Grundsätzlich seien sich Holländer und Deutsche ziemlich ähnlich, findet Kees de Vries. Aber: "Wir sehen zuerst die Chancen, dann die Risiken. Die Deutschen gehen eher auf Sicherheit." Und während man in Deutschland sehr auf die Geschichte bedacht sei, schauten die Holländer lieber nach vorn. Ansonsten seien die Nachbarvölker gleichermaßen strebsam. Daraus ergebe sich jedoch auch ein gemeinsames Manko: Die fehlende Lockerheit, das Leben einfach mal zu genießen.

Bei den Sprachunterschieden hilft Holländern in Deutschland ein gewisser Rudi-Carell-Bonus, findet der Landwirt. Er selbst lernte in der Schule zwei Jahre lang Deutsch, alles andere brachte er sich autodidaktisch bei. "Wenn ich hier am Anfang bei Verträgen etwas nicht richtig verstehen konnte, habe ich dreimal nachgefragt", feixt de Vries. "Dabei ging es um viel Geld - und Holländer sind schließlich Händler." Nur mit dem korrekten Gebrauch von "mir" und "mich" werde er wohl nie zurechtkommen, sagt de Vries. Er sei getröstet: Viele Eingeborene schaffen das auch nicht.

Gewöhnen musste sich der Neu-Deetzer auch an spezielle Sitten - etwa bei Beerdigungen. "Bei uns wird in der Kirche endgültig Abschied genommen." In Deutschland übliche Beileidsbekundungen am Grab waren dem Niederländer daher neu. Um die Klippe zu umschiffen, übte er sich in Zurückhaltung: "Ich habe einfach getan, was mein Herz mir gesagt hat."

Deetz l Spinnt das Navi? Dahinten sind nur Ställe zu sehen. Das Navi spinnt nicht. Ganz am Ende der Bahnhofstraße von Deetz wohnt tatsächlich noch jemand: Im umgebauten Sozialgebäude der einstigen LPG "Thomas Müntzer" liegt also "Klein-Holland". Hier lebt Kees de Vries, Agrarunternehmer und Bundestagsabgeordneter mit CDU-Mandat. Quasi am Ende der Welt. "Vielleicht liegt aber am Ende der Welt das Paradies?", schmunzelt der 58-Jährige nach einem kernigen Händedruck.

Es ist Mittagszeit, um den Tisch in der Küche sitzen Rob und Linda, zwei der sechs Kinder, außerdem Jessica, eine junge Magdeburgerin, die auf dem Hof eine Lehre macht. Tochter Linda besucht die Fachoberschule in Bitterfeld, Sohn Rob studiert in den Niederlanden. Auf die Frage an den Pendler zwischen zwei Ländern, ob er sich mehr als Holländer oder mehr als Deutscher fühle, heißt es kurz und bündig: "Als Europäer". Ehefrau Ella trägt das Essen auf. Sie ist für ihren Mann die stützende Kraft im Hintergrund.

"Zweimal wäre ich am liebsten auf allen vieren zurückgekrochen."

Vor fast 23 Jahren hatte sich de Vries auf den Weg in den Kreis Zerbst gemacht, um sich hier eine Existenz zu schaffen. Nicht aus Pioniergeist wie die Holländer, die vor 800 Jahren den Landstrich urbar machten, sondern weil der Hof der Eltern in Nordholland nicht allen zwölf Kindern eine wirtschaftliche Zukunft bieten konnte. In Sachsen-Anhalt gab es Boden und vor allem eine EU-Milchquote - in den Niederlanden unerreichbar.

"Für unsere Familie war der Umzug eine endgültige Entscheidung", sagt de Vries. "Hier sind die Kinder groß geworden, von hier gehen wir nicht mehr zurück." Und hat er diesen Schritt tatsächlich nie bereut? "Oh doch, in den 90er Jahren wäre ich zweimal am liebsten auf allen vieren zurückgekrochen."

Dann wäre er in seiner alten Heimat nie zu dem Star geworden, der er heute ist: Holländische Medien sind de Vries nach der Wahl die Tür eingerannt, die niederländische Botschafterin in Berlin hat in Deetz vorbeigeschaut. Bei offiziellen Anlässen im von Landsleuten gegründeten nahen Oranienbaum ist er der Vorzeige-Holländer, der schon Königin Beatrix die Hand reichen durfte. Dem Landwirt und Politiker ist das alles ein bisschen viel Rummel um seine Person.

Viel Wind machen liegt ihm auch im Bundestag nicht. Deshalb wohl ist seine Außenwirkung bisher begrenzt. De Vries verweist lieber darauf, dass er im ersten halben Parlamentsjahr viermal zu Fachthemen am Rednerpult stand. Was auch daran liegt, dass Bauern im Bundestag zu den Exoten gehören.

Obwohl er die Geschäftsführung der "Vrieswoud KG" an seinen 27-jährigen Sohn Kees, in der Firma nur Junior genannt, abgegeben hat, ist der Parlaments-Job stressiger, als es der breitschultrige Holländer vermutete: "Das ist ein sehr intensives Leben. Schließlich bin ich keine 18 mehr."

"Abendveranstaltungen besuche ich nur mit meiner Frau."

In den Bundestagswochen in Berlin ist Gattin Ella stets dabei. Von den zahlreichen Einladungen macht er selten Gebrauch. "Abendveranstaltungen besuche ich grundsätzlich nur mit meiner Frau. Ich muss nicht überall sein." Drei Wochen Urlaub gönnte sich das Ehepaar de Vries - im grünen Irland. Der Landwirt wollte endlich einmal wissen, ob die Kühe und Landschaften so prachtvoll sind, wie sie in der Werbung dargestellt werden. Und? "Ach, der Vorfläming ist auch wunderschön, nur sehen das die Einheimischen oft gar nicht mehr."

Die Parlaments-Pause nutzt de Vries zudem für eine Sommertour durch den Wahlkreis. Im Zerbster Fahrzeug- und Karosseriewerk (Fa-Ka) wird er von Erich Ruhe erwartet, gemeinsam mit Sohn Björn Eigentümer des Betriebes. Bei Fa-Ka sind 40 Leute beschäftigt, das Unternehmen hat gut zu tun.

De Vries ist hier in erster Linie Zuhörer, nicht unbedingt die Lieblingsrolle für Machertypen wie ihn. Doch er ist lernfähig. "Ich habe in Berlin gelernt, mir erst Meinungen von allen Seiten anzuhören, ehe ich mir ein Urteil bilde."

Die Zerbster fertigen die Aufbauten für die Fahrgestelle bekannter Laster-Hersteller von Mercedes bis Scania. "Jeder Lkw ist ein Unikat", erläutert Erich Ruhe, der die Firma 1990 gegründet hat. Was er braucht, sind nicht Aufträge, sondern Arbeitskräfte. Am liebsten jüngere Fachleute zwischen 20 und 30, die sich eine Existenz aufbauen, oder ältere ab 45, die viel Erfahrung mitbringen.

"Wir haben zu viele Gymnasiasten und zu wenig Nachwuchs mit Berufsschulausbildung", findet Ruhe. "Das ist angekommen in Berlin. Unser Bildungswesen hat in den vergangenen Jahren zu wenig gute Leute produziert", erklärt der CDU-Abgeordnete.

In die deutsche Politik kam de Vries übers Wasser - genauer über die Arbeitsgruppe Wasser-entnahme für den trockenen Zerbster Raum. Bereits in den Niederlanden war der Katholik Parteimitglied bei den Christdemokraten. So lag für ihn der Eintritt in die CDU auf der Hand, der er seit 1999 angehört. "Das war für mich keine Frage der Personen, sondern des Prinzips der sozialen Marktwirtschaft. Das unterschreibe ich. Die Wirtschaft ist wichtig, aber man muss Schwächere mitnehmen." 2003 wurde der Deetzer in den Kreistag gewählt, im zweiten Anlauf schließlich 2013 in den Bundestag.

"Soll ich statt der Leute etwa Roboter im Stall einsetzen?"

"Mir geht es als Abgeordneter nicht ums Ansehen oder ums Geld - ich will, dass in die Diskussion um die Landwirtschaft mehr Sachlichkeit einzieht", sagt de Vries. Etwa bei der grünen Gentechnik. "Angeblich sind 88 Prozent der Deutschen dagegen. Ich behaupte mal, dass 88 Prozent der Bevölkerung gar nicht wissen, was das ist", wettert der Holländer, "wir dürfen nicht etwas kaputtreden, was wir später vielleicht brauchen."

Oder der Mindestlohn, der in der Landwirtschaft mit ihren langen und saisonal unterschiedlichen Arbeitszeiten problematisch sei. "Soll ich wie in Holland statt der Leute etwa Roboter im Stall einsetzen?"

Leicht zu vibrieren beginnt der Tisch, als de Vries beim Reformgesetz über die erneuerbaren Energien in Fahrt kommt. "Die Energiegewinnung aus Biomasse wird kaputtgemacht. Und gleichzeitig wird die Windenergie zu gut bezahlt, das geht nicht."

De Vries hat als einer von wenigen aus der CDU-Fraktion gegen die Gesetzesnovelle gestimmt. Das brachte ihm Missfallen ein, doch der Holländer will sich treu bleiben. Nachdenklich meint er: "In der öffentlichen Wahrnehmung ist der Landwirt oft nur noch Kapitalist, Tierquäler und Umweltzerstörer. Das ärgert mich gewaltig. Offenbar geht es uns zu gut."

 

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