucht bei der Futtersuche kurzes Gras, das findet sie heute eher in den gepflegten städtischen Grünanlagen."

"Wären die Vögel bunt, würde es keine Beschwerden geben"

Eine weitere reichhaltige Futterquelle auf dem Land habe der Mensch den Krähen versperrt: "Auf Mülldeponien haben die Tiere früher Essensreste abgestaubt, mittlerweile kommen sie dort aber nicht mehr ran, weil die Deponiebetreiber ihre Müllberge auf Anordnung abdecken müssen."

Krähenschwarm erweckt Bild von Hitchcock-Film

Von den Rabenvogel-Arten, die in Sachsen-Anhalt leben, macht die Saatkrähe den größten Anteil aus. Nach Zahlen des Umweltministeriums sind 3100 bis 3600 Paare hierzulande ansässig. Entgegen mancher Vermutungen von belästigten Stadtbewohnern hat der Bestand der Vögel in den vergangenen Jahren kaum zugenommen - er verlagert sich nur eben in bewohnte Gebiete.

Und die Konflikte, die dabei entstehen, haben eigentlich nur wenig mit Lärm und Dreck zu tun, meint Vogel-Experte Stefan Fischer. Rabenvögel hätten einfach einen schlechten Ruf: "Wären die Tiere bunt und würden so schön klingen wie Singvögel, dann würde es auch keine Beschwerden geben." So aber fühle sich mancher eben gleich an Alfred Hitchcocks Horrorfilm "Die Vögel" erinnert, wenn ein Krähenschwarm im Anflug ist.

Nabu schlägt alternative Nistmöglichkeiten vor

Vorbehalte gegenüber den einst als "Galgenvögel" geschmähten Tieren hegt wohl auch so mancher Magdeburger. "Eine Zunahme an Krähen in der Landeshauptstadt konnte das Umweltamt noch nicht nachweisen, aber die gefühlte Belästigung ist deutlich gestiegen", sagt Michael Reif, Sprecher der Stadt.

Annette Leipelt vom Umweltverband Nabu findet, dass Krähen eigentlich einen besseren Ruf verdient hätten. "Es sind ja nicht nur schlaue Tiere. In der Natur sind sie auch Gegenspieler vieler Schädlinge, fressen Käfer und Läuse." Leipelt rät deshalb, stets in Einzelfällen abzuwägen, ob es nötig ist, etwas gegen Krähen in der Nachbarschaft zu unternehmen. Kommunen könnten auch darüber nachdenken, alternative Nistmöglichkeiten für die Tiere in Außenbereichen zu schaffen, meint die Umweltschützerin. "Der Trend, dass Krähen in besiedelte Gebiete ziehen, wird sich schließlich nicht so leicht umkehren lassen."

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