Buch l Vorsichtig steigt Mario Firla über den elektrisch geladenen Weidenzaun. Ein Bein nach dem anderen. Und bloß nicht mit dem Gummistiefel hängen bleiben. Auf den Schultern trägt er ein schweres Stativ mit dickem Fernglas oben drauf. "60fache Vergrößerung. Da holt man schon was ran", erzählt er beim Marsch durch das feuchte Weidengras. Hinten im Dunst fließt irgendwo die Elbe. Ein paar Kühe blicken verdutzt. Hier draußen in der Aue südlich von Tangermünde kommt im diesigen November selten Besuch.

Mario Firla, der Hobby-Vogelkundler aus Ferchland, kommt häufiger. Bei Sonne, bei Regen und bei Frost. Schlosser ist er von Beruf, aber er führt nach dem Job ein Zweitleben. Seine Leidenschaft sind die großen Greifvögel. Rotmilan, Fischadler und "König" Seeadler. Bis zu 2,50 Meter Flügelspannweite. "Da!" Firla zeigt auf eine laubfreie Baumreihe in 500 Meter Entfernung. Wo? "Da!" Mmh ... Der Laie sieht nichts. Überhaupt nichts.

Ein prächtiger Jungadler sitzt im Geäst

Flink rammt Firla sein Stativ in den weichen Wiesengrund. Kurz zieht er das Objektiv scharf, tritt zurück und zeigt auf das Okular - "Da!" Unfassbar. Wow! Ein prächtiger Jungadler sitzt im Geäst und schaut Richtung Horizont einem Schwarm Graugänsen hinterher. Sogar die gelbliche Farbe des Hakenschnabels ist gut zu erkennen. "Bis auf 250 Meter kann ich seinen Ring oberhalb der Kralle ablesen. Zwei Zahlen und zwei Buchstaben", erzählt er.

Der Ferchländer ist so etwas wie der Herr der Adler-Ringe im mittleren und nördlichen Sachsen-Anhalt. Er gehört zu den wenigen Auserwählten, die im Auftrag der Naturschutzbehörde Jung-Adler im Nest beringen dürfen, wenige Tage bevor sie flügge werden. Nur drei Adler-Beringer gibt es nach Auskunft der Staatlichen Vogelschutzwarte Steckby in Sachsen-Anhalt. In ganz Deutschland sind es 64.

"Seeadler zu beringen ist schon etwas Besonderes", erzählt Mario Firla. Gemeinsam mit Vogelfreund Manfred Kuhnert zieht er im Mai los zu den Nistplätzen, die beide zuvor wochenlang beobachtet haben. "Der Horst ist häufig 20 Meter hoch oben in der Baumkrone. Ich steige mit Steigeisen hinauf, gesichert mit einem Seil." Der Zeitpunkt ist wichtig: Die Vögel müssen groß genug für den Ring, dürfen aber noch nicht flügge sein. "Es ist schon vorgekommen, dass mir ein Jungadler den Daumen fast durchgebissen hat. Aber im Normalfall greife ich sie mir schnell, packe sie in einen Seesack und seile den Sack zu meinem Kollegen ab." Der legt den Tieren die Ringe an und dann geht es im Sack wieder hinauf in den Horst.

Währenddessen kreist das Weibchen aufgeregt über dem Baum und beklagt den Eingriff in ihr Familienleben lautstark. Firla: "Angriffslustig gegenüber Menschen sind Seeadler nicht. Rotmilane sind da schon anders. Die fliegen Scheinangriffe. Einer hat mich mal am Kopf erwischt."

Seeadler, Weißstörche, Schwarzstörche, Fischadler, Rotmilane - auf etwa 500 Beringungen wird der Ferchländer Vogelkundler 2014 kommen. Ein Jahr zuvor waren es fast 800. Doch seit dem Winter hat der 47-Jährige eine neue Partnerin. Etwas Rücksicht ist da ein guter Ratgeber. "Ich bin dann in diesem Jahr auch öfter mal zu Hause geblieben", sagt er etwas schüchtern. Richtig so. Sonst macht das neue "Weibchen" gleich wieder den Abflug.

Die Nistplätze werden als Geheimnis bewahrt

Die Nistplätze der Seeadler bewahrt Firla wie alle seine Vogelfreunde als großes Geheimnis. "Die sollen nicht öffentlich bekannt werden. Wenn rund um den Horst-Baum zu viel Unruhe ist, brüten sie nicht." Im Normalfall zieht ein Seeadlerpärchen ein bis zwei Jungvögel groß. 40 Reviere sind in Sachsen-Anhalt inzwischen bekannt. 35 Brutpaare zählten die Vogelkundler in der Saison 2012/13. Zehn Jahre zuvor waren es noch 20. Geschützte Lebensräume entlang der wieder fischreichen Flüsse, viele Gänse und Enten als Beute - der Seeadler findet gute Lebensbedingungen. Hinzu kommt ein akribischer Horstschutz. Im Umkreis von 300 Metern der Bäume darf keine Landwirtschaft betrieben werden und keine Jagd stattfinden.

"Ich glaube, dass es noch etwa 20 Prozent mehr sind, weil wir nicht alle Brutplätze erfassen. Die Horste liegen häufig wirklich sehr versteckt", glaubt Firla. Er hat beobachtet, dass sich die Seeadler zunehmend weg von ihren angestammten Nistplätzen entlang der Elbe und Havel auch im Hinterland ausbreiten. "Es gibt sie im Drömling westlich von Gardelegen, bei Kalbe/Milde, mehrere am Arendsee. In diesem Jahr siedelte ein Pärchen sogar an der Elbe in Magdeburg." Auch Gunthard Dornbusch, Ornithologe bei der Vogelschutzwarte in Steckby, freut sich über die Zunahme der Seeadler-Population im Land.

"Wir hatten zwar bei der jüngsten Zählung 2013 einen leichten Knick. Aber das spricht nicht gegen den positiven Gesamttrend", sagt er. Auch reiche der Nachwuchs - statistisch etwas weniger als ein Jungtier pro Brutpaar - aus, um zukünftig auf eine weitere Zunahme beim Seeadler zu hoffen.

Der Rotmilan bereitet Sorgen

Der Rotmilan - mit einer Flügelspannweite von bis zu 170 Zentimetern der zweitgrößte Greifvogel Deutschlands - bereitet dem Vogelexperten dagegen Sorgen. "Der Rückgang bei den Brutpaaren um jährlich knapp zwei Prozent in Sachsen-Anhalt hält seit Jahren an und ist besorgniserregend." Im Gegensatz zum Seeadler, der weltweit vorkommt, ist Sachsen-Anhalt ein zentrales Siedlungsgebiet des Rotmilan. 80 Prozent des Weltbestandes konzentrieren sich auf die zentraleuropäischen Länder Deutschland, Frankreich und Spanien. Deutschland (50 Prozent) und speziell auch Sachsen-Anhalt (acht Prozent) sind für den Rotmilan ein wichtiger Siedlungsraum.

Noch steht der Rotmilan zwar nicht auf der Roten Liste als gefährdeter Brutvogel, wird aber inzwischen wieder als "streng geschützt" eingestuft. Der extreme Rückgang des Rotmilanbestandes - zwischen 1991 und 2001 hat sich der Bestand in Sachsen-Anhalt halbiert - geht nach Expertenmeinung maßgeblich auf Veränderungen in der Landwirtschaft zurück. "Der Trend zum Anbau von Mais und Raps für Bioenergieanlagen nimmt dem Rotmilan die Nahrungsgrundlage. In den hohen Pflanzen kann der Vogel keine Beutetiere wie Mäuse und Hamster ausmachen", erklärt Gunthard Dornbusch. Auch die Schließung von Mülldeponien - früher ein beliebter Schlafplatz zur Überwinterung der Vögel - und Vogelschläge durch Windkraftanlagen haben den Bestand an Rotmilanen dezimiert.

So unterschiedlich kann die Entwicklung von zwei so ähnlichen Vogelarten sein. Während der Rotmilan in der Feldflur keine Mäuse mehr findet, geht der Seeadler in Ruhe fischen. "Die haben keine Nahrungsnot", erzählt Vogelkundler Mario Firla beim Zusammenpacken seines Fernrohrs. "Wenn ich im Baum hochgestiegen bin, lag häufig der ganze Horst randvoll mit Fischen."

   

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