Kultur entdecken in Kalbe

Der Sommercampus läuft noch bis zum 13. September. Jeden Sonnabend und Sonntag gibt es um 15 Uhr einen Ateliersrundgang. Treffpunkt ist in der Ernst-Thälmann-Straße 21 bis 23. Der Verein um Corinna Köbele belebt die Stadt auch über den Sommercampus hinaus mit Kultur, zum Beispiel mit Tanzworkshops und Schreibwerkstätten. Zudem hat im Februar eine Galerie mit wechselnden Ausstellungen eröffnet. Die Finanzierung erfolgt aus Preisgeldern, Spenden und Fördermitteln.Die Initiative ist ausgezeichnet als Ort im Land der Ideen.

Mehr Informationen gibt es unter www.kuenstlerstadt-kalbe.de

Kalbe l Erst wenn die Glühbirne leuchtet, ist Suin Kwons Installation komplett. Nur lässt sich das spontan schlecht einrichten - dafür benötigt sie nämlich Strom aus dem Nachbarhaus. Nicht weiter schlimm. Ihr Konstrukt aus Holzlatten, Seilen und Metallrohren beeindruckt auch so.

Die junge Südkoreanerin hat ihre Kunst in einem alten Haus aufgebaut, das früher ein Gerichtssitz war. Eine zeitlang hatte die Volkssolidarität noch einen Raum im Erdgeschoss, und oben gab es mal eine Fahrschule. Nun steht das Gebäude seit Jahren leer. An den Wänden hängen vergilbte Tapetenreste, auf die braunen PVC-Böden haben sich Marmorierungen aus Staub gelegt. Suin Kwon ist trotzdem stolz auf ihren Raum im Ex-Gericht. Denn für drei Wochen ist er ihr eigenes Reich. In Bremen, wo die 25-Jährige studiert, gibt es das nicht. "Dort muss ich mir ein Atelier mit anderen teilen", erzählt sie.

Insgesamt 55 Kunststudenten - von Malern, über Puppenspieler bis hin zu Literaten und Musikern - kommen in diesen Wochen nach und nach zum sogenannten Sommercampus in die Altmark. Der Verein Künstlerstadt Kalbe um Corinna Köbele - hauptberuflich Psychotherapeutin, ehrenamtlich Visionärin - lädt sie ein, in verlassenen Wohnungen zu arbeiten und zu wohnen. Zwölf Ateliers und sieben Wohnungen hat Köbele mit Eimer, Schwamm und ein paar Helfern hergerichtet. Sie gehören der Stadt und der Wohnungsbaugesellschaft.

Das Interesse der jungen Künstler ist riesig, berichtet sie. "Es hat sich ein Vielfaches der Stipendiaten beworben." Wie viele genau es waren, will die 51-Jährige nicht verraten. Das macht man nicht, findet sie. 2013 veranstaltete Köbele schon einmal einen Sommercampus, damals kamen 15 deutsche Studenten. Im Vorfeld hatte sie jede Kunsthochschule in Deutschland per E-Mail angeschrieben. Mittlerweile hat sich das Projekt herumgesprochen - auch unter ausländischen Künstlern. Sie machen diesmal rund ein Viertel der Teilnehmer aus. Der Großteil studiert in Deutschland, einige reisen aber tatsächlich aus dem Ausland an - etwa aus Polen und Österreich.

Die Chance auf ein eigenes Atelier auf Zeit ist wohl ein Hauptgrund für den Andrang auf die Altmark - allerdings nicht der einzige. Ein anderer mag im ersten Moment seltsam klingen: Die Künstler schätzen die Schwächen der Stadt. Denn für sie sind jene Schwächen schlichtweg Stärken. Suin Kwon zum Beispiel inspiriert das Flair verwaister Gebäude. "Man spürt, dass in diesem Raum früher Menschen gewirkt haben", erklärt sie, während ihr Blick die Wände mit den Tapetenschnipseln entlangwandert. "Außerdem erinnert mich der Geruch hier an meine Kindheit. Ich bin in einer Stadt aufgewachsen, die so klein war wie Kalbe. In unserer Nachbarschaft gab es ein verlassenes Haus wie dieses."

Auch Maria Evrydiki Poulopoulou gefällt eine vermeintliche Schwäche der 2500-Einwohnerstadt: Hier steppt nicht gerade der Bär. "Ich kann arbeiten, ohne dass mich jemand ablenkt", erzählt die Malerei-Studentin. Im zweiten Stock eines Wohnhauses, in dem seit Jahren niemand mehr leben will, hat sie die Wände mit Collagen voller Linien beklebt - ganz in Ruhe. "Hier gibt es keinen Stress und keinen Lärm. Man kann sich richtig erholen." Ein durchaus nachvollziehbares Bedürfnis, wenn man sonst im Großstadtdschungel Berlin wohnt.

Gesellschaft hat die 20-Jährige in Kalbe trotzdem - und zwar nicht nur in Gestalt der anderen Stipendiaten. Denn um jeden Sommercampus-Teilnehmer kümmert sich ein Pate aus der Stadt. Er zeigt ihm die Wohnung, hilft bei Problemen, lädt ihn auch mal zum Grillen ein oder stellt ihm einen Korb mit Zucchinis aus dem Garten vor die Tür. "Inzwischen haben sich schon 40 Kalbenser als Paten gemeldet, erzählt Köbele stolz. "Die Leute merken einfach, dass in ihrer Stadt etwas passiert - und dass sie mit dazu beitragen müssen, wenn das so bleiben soll." Die Vereinschefin ist davon überzeugt, dass auch das Patenschaftsmodell zu den Gründen gehört, warum so viele Studenten ihren Sommer in einer Stadt verbringen wollen, die für sie irgendwo im Nirgendwo liegt.

Vladislav Pastukhov, Kasache und seit drei Jahren Student an der Burg Giebichenstein, bekam von einer Kalbenserin sogar eine große Ladung Holz gespendet. Daraus baut der angehende Industriedesigner während seiner Zeit in Kalbe einen Sessel. Es ist sein erstes eigenes Projekt. "Sonst mischen sich meine Professoren immer in die Planungen ein", erzählt er. "Hier kann ich endlich mal alles selbst bestimmen. Und ich habe keinen Termindruck."

Noch lässt der 26-Jährige seine Ateliertür stets geschlossen. Er mag es nicht, wenn jemand sein unfertiges Werk sieht. Dass die Volksstimme ihn damit fotografieren darf, ist eine große - und sehr freundliche - Ausnahme. Doch sobald Vladislav fertig ist, wird er den Sessel bei Atelierrundgängen allen präsentieren.

Zweimal pro Woche führt Köbele Besucher durch die Künstlerwerkstätten. Am vergangenen Sonntag kamen knapp 40 Leute - darunter viele, die sonst nicht viel mit Kunst am Hut haben. So hatte sich das die Visionärin auch gedacht. Denn ihr geht es nicht nur darum, die Stadt zu verschönern und Freizeitangebote zu schaffen. "Ich möchte auch, dass sich die Menschen mit den leeren Häusern identifizieren."

Langfristig hofft sie sogar, dass sich für einige wieder Käufer finden. Ein Schnäppchen ist solch eine Immobilie allemal: Köbele zufolge gibt es das Stück schon für 2500 Euro. Drei Studenten aus Karlsruhe und München, die im vergangenen Jahr hier waren, würden sogar schon darüber nachdenken, erzählt sie. Suin Kwon kann das Trio gut verstehen: "Ein günstiges Atelier in einer kleinen Stadt - das ist doch eine schöne Sache."

   

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