Der Erste Weltkrieg war noch keinen Monat alt, da verlor die Kaiserliche deutsche Marine ihr erstes Kriegsschiff. Am 26. August 1914 lief der Kleine Kreuzer "Magdeburg" bei einer Erkundungsfahrt in der Ostsee auf Grund und wurde von seiner Besatzung gesprengt.

"Unser Magdeburger geliebtes Patenkind in Deutschlands Flotte, der kleine Kreuzer ,Magdeburg`, hat ein ruhmvolles Ende gefunden", schrieb zwei Tage später der Magdeburger General-Anzeiger. Das Ereignis war der auflagenstärksten Zeitung der preußischen Provinz Sachsen nicht von ungefähr einen Titel auf der ersten Seite wert: "Helden-Untergang des Kreuzers ,Magdeburg`". Seit das Kriegsschiff am 13. Mai 1911 auf der Bremer Weser-Werft vom Stapel gelaufen und auf Magdeburgs Namen getauft worden war, galt es als Liebling der national gesinnten Presse.

Das mehr als acht Millionen Mark teure Schiff war Namensgeber einer völlig neuen Schiffsklasse. Deren Schiffe sollten stärker sein als alle schnelleren Kriegsschiffe und schneller als alle stärkeren. Die zwölf 105-Millimeter-Geschütze und zwei Torpedorohre verliehen eine beachtliche Feuerkraft, und drei Turbinen mit insgesamt 23000 PS sorgten für eine Geschwindigkeit von 27 Knoten.

Der Magdeburger General-Anzeiger schwärmte von der "Magdeburg" als "schmuckes, modernes Schiff". Tatsächlich aber galt der Kreuzer unter Marine-Fachleuten als problembehaftet, heute würde man ihn wohl als Montags-Schiff bezeichnen. Anders als ihre Schwesterschiffe "Stralsund", "Straßburg" und "Breslau" erreichte die "Magdeburg" statt der vorgesehenen Geschwindigkeit nie mehr als 22 Knoten. Zu wenig, um mit den schnellen Einheiten der britischen Marine mithalten zu können. Damit war sie für die Hochseeflotte ungeeignet und wurde von der Marineführung in die Ostseeflotte eingereiht - die russischen Kriegsschiffe erreichten nur 15 bis 23 Knoten.

Auf Feindfahrt in der Ostsee

Von alldem ahnte in der Patenstadt niemand etwas, als im Januar 1914 ein Teil der 373-köpfigen Besatzung die preußische Provinzhauptstadt besuchte und mit den Magdeburgern gemeinsam zwei Tage feierte.

Auch nach Ausbruch des Krieges hielten Stadt und Patenschiff Kontakt. In einem am 14. August im Magdeburger General-Anzeiger abgedruckten Telegramm berichtete Kommandant Richard Habenicht von einer gemeinsam mit dem Kleinen Kreuzer "Augsburg" unternommenen ersten Feindfahrt: "Wenn die Blätter es auch meist nicht gebracht haben, wollen wir es doch unseren Freunden in Magdeburg nicht vorenthalten, daß die ,Magdeburg` die ,Augsburg` an Libau herangeführt und die Stadt ... beschossen hat."

Bereits am 23. August ging es erneut unter Führung von Konteradmiral Ehler Behring an Bord der "Augsburg" auf Feindkurs. Der kleine Flottenverband sollte einen Weg zwischen der deutschen und einer vermuteten russischen Minensperre finden und zugleich feindliche Vorpostenschiffe vernichten. "Unser Todesritt", munkelten die Kommandanten, als sie an Bord des Flaggschiffs letzte Einzelheiten besprachen. Doch Behring wiegelte ab: "Wird es nicht gewagt, so ist auch der Erfolg ausgeschlossen."

Sorgen bereitete ein technisches Problem. Die astronomischen Navigationsbestecke der "Augsburg" und der "Magdeburg" wichen um eine Seemeile voneinander ab. Das wurde als nicht bedeutsam angesehen. Ein verhängnisvoller Fehler. Die "Magdeburg" sollte dem Flaggschiff mit etwa 1000 Metern Abstand folgen.

Als die Sicht schlechter wurde, schrieb Behring auf der "Augsburg" in sein Kriegstagebuch: "Magdeburg ... kommt im Nebel aus Sicht", fügte aber hinzu: "Da sowieso nach Kurs und Uhrzeit gesteuert werden mußte, schien kein Grund vorzuliegen, die Unternehmung aus navigatorischen Rücksichten aufzugeben".

Nun nahm alles seinen verhängnisvollen Lauf. Nach Passieren der vermuteten russischen Minensperre ging die "Augsburg" auf Gegenkurs. Auch Habenicht befahl seine "Magdeburg" auf den neuen Kurs. Aber der Wendepunkt lag genau eine Seemeile südlicher und damit näher zur Insel Odensholm, als der Kommandant annahm.

Als das Flaggschiff anordnete, nach Ostnordost abzudrehen, war es für die "Magdeburg" bereits zu spät. Um 0.38 Uhr am 26. August saß das Schiff fest. Steuerbord vorn war das Wasser nur noch 2,5 Meter tief, am Heck 7 und 9 Meter. Odensholm mit Leuchtturm und russischer Besatzung lag nur etwa 200 Meter entfernt, der russische Marinestützpunkt Tallinn ganze 50 Seemeilen.

17 Tote und 21 Verwundete

Verzweifelt versuchte das begleitende Torpedoboot V 26 die "Magdeburg" in tiefes Wasser zu schleppen. Erfolglos. So befahl Kommandant Habenicht, die Mannschaft zum Torpedoboot überzusetzen und die "Magdeburg" zu sprengen. Aber als die ersten Sprengsätze zündeten, waren noch Besatzungsmitglieder an Bord, andere wurden im Wasser schwimmend von schweren Eisenteilen der "Magdeburg" erschlagen.

Das Durcheinander verschlimmerte sich, als um 9.10 Uhr der russische Kreuzer "Bogatyr" auftauchte. Zwischen ihm und der V 26 kam es zum Feuergefecht. Das Torpedoboot musste abdrehen, an Bord den größten Teil der Besatzung der "Magdeburg". Die kaiserliche Marineleitung sprach später von 17 Toten, 21 Verwundeten und 85 Vermissten. Letztere, darunter auch Kommandant Richard Habenicht, gerieten in russische Gefangenschaft.

Russen halten Funde geheim

Damals ahnte niemand, dass der Verlust der "Magdeburg" schwerwiegende Folgen für den weiteren Kriegsverlauf haben würde. Die Sprengung der "Magdeburg" war misslungen.

Als die Russen an Bord kamen, entdeckten sie neben 4977,73 Mark auch Karten mit den eingetragenen deutschen Minensperren und dazugehörigem Code, geheime Lotsenbücher, das Kriegstagebuch, vor allem aber zwei geheime Signalbücher mit dazugehörigem Schlüssel. Der Öffentlichkeit verschwiegen die Russen ihren Fund, gaben ihn aber an den britischen Verbündeten weiter, der seit längerem am Aufbau einer Funkaufklärung arbeitete.

Die deutsche Seekriegsführung ahnte davon nichts. Und sie tappte bald in die Falle. Am 14. Dezember 1914 ließ Vizeadmiral Franz von Hipper an die Flotte funken: "Unsere Schiffe und Torpedobootsflottillen verlassen die Jade um 3.30 Uhr und passieren Helgoland nach 17.30 Uhr." Dank der "Magdeburg"-Funde entschlüsselten die britischen Funkaufklärer die Funksprüche und deuteten die Angaben als Abfahrt- und Rückkehrzeiten des deutschen Geschwaders.

Bei der Rückkehr stellten sie ihm eine Falle bei der Doggerbank. Hippers Geschwader entging damals der Vernichtung, weil der Vizeadmiral kleinere Einheiten vorzeitig entlassen hatte. Die liefen nun zwar vor die Geschütze der Briten, warnten aber dadurch Hippers Hauptkräfte.

Vize-Admiral Hipper in der Falle

Die deutsche Marineführung wiegelte ab, das Aufeinandertreffen sei wohl Zufall gewesen. Das rächte sich bereits im Januar 1915. Da wurde - wieder per Funk - die Ausfahrt eines Geschwaders zur Doggerbank angekündigt. Wenig später lagen die Aufmarschpläne auf dem Tisch von Marineminister Winston Churchill, mit genauen Stärke- und Zeitangaben. Als Hipper am 24. Januar mit seinem Geschwader an der Doggerbank eintraf, sah er sich einer doppelten Übermacht eines auch noch schnelleren Feindes gegenüber.

Während das Flaggschiff "Seydlitz" noch mit dem Schrecken davonkam, wurde der Schlachtkreuzer "Blücher" von den Briten versenkt. Nur 281 der 1028 Besatzungsmitglieder konnten gerettet werden. Nun endlich dämmerte es der Marineführung, dass die Briten mithören könnten. "Vielleicht", mutmaßte Prinz Heinrich, Chef der Ostseeflotte, "bietet der Besitz des Signalbuches - Verlust des Buches mit SMS ,Magdeburg` ... ist nicht ausgeschlossen - ihnen dazu die Anregung und ein willkommenes Hilfsmittel."

Gewissheit brachte erst das Jahr 1927. Da enthüllte Sir Alfred Ewing das Erfolgsgeheimnis seiner ehemaligen Dienststelle, der britischen Marinefunkabwehr "Room 40". Und für David Kahn, Autor eines Bestsellers über die Geschichte der Geheimschrift, ist der Fund des Codebuchs der "Magdeburg" "vielleicht der glücklichste in der ganzen Geschichte der Geheimschrift".

 

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