Zur Person
Andreas Riethmüller ist der Kopf hinter dem CDU-Konzept des Schulverbands. Im Landesfachausschuss Bildung seiner Partei hatte der Hallenser darüber nachgedacht, wie sich kleine Schulen erhalten lassen. Das Ergebnis: Grundschulen sollen Nebenstandorte führen dürfen und selbst über ihr Personal verfügen. Im September segnete der CDU-Landesvorstand das ab. Riethmüller ist 53 Jahre alt und beschäftigt sich auch beruflich mit Schulen: als Abteilungsleiter im Landesverwaltungsamt. (he)

Auch in der Fläche muss es noch Schulen geben, fordert Andreas Riethmüller. Wie sich das organisieren lässt, erklärt der 53-Jährige im Gespräch mit Volksstimme-Redakteur Hagen Eichler.

Volksstimme: Herr Riethmüller, Kultusminister Dorgerloh will seine eigenen Vorgaben korrigieren. Grundschulen mit 60 Schülern dürfen nun doch bestehen bleiben. Damit ist der Schulverband, für den die CDU wirbt, doch nicht mehr nötig, oder?
Andreas Riethmüller: Doch, weil auch die herabgesetzte Grenze Schulschließungen nicht verhindert. Es gilt weiterhin eine starre Grenze. Wir hingegen schlagen den Schulverband vor. Wenn der zwei Schulstandorte hat, braucht er zusammen zweimal 60 Schüler, also 120.

Dann gelten ja weiterhin starre Mindestzahlen.
Nur anfangs. Wenn später ein Standort unter die 60 rutscht und die Schule sich zu dem Standort bekennt, kann der Schulleiter ihn erhalten.

Wenn Sie zwei Standorte mit 60 und 60 Schülern erlauben, warum dann nicht auch 80 und 40?
Wir wollen den Landkreisen gegenüber fair sein. Die mussten ihre Schulplanung beschließen, und die Vorgabe des Landes war eine Mindestgröße von 60 Schülern. Das wollen wir jetzt nicht über den Haufen werfen.

Was ändert sich beim Schulverband für die Lehrer?
Wir wollen, dass es wieder Spaß macht, in der Fläche zu arbeiten. Es stimmt, dass viele junge Lehrer in der Großstadt leben wollen. Es gibt aber auch andere, die sich auf dem Land wohlfühlen, die dort Bindungen haben. Bisher schickt das Landesschulamt den Grundschulen die nötigen Lehrer. Aus dieser Nummer will ich raus, jeder Schulverband soll entsprechend der schülerzahlbezogenen Stundenzuweisung mit genügend Lehrern ausgestattet werden, die fest dazugehören. Jede Schule hätte einen eigenen Stellenplan und kann über diese Ressourcen verfügen.

Müssen sich Lehrer darauf einstellen, innerhalb des Schulverbands nach Belieben hin- und hergeschickt zu werden?
Da geht es ja um kurze Entfernungen. Wenn ein Lehrer von Gardelegen nach Estedt fährt, ist das viel einfacher, als wenn er von Magdeburg aus hingeschickt wird. Außerdem bietet die Planungshoheit beim Schulleiter die Chance, Fahrwege zu vermeiden. Nach der gültigen Rechtslage bedarf jeder Einsatz an einer anderen Schule einer Abordnungsverfügung - egal, ob es sich um eine Stunde, einen Tag, eine Woche oder einen Monat handelt. Wenn irgendwo ein Lehrer krank wird, sucht das Landesschulamt vier Wochen nach einem geeigneten Ersatz, dann muss noch der Personalrat der einzelnen Stufen gehört werden und zustimmen - so etwas bindet unnötig Verwaltungskraft und viel Zeit und produziert immer wieder unnötigen Unterrichtsausfall. Diese Missstände könnten mit dem Modell Grundschulverband vermieden werden.

Bekommen Lehrer ihre Fahrten innerhalb des Schulverbands bezahlt?
Nicht extra. Das Fahren zur Dienststelle würde wie bisher zum Arbeitsprofil des Lehrers gehören. Das Fahren zwischen den Standorten sollte aber über ein Kilometergeld honoriert werden.

Grundschulleiter klagen über ihre Belastung, viele wollen den Job gar nicht machen. In Ihrem Modell müssten die Schulleiter zusätzlich auch noch Personal planen.
Kleine Schulen mit weniger als 80 Schülern haben derzeit ja gar keinen richtigen Schulleiter, nur einen Lehrer mit Zulagen. Er hat seine Unterrichtsverpflichtung, muss nebenbei den Haushalt verwalten, die Eltern-arbeit organisieren und hat, wenn er Pech hat, noch nicht mal eine Sekretärin. Wenn man da anruft, geht meist nur der Anrufbeantworter ran. Die Ansprechbarkeit ist eine Farce. Wir wollen, dass der Schulleiter wirklich Eigenverantwortung übernimmt und echte personalrechtliche Befugnisse erhält. Er kann zum Beispiel für die erkrankte Kollegin schnell Ersatz beziehungsweise Vertretungsunterricht durch einen Honorarvertrag organisieren.

Müssten die Schulleiter dann nicht besser bezahlt werden?
Ich persönlich halte die Bezahlung der Schulleiter nach der Anzahl der Schüler für eine Zumutung. Das ist auch eine Ursache, weshalb so viele Schulen ohne eigene Schulleitung sind und das Interesse von Lehrkräften an diesem Amt sehr mäßig ist. Hier ist der Gesetzgeber gefordert, um dieses Problem zu lösen und die materielle Anerkennung zu garantieren.

Wird es teurer für das Land?
Nein, unser Modell ist kostenneutral.

Aber die Kommunen müssen mehr zahlen, wenn sie zwei oder drei kleine Standorte unterhalten müssen statt einen großen.
Wenn ein Gebäude nicht zu halten ist, weil Aufwand und Nutzen nicht in vernünftiger Relation stehen, kann die Gemeinde es ja schließen. Es geht uns überhaupt nicht darum, auf Teufel komm raus kleine Standorte zu halten. Aber wir dürfen es auch nicht als gottgegeben ansehen, dass alles auf dem Land geschlossen wird. Auch in der Fläche muss es noch etwas geben, was junge Familien hält und anlockt, und das ist eine funktionierende Schule. Wir wollen den Teufelskreis durchbrechen.

Die SPD will den Schulverband partout nicht haben. Eigentlich können Sie Ihr Modell in den Papierkorb werfen.
Das werde ich nicht tun. Wenn man die Schulverbände jetzt ins Gesetz schreiben würde, könnte man die Debatte sach- und fachorientiert endlich in ruhiges Fahrwasser lenken und den Grundschulverband erproben. So aber bleibt uns nur, mit unserem Modell in den nächsten Landtagswahlkampf zu gehen.