Das rät die Polizei zum Schulanfang
Bevor Kinder einen Schulweg allein zurücklegen können, müssen Erwachsene die Strecke mit ihnen üben. Nicht der kürzeste, sondern der sicherste Weg ist der beste. Erwachsene müssen jederzeit Vorbild sein. Kinder verlassen sich darauf, dass das, was der Vater oder die Mutter tun, auch richtig ist.
Eltern sollen sich das eingeübte Verhalten erläutern lassen. Dabei zeigt sich, ob ein Kind alles verstanden hat. Empfehlenswert ist es, das Schulkind auf dem Weg einmal unbemerkt zu beobachten.

Das Fahrrad ist kein geeignetes Verkehrsmittel für Schulanfänger. Selbst wenn sie das Gefährt sicher beherrschen, fällt es ihnen schwer, gleichzeitig den Straßenverkehr zu beachten.
Ist die Fahrt mit dem Auto unvermeidlich, brauchen Kinder unter 1,50 Meter Größe einen Kindersitz. Eltern sollten rechtzeitig losfahren, damit keine Hektik aufkommen kann. Beim Absetzen sollten sie auf der richtigen Straßenseite anhalten, damit das Kind im Gedränge der anderen Autos nicht die Straße überqueren muss.
Der Bus ist vergleichsweise sicher. Unfälle ereignen sich vor allem beim Warten sowie beim Ein- und Aussteigen.

Wernigerode/Magdeburg l Noch zehn Minuten, dann öffnet sich die Schultür. Die Straße vor der Wernigeröder Stadtfeld-Grundschule belebt sich. Am Bordstein halten Autos, Kinder springen heraus. Die nächsten Wagen kommen von hinten, überholen. Ein Bus rollt an. Und auch auf der Gegenfahrbahn steigt ein Kind aus. Ein schneller Blick, dann spurtet das blonde Mädchen über die Straße. Geschafft.

Erster Schultag, erster Stress - schon vor dem Unterricht. Immer neue Autos biegen um die Ecke, bremsen, fahren an, rangieren rückwärts. Immer dazwischen: Sieben-, acht, neunjährige Kinder, die im Gedränge oft den Überblick verlieren. Ab Montag kommen die Erstklässler hinzu - noch mehr Autos. "Ganz schlimm ist es nachmittags, dann parken viele in der zweiten und dritten Reihe", sagt Franziska Hoppe, die gerade zwei ihrer vier Kinder abgeliefert hat. Sie ist den nahen Weg zu Fuß gekommen.

Das Gedränge entsteht, weil andere, die kaum weiter weg wohnen, mit dem Auto vorfahren. "Viele sind zu faul", urteilt die Mutter. Als ihr älterer Sohn die erste Klasse besuchte, wäre er einmal beinahe unter die Räder gekommen. "Die Horterzieherin hat geschrien, da ist er vor Schreck im letzten Moment noch stehengeblieben. Das hätte sonst ganz böse gekracht."

227 Kinder besuchen die Stadtfeld-Grundschule, die Mehrzahl kommt zu Fuß. Aber selbst Dutzende Autos, die innerhalb von 20 Minuten vorfahren, verstopfen die kleine Straße des Plattenbau-Wohngebiets heillos. "Wir haben Angst um unsere Kinder", bekennt Schulleiter Wolfgang Berge. "Manche lassen ihr Kind mitten auf der Fahrbahn aussteigen."

Landauf, landab beginnt an diesem Donnerstag das Gedrängel und Gehupe. Beispiel Zerbst: Zur Grundschule An der Stadtmauer führt nur eine schmale Sackgasse. Dennoch rollt kurz vor Schulbeginn Auto auf Auto hinein. "Viele fahren über den Fußweg, wenn sie nicht mehr durchkommen. Da gibt es sehr gefährliche Situationen", klagt Schulleiterin Helgard Kurig. Dabei ist das Gedränge unnötig: Keine 300 Meter entfernt gibt es vor der Kita einen großen Parkplatz. Die Eltern könnten dort anhalten, die Kinder müssten von dort nicht einmal eine Straße überqueren.

"Seit vielen Jahren sagen wir den Eltern das, aber bei vielen gibt es keine Einsicht", resigniert die Direktorin. Eigentlich ist sie überzeugt, dass Kinder einen Schulweg von weniger als einem Kilometer allein gehen können. Darauf drängen will sie aber nicht. Denn was ist, wenn doch einmal etwas passiert? Trägt sie dann MitVerantwortung?

Aus Sorge ums Kind fahren viele Eltern so nah zur Schule, wie es eben geht - und gefährden die Kinder gerade dadurch. "Das tägliche Kutschieren im Auto bringt eine verdammt trügerische Sicherheit", warnt der Verkehrs-Experte Jörg Kuske vom Landesinnenministerium. Wenn innerhalb einer halben Stunde teils mehr als 100 Autos aus allen Richtungen anrollten, werde der Platz zwangsläufig eng. "Dann halten die Autos in der zweiten oder dritten Reihe, die Kinder werden mal schnell rausgelassen, und der Nächste hat sie vor der Motorhaube."

Das Unrechtsbewusstsein: nahe null. Selbst wenn Polizisten in der Nähe seien, ändere sich das Verhalten kaum, staunt der Polizeirat.

Selbst der ADAC, stets ein Streiter für ungehindertes Autofahren, warnt vor den Eltern-Taxis. "Sein Kind in die Schule zu fahren ist gefährlicher, als es selbst gehen zu lassen", urteilt der Club. Er stützt sich auf eine aktuelle Studie der Bergischen Universität Wuppertal.

Die Wissenschaftler hatten die Lage vor 14 Grundschulen in Nordrhein-Westfalen analysiert. Weniger als ein Drittel der beobachteten Eltern-Taxis hielten sich an die Straßenverkehrsordnung. Die anderen hielten auf der Fahrbahn, auf Gehwegen, Bushaltestellen und sogar Behindertenparkplätzen.

Es gebe offenbar den Wunsch nach einer "Drive-in-Schule", heißt es in der Studie sarkastisch. Die Hälfte der befragten Eltern hält einen Fußweg von mehr als 150 Metern für unzumutbar. Für 20 Prozent ist bereits 50 Meter die absolute Obergrenze.

Was Lehrer und Anwohner allmorgendlich erleben, ist Teil eines grundlegenden Wandels. Noch 1976 legten 92 Prozent der (westdeutschen) Kinder ihren Schulweg selbstständig zurück, hat die Essener Verkehrspädagogin Maria Limbourg herausgefunden. Im Jahr 2000 waren es in ganz Deutschland nur noch 50 Prozent. Die Schließung kleiner, nahegelegener Schulen ist ein Grund. Der immer größere Sicherheitsdrang der Väter und Mütter ein anderer. "Helikopter-Eltern" heißt diese Generation, die ihren Nachwuchs - oft ein Einzelkind - pausenlos im Blick hat, wie im Hubschrauber über den Kindern kreist.

Was schwindet, sind Gelegenheiten, allein die Welt zu erkunden. Beim Spielen am Bach, beim Streifen durch den Wald. Mittlerweile verunglücken mehr Kinder im Auto der Eltern als beim Zufußgehen. In Sachsen-Anhalt waren im vergangenen Jahr 40 Prozent der kleinen Unfallopfer Beifahrer, 28 Prozent saßen auf dem Fahrrad, 24 Prozent waren zu Fuß.

Das Kinderhilfswerk und der ökologisch orientierte Verkehrsclub Deutschland (VCD) warnen vor dieser Entwicklung. Sie fordern Eltern auf, das Auto stehen zu lassen, wann immer es geht. "Beim Laufen gewinnen Kinder Sicherheit im Straßenverkehr, sie lernen Geschwindigkeiten und Entfernungen besser einzuschätzen", sagt Anja Hänel vom VCD.

Alexander Baumbach kann mit solchen Ratschlägen nichts anfangen. "Das geht doch an der Lebensrealität vorbei", sagt der Vater zweier Töchter und Sprecher des Landeselternrats. Baumbach wohnt in einem Dorf nahe Wittenberg. "Die Eltern müssen morgens eh zur Arbeit", sagt er, "da können sie die Kinder auch mitnehmen und sind sicher, dass sie nicht weggefangen werden."

Er hat Verständnis dafür, wenn Eltern selbst noch Mittel- und Oberstufenschüler bis zur Schule fahren. Der Platz vor vielen Schulen, das räumt er ein, sei zu eng. Das müssten die Kommunen lösen, findet Baumbach. "Unsere Kinder sind schließlich das Wichtigste, was wir im Land haben. Da sollte genug Geld da sein, um Parkplätze anzulegen." Einen neckischen Namen für die Aus- und Einsteige-Zone gibt es bereits: "Kiss Ride". Die NRW-Stadt Wülfrath hat sich bereits entschieden, das Problem auf diesem Weg anzugehen.

Den Druck der Eltern spüren auch viele Städte und Gemeinden in Sachsen-Anhalt. Die Verwaltung in Gommern (Jerichower Land) hat nach jahrelangem Streit um die Autolawine vor der Grundschule einen Verkehrsplaner ins Boot geholt.

Jetzt soll ein neuer Parkplatz her. Mehrere Varianten bekommt der Stadtrat demnächst vorgestellt. Die Kosten liegen, je nach Ausführung, zwischen 20.000 und 150.000 Euro. "Viele Eltern haben eben ein sehr hohes Sicherheitsbedürfnis und kommen mit dem Auto", sagt Bürgermeister Jens Hünerbein. Zum Glück sei bislang noch nichts passiert. "Aber wir wollen es nicht so weit kommen lassen."

Auch die Eltern der Wernigeröder Stadtfeld-Grundschule fordern Einsatz von der Stadt. "Wenn nachmittags alle Kinder gleichzeitig aus der Schule stürmen, die Autos vorfahren und nebenbei noch der Bus kommt, ist das Chaos da", sagt Nadine Dünkler. Wenigstens ein Zebrastreifen sei nötig, findet sie wie viele andere Eltern. Allerdings: Das Gebiet ist bereits verkehrsberuhigt, Fußgängerüberwege sind in einer Tempo-30-Zone nicht vorgesehen.

Es liege nicht an fehlendem Engagement der Stadt, beteuert Schulleiter Berge. Aber das Problem sei schwierig. In den Elternversammlungen geben alle Lehrerinnen den Eltern einen dringenden Rat: Sie sollen sich einmal im morgendlichen Gewühl auf Augenhöhe der Kinder begeben, zwischen den parkenden Autos in die Hocke gehen. "Da merkt man erst, was ein Kind überhaupt sehen kann", sagt der altgediente Direktor.

Wie er sich eine Lösung vorstellen kann? Berge zögert keinen Moment. "Durch Vernunft der Eltern."

 

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